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N. STENO (1638-1686) und seine Stellung in der Geschichte der Geologie

Becksmann, Ernst

Kurzfassung

Im vorigen Jahre jährte sich zum dreihundertsten Male der Geburtstag jenes Mannes germanischer Stammeszugehörigkeit, der in einsamer Größe seinen Platz in der Geschichte unserer Wissenschaft einnimmt: NICOLAUS STENO. Seiner und seiner geistigen Leistung zu gedenken, ist Dankespflicht der geologischen Wissenschaft einem Manne gegenüber, der, seiner Zeit weit vorauseilend, zu Lebzeiten nicht verstanden wurde und auch nicht verstanden werden konnte. Um STENO's Stellung in der Geschichte der Geologie und die Bedeutung seiner Leistung recht beurteilen zu können, sei eingangs kurz zusammengefaßt, was vor ihm an geologischer Arbeit und Erkenntnis erreicht worden war. Wenn wir die gewaltige geistige Leistung der vorsokratischen Naturphilosophen vor Augen haben, will es nicht wundernehmen, daß schon in dieser Frühzeit gewisse geologische Fragen in den Gesichtskreis der führenden Geister traten und daß schon ein Mann wie der Pantheist XENOPHANES im 6. vorchristlichen Jahrhundert marine Fossilien auf den Bergen Kleinasiens, in den Steinbrüchen von Syrakus, an der dalmatinischen Küste und auf Malta als Anzeichen früherer Meeresbedeckung deutete. Ziehen wir alle Zeugnisse geologischer Art aus dem folgenden Jahrtausend des Altertums und Mittelalters in Betracht, dann bleibt nur die Feststellung übrig, daß sich nirgends eine wesentlich tiefergehende erdgeschichtliche Erkenntnis findet, daß niemals irgendwo ein erheblicher Schritt über die Vorsokratiker hinaus, oft im Gegenteil zurück, getan worden ist, auch nicht in der Renaissance. Selbst ein so kluger Mann wie LEONARDO DA VINCI, dessen geologische Notizen schon mehrfach Gegenstand der Behandlung gewesen sind, macht m. E. darin keine Ausnahme. Gewiß deutet er Einzelbeobachtungen durchaus richtig, aber all das sind gelegentliche geistreiche Äußerungen, die nicht als Beleg wahrhafter erdgeschichtlicher Denkweise gewertet werden können. Man versteht, einzelne Dokumente der Erdgeschichte richtig zu deuten; daraus aber ein geschlossenes Bild einer erdgeschichtlichen Entwicklung zu zeichnen, überhaupt: an die Natur mit erdgeschichtlicher Fragestellung heranzugehen, ist keinem gelungen und konnte keinem gelingen aus dem diesen Zeitläuften eigentümlichen Verhältnis zur Natur und zugleich dem Mangel echt historischer Einstellung heraus. ...