Original paper

Paläolithische und geologische Chronologie

Penck, Albrecht

Kurzfassung

An der Gewinnung der Diluvialchronologie haben Geologie, Paläontologie und Prähistorie in den letzten Jahrzehnten mehr oder weniger in Fühlung miteinander gearbeitet. Ein Artikel darüber von HUGO OBERMAIER in MAX EBERT's Reallexikon der Vorgeschichte (Bd. II 1925, S. 394-406) gibt eine Zusammenstellung der einschlägigen Versuche, der naturgemäß das Hauptgewicht auf die von Prähistorikern ausgehenden legt und sich im allgemeinen referierend verhält. H. OBERMAIER macht auch eine eigene Aufstellung (Tafel 194), die im Kreise der Urgeschichtler Beachtung gefunden hat. Sie bringt in enger Anlehnung an MARCELLIN BOULE den Gedanken zum Ausdruck, daß sich die gesamte von G. DE MORTILLET aufgestellte paläolithische Entwicklung im wesentlichen während der letzten Interglazialzeit und der letzten Eiszeit abgespielt habe, und zwar in zwei verschiedenen Entwicklungsreihen, einer westeuropäischen und einer mitteleuropäischen. H. OBERMAIER läßt dabei eine Tatsache außer acht, an deren Feststellung er selbst mitgearbeitet hat, nämlich daß wir Funde eines älteren, aber nicht des ältesten Paläolithikums schon aus der Zeit kurz vor dem Maximum der vorletzten Eiszeit haben. Sie entstammen fluviatilen Ablagerungen im Liegenden der Moränen von Hundisburg bei Magdeburg und Markkleeberg bei Leipzig. Darüber gibt es eine ganze, den Diluvialgeologen wohlbekannte Literatur. Nach einem anfänglichen Irrtum von F. WIEGERS, den er alsbald selbst beseitigt hat, steht fest, daß jene Moränen der Riß-, bzw. Saale-Eiszeit angehören. Darüber ist sich H. OBERMAIER nicht im klaren, und er läßt die genannten Fundorte in seiner graphischen Darstellung der Chronologiebeziehungen der paläolithischen Stufen Europas zu den Faunen der Unterstufen des jüngeren Quartärs außer Betracht. Das Ergebnis, zu dem K. H. JACOB wesentlich unter OBERMAIER'S Mithilfe gelangt ist, nämlich daß dort Moustérien vorliege, paßt durchaus nicht in dessen Schema der paläolithischen Kulturen. Darin hat das Moustérien seinen Platz zu Beginn der letzten Eiszeit. Dort aber kann man weder Hundisburg noch Markkleeberg unterbringen. Über dieses Dilemma half sich H. OBERMAIER jahrelang dadurch hinweg, daß er von Markkleeberg überhaupt nicht sprach; erst als er darauf aufmerksam gemacht wurde, daß dann, wenn dort Moustérien vorliege, ein kaltes Moustérien dem warmen vorangehe, was er immer bezweifelt hatte, schlug er plötzlich um, und schloß sich den deutschen Geologen an, die in Markkleeberg Acheuléen erblickten. Welch bedeutenden Frontwechsel er damit vollzogen hat, haben allerdings die wenigsten bisher erkannt, obwohl er dem Acheuléen die Stelle in der vorletzten Eiszeit anweist, an der er auch ein kaltes Chelléen einsetzte. ...