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Ursächlichkeit in der Großtektonik

Nölke, Friedrich

Kurzfassung

Auf der Suche nach den das tektonische Großgeschehen der Erde lenkenden Kräften glaubt mancher Fachforscher, sie mit Unterströmungen verknüpfen zu können. Der Versuch, die Unterströmungshypothese physikalisch zu unterbauen und dem Tatsachenbefund anzugleichen, mißlingt aber aus folgenden Gründen: 1. Von Unterströmungen weiter getragene und an der Stirnseite sich faltende Schollen müßten an ihrer Rückseite den Falten parallel streichende und in ihrem Ausmaße dem Faltungszusammenschub entsprechende klaffende Spalten aufweisen, was nicht zutrifft. Die vorhandenen Gräben und Brüche verlaufen im allgemeinen senkrecht zu den Falten. 2. Zwischen dem gefalteten und gezerrten Gebiet einer Krustenscholle müßte sich eine breite Zone einschalten, die, mit der Unterströmung verzahnt, Sitz der faltenden Kraft wäre. Falten- und Bruchschollengebiet schließen sich aber, wenn beide vorhanden sind, eng einander an. 3. Keine Annahme über die physikalischen Ursachen der Unter-Strömungen, weder die, daß sie intratellurischen Ursprungs seien, noch diel daß die verschiedene Radioaktivität der Krustengesteine zu ihrer Entstehung Anlaß gebe, erweist sich als zulänglich, da jede zu Unstimmigkeiten mit dem Tatsachenbefund führt. Aus der 2. Annahme läßt sich vorzeitiges Nachlassen der Faltungskraft folgern; bei der 1. bleibt vorzeitiges Abklingen des Faltungsschubs unerklärt. Die weltweite Erstreckung der Faltenstränge und das Emporquellen von Eruptivmassen an Sinkstellen findet bei beiden Annahmen keine Deutung. 4. Unterströmungen können die ihnen zugeschriebene Wirkung nur ausüben, wenn die bewegende Kraft der Reibungskuppelung mit der Kruste einen zwischen sehr engen Grenzen liegenden Wert hat. Übersteigt die Reibung diesen Wert, so wird die Krustenscholle ein Teil der strömenden Masse und dadurch jeder selbständigen Entwicklung entzogen. Erreicht die Reibung nicht den angemessenen Wert, so fließt die Strömung wirkungslos unter der Kruste hinweg. Nun wird die Größe der Reibung durch Faktoren bestimmt (Länge der Scholle, Strömungsgeschwindigkeit, Koeffizient der inneren Reibung), die in sehr weiten Intervallen liegen. Das physikalische Fundament der Hypothese ist hiernach zu schmal, um tragfähig zu sein. Die Kontraktionshypothese zeichnet sich von vornherein vor allen anderen Hypothesen dadurch aus, daß sie sich nicht wie diese auf bloßen Annahmen, sondern auf einer Tatsache aufbaut. Daß die Erde schrumpft, kann mit fast völliger Gewißheit aus astronomischen Beobachtungstatsachen gefolgert werden. Doch ist die ältere, der Hypothese von E. SUESS gegebene Fassung durch eine andere zu ersetzen, in der sie auch einige neuere Beobachtungstatsachen umfaßt. Gegenstand der wichtigsten Einwände sind: Übertragung der Krustenspannung auf weltweite Entfernungen, Wechsel orogenetischer und anorogenetischer Zeiten, Vorhandensein von Zerrungen, Ungleichzeitigkeit der Faltung in verschiedenen Faltungszonen, Entstehung von Blockverschiebungen, Fließbewegungen an der Krustenunterseite, Entstehung senkrechter Verwerfungen. Die Haltlosigkeit dieser Einwände wird nachgewiesen.