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Kritische Betrachtungen zur Deckenfrage im Harz

Schriel, Walter

Kurzfassung

Im Jahre 1927 trat KOSSMAT erstmalig mit einer neuen Synthese der Tektonik des Harzes hervor. Während bis dahin im allgemeinen die Auffassung vorherrschte, daß wir im Harz im wesentlichen ein Faltengebirge mit autochthoner Tektonik vor uns haben, sah KOSSMAT die meisten Gebiete des Unterharzes als Teile einer großen Decke an, die bis an den Oberharz herangeschoben war und unter der an verschiedenen Stellen, durch nachfolgende Erosion bloßgelegt, jüngere Schichten als Fenster hervortreten. So wurden von KOSSMAT die neuen Begriffe des ,Elbingeröder", des ,Tanner" und ,Sieber Fensters" und später von WUGK der Begriff des ,Wernigeröder Fensters" in die Literatur eingeführt. Von einem weiteren Schüler KOSSMAT'S - THIERBACH - wurde wesentlich später (1936 und 1938) nochmalig versucht, KOSSMAT's Anschauungen über die Fensternatur des Tanner und des Sieber Komplexes zu stützen. Diese Anschauungen KOSSMAT'S, WUGK's und THIERBACH'S sind kurz dahin zusammenzufassen: Der Harz ist ein Deckengebirge, dessen Decken der sogenannten ,Rhenoherzynischen Zone" des Variscischen Gebirges angehören. Die Wurzelzone dieser Decken soll, durch das oberkarbonisch-permische Deckgebirge am metamorphen Höhenzug des Harzes verdeckt, im Untergrunde zwischen dem Kyffhäuser und Unterharz liegen. Diese hypothetische Lage ist aber der geologischen Forschung nicht zugänglich; es ist also überhaupt fraglich, ob wir hier eine Wurzelzone haben; ebenso gut kann vom Unterharz nach dem Kyffhäuser zu eine in der Spezialtektonik kompliziertere Sattelstellung devonischsilurisch-kambrisch-algonkischer Schichten mit praevariscischen Gneisen und Graniten im Kern vorliegen, wobei der Kyffhäuser den Kern des Sattels bildet. KOSSMAT unterscheidet nun in seiner ,Rhenoherzynischen" Zone für den Unterharz: die Stieger Decken bestehend aus den Stieger Schichten und dem Kulm der Südharz-Zone, der Selkemulde, sowie die metamorphen Schichten am Südostharz. ...