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Tektonische Untersuchungen im Wettersteingebirge

Leuchs, Kurt

Kurzfassung

Zur Tektonik des Wettersteingebirges sind in den letzten Jahren von verschiedenen Seiten Beiträge veröffentlicht worden, die sehr unterschiedliche Deutungen enthalten. Es handelt sich dabei einerseits um genaue Untersuchungen von Teilgebieten, wodurch weitere Belege für die Richtigkeit der von AMPFERER, REIS und LEUCHS angenommenen Bewegungsvorgänge erbracht wurden, andererseits aber sind es aus weiterem Überblick gewonnene Anschauungen, bei denen neue Spezialuntersuchungen anscheinend nicht als Grundlage dienten. Das erhellt besonders deutlich bei einem Vergleich der Ansichten über die Nordgrenze der Wettersteinschubmasse, wie sie 1929 von MAX RICHTER und 1934 von HABER geäußert wurden. Beide gehen von der Annahme aus, daß am Nordrande des Gebirges normale Verbindung mit dem Vorlande vorhanden ist. Nach RICHTER muß, da er die von SCHLAGINTWEIT behauptete Zugehörigkeit des Wettersteingebirges zur Inntaldecke als zutreffend ansieht, der Nordrand dieser Decke deshalb weiter im N liegen. Das am Nordrande des Beckens von Garmisch-Partenkirchen sich erhebende Kramermassiv wird aus diesem Grunde noch zur Inntaldecke gerechnet und die Überschiebung am Nordfuße des Kramers bildet dann deren Nordrand. Gegen diese Vereinigung zweier nach ihrem Schichtbestand und Aufbau durchaus verschiedener Gebirgsteile zu einer tektonischen Einheit hat schon AMPFERER wohlbegründeten Einspruch erhoben, dem ich durchaus zustimme. Ebenso erklärt HABER diese Annahme als falsch. Er sucht die Nordgrenze der Wettersteinmasse nicht im Vorlande, aber auch nicht am Nordrande des Wettersteingebirges, kommt vielmehr zu dem überraschenden Ergebnis, daß diese Grenze mitten durch das Wettersteingebirge selbst zieht. Sie soll südlich des Ehrwalder Köpfls am Westrande beginnen, von dort in östlicher Richtung durch das österreichische und bayerische Schneekar nördlich der Zugspitze und weiter am Fuße der Nordwände des Höllentalspitzen-, Hochblassen- und Gaifgrates entlang ziehen, dann über das Reintal hinüber zu den Ferchenseewänden und bis an das Ostende des südlichen Hauptkammes sich erstrecken. Diese beiden verschiedenen Annahmen zeigen deutlich, wie schwer es selbst heute noch ist, eine befriedigende Lösung dieser Frage zu geben. Die Schwierigkeit liegt darin, daß zu der am Westrande des Gebirges mit voller Klarheit erschlossenen Westbewegung, die von den meisten Geologen, die sich näher damit befaßt haben, als Tatsache anerkannt ist, zwar entlang der großen Randstörung an der Südseite des südlichen Hauptkammes die dieser Westbewegung entsprechenden Bewegungsvorgänge nachgewiesen sind, daß aber an der Nordseite des Gebirges ähnliche, den O-W-Schub ebenso klar beweisende Aufschlüsse fehlen. ...