Original paper

Die Gezeiten im Meere des Malm | bei Solnhofen

Wilfarth, Martin

Kurzfassung

Wären die Plattenkalke oder lithographischen Schiefer von Solnhofen nichts anderes als sehr ebenschichtige und feinkörnige Kalke, so würden sie kein Problem darstellen. Derartige Kalke könnten in tiefem und ruhigem Wasser ohne weiteres entstehen. Die Plattenkalke unterscheiden sich aber von der großen Mehrzahl aller anderen marinen Sedimente sehr wesentlich. Während nämlich im allgemeinen marine Sedimente in Hohlformen, in mehr oder weniger geschlossenen Wannen unter dauernder Wasserbedeckung abgelagert wurden, kann das bei den Plattenkalken nicht der Fall gewesen sein. Fährtenabdrücke von schreitenden, hüpfenden und kriechenden Tieren, sowie viele andere Erscheinungen beweisen, daß die Sedimentoberfläche oft trocken gelegen hat. Aus dem Fortgang der Sedimentation müssen wir schließen, daß auf jede Trockenlegung wieder eine Überflutung folgte. Die Häufigkeit der Beweise für Trockenlaufen in den verschiedensten Horizonten und an den verschiedensten Orten lehrt, daß das Wechselspiel von Überflutung und Trockenlegung sehr häufig erfolgt sein muß. Aus der Feinschichtung können wir entnehmen, daß dieses Wechselspiel ein tausend- und millionenmal wiederholter Vorgang war, der sich mit großer Regelmäßigkeit abspielte. Er kann mit Fug und Recht als periodisch bezeichnet werden. WALTHER (1904), ROTHPLETZ (1910), v. STAFF & RECK (1911), SCHWERTSCHLAGER (1919) und ABEL (1927), kurz alle mir bekannten Bearbeiter zweifeln nicht an der Periodizität. Aus der ungestört ebenen Oberfläche der Plattenkalke und ihrer Ebenschichtigkeit geht hervor, daß die Plattenkalke durch Überspülungen in einem Guß entstanden sein müssen. Das Wasser muß sich sogleich wieder verlaufen haben oder zurückgeflossen sein. Hätte die See langsam von der Fläche Besitz ergriffen, so hätten - wie in den heutigen Gezeitenräumen - Seegang und Einzelströmungen ihre Spuren hinterlassen müssen. Zeiten starker Strömungen müssen mit Zeiten sehr ruhigen Wassers abgewechselt haben. Daß starke Strömungen wirksam waren, geht aus den vielen ein geschwemmten Organismen hervor, insonderheit aber aus dem muschelbesetzten Ammonitengehäuse, das v. STAFF & RECK (1911, S. 163) beschrieben haben. Der Wohnraum dieses Ammoniten war mit einem grobkörnigen Dotrituskalk ausgefüllt, der im ganzen Plattenkalkgebiet nicht vorkommt. ...