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Einige Bemerkungen zur Geschichte der Geologie

Beurlen, Karl

Kurzfassung

I: Es mag müßig erscheinen, in einer Zeit wie der heutigen, die so ganz auf Leistung und Hervorbringung neuer Werte abgestellt, auf Gegenwart und Zukunft gerichtet ist, historische Rückschau zu halten. Und gerade in der Naturwissenschaft, der es doch um die Mehrung der Erfahrung, um die unmittelbare Auseinandersetzung mit den Gegebenheiten der Natur geht, erschien die Beschäftigung mit der Geschichte schon immer als müßige Angelegenheit; wie viel mehr müßte das heute gelten, wo ringsum das Leben im Überfluß fruchtbare Aufgaben stellt! Was soll überhaupt Wissenschaftsgeschichte in dem Rahmen der modernen Naturwissenschaft; sie kann doch allenfalls nur zeigen, wie eine Mehrung des Erfahrungsbestandes eine Mehrung der Erkenntnisse und Kenntnisse bedingt hat. Wäre dem tatsächlich so, dann allerdings wäre Beschäftigung mit der Geschichte der Naturwissenschaften ein unfruchtbares Unterfangen, könnte allenfalls einem gewissen Sensationsbedürfnis Genüge tun, das sich an den mangelhaften Kenntnissen unsrer wissenschaftlichen Vorläufer ergötzt. In Wirklichkeit liegen die Dinge freilich so einfach nicht. Vielmehr ist leicht festzustellen, daß unsere wissenschaftlichen Vorläufer vielfach Beobachter von einer Sicherheit, Unbefangenheit und Gründlichkeit waren, die oft später nicht mehr erreicht worden ist und daß die Menge ihres Beobachtungsmaterials in vielen Fällen gar nicht so weit hinter dem unsrigen zurücksteht. Es wird z. B. noch heute jeder Kenner des süddeutschen Jura gerne bekennen, daß das Beobachtungsmaterial, das QUENSTEDT seinem klassischen Werk über den Schwäbischen Jura 1858 zugrunde legen konnte, nicht wesentlich hinter dem heutigen zurücksteht. Ebenso wird jeder, der sich eingehender mit Schleswig-Holstein beschäftigt, feststellen können, daß der alten geologischen Karte von Schleswig-Holstein von L. MEYN, die durch zahlreiche Einzelarbeiten ergänzt wird, ein Beobachtungsschatz zugrunde liegt, von dem alle Nachfolger bis zur Gegenwart gezehrt haben. Ähnlich auch die alte geologische Provinzialaufnahme von Ostpreußen durch JENTZSCH und BEHRENDT. Entsprechende Erfahrungen wird man in vielen Gebieten noch machen können. Trotz alledem aber wird es keinem heutigen Geologen einfallen, etwa die geologische Karte von MEYN von Schleswig-Holstein zur unmittelbaren Grundlage einer modernen Karte zu machen; er wird vielmehr versuchen, die ganzen Beobachtungsbefunde nach eigenen Erfahrungen umzudeuten. ...