Original paper

Die Schollentektonik des Wurmgebietes bei Aachen

SEIDEL, GERHARD

Kurzfassung

Zahlreiche Störungen verschiedener Art und Richtung durchziehen das Wurmgebiet und zerlegen es in einzelne Schollen. Neben den mit der Auffaltung des variscischen Gebirges entstandenen streichenden Störungen, Überschiebungen und Abschiebungen, lassen sich vier verschiedene Systeme von Brüchen unterscheiden. Ein Hauptsystem, das in 150-160° verläuft und drei Nebensysteme, die in 15-30°, ca. 170° und in 90-120° streichen. Die Brüche des letzteren erscheinen nur in einem begrenzten Gebiet (Heinsberg-Düsseldorf-Herzogenrath). In diesem Raume häufen sich auch die in 170° verlaufenden Sprünge. Nach dem heutigen Bilde sind die Störungen der vier Systeme Abschiebungen. Die in 90-120° streichenden Sprünge sind hier auf Strukturen des kaledonisch konsolidierten Untergrundes zurückzuführen. Sie treten dort auf, wo dieser oberflächennah ist. Ihre Verbreitung zeigt, daß sich hier die alte Masse im Westen, das Brabanter Massiv, in geringer Tiefe als breite Schwelle bis in die Gegend von Düsseldorf hinzieht. Die in 150-160° streichenden Brüche werden im Zusammenhang mit der Auffaltung des variscischen Gebirges durch eine in etwa 50-60° gerichtete Dehnungsbewegung als Zugrisse angelegt. Durch dieselbe Bewegung entstehen im Schwellengebiet als Scherflächen 90-120° und ca. 170° eingeregelte Brüche. Die Sprünge dieser drei Systeme sind ihrer Anlage entsprechend gleichalt. Mit dem Ende des Senons ereignet sich, wohl im Zusammenhang mit der laramischen Gebirgsbildung, eine vorübergehende Einengung, die sich in Aufschiebungen an vorhandenen 90-120° streichenden Störungsflächen äußert. Anfang des Oligozäns nimmt die in 50-60° gerichtete Bewegung ihren Fortgang und findet zur Zeit der savischen Gebirgsbildung ihren Höhepunkt mit dem Einbruch der Niederrheinischen Bucht. Dabei folgt der Westrand der Bucht wiederum einer kaledonisch vorgezeichneten Struktur. Im Zusammenhang mit der nach NNW einkippenden Buchtgroßscholle entwickelt sich in deren Bereiche eine zusätzliche NNW gerichtete Bewegung. Durch Summierung der durch die beiden Bewegungen hervorgerufenen Spannungszustände entsteht im Bereich der Bucht ein Spannungszustand, der die in 170° streichenden Brüche wieder aufleben läßt (als Zugrisse) und Systeme von Scherflächen auslöst, welche die bereits vorhandenen 150-160°, 90-120° und 50-65° streichenden Störungen als Abschiebungen wieder in Tätigkeit treten lassen und neu die in 15-30° streichenden Sprünge bilden Posthume Bewegungen finden noch heute statt, ohne jedoch den tektonischen Bau wesentlich zu beeinflussen.