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Erdgeschichtliche Gestalten - Grundsätzliches zur erdgeschichtlichen Fragestellung

Becksmann, Ernst

Kurzfassung

I. Fragestellung: Wenn wir Geologie betreiben, ist unser Bestreben dahin gerichtet, den Ablauf erdgeschichtlichen Geschehens zu erfassen. Die heutige Gestaltung der Erdoberfläche ist ein Augenblick, der gegenwärtige Moment in diesem Geschehen. Wollen wir diese Gestaltung nicht nur als etwas nun einmal Gegebenes, zufällig gerade so und nicht anders Gewordenes bzw. Geschaffenes hinnehmen, sondern sie in ihrer Eigenart wirklich verstehen, dann ist das nur möglich aus ihrer historischen Entwicklung heraus, also aus dem, was Aufgabe und Ergebnis erdgeschichtlicher Forschung ist. Sind wir nun in der Lage, die gegenwärtige Gestaltung der Erdoberfläche aus ihrer Erdgeschichte zu verstehen? Nehmen wir ein konkretes Beispiel! Bei der Ostsee z. B. mit ihrer eigentümlichen Form können wir nicht gleich eine ausreichende Antwort auf diese Frage geben, wieso dieses merkwürdig geknickte und verzweigte Gebilde eben so und nicht anders geworden ist. Ebenso geht es uns mit dem Dreiklang Flachland - Mittelgebirge - Hochgebirge des deutschen Raumes. Wie ist es erdgeschichtlich zu verstehen, daß sich eine Mittelgebirgsschwelle mit der gerade ihr eigentümlichen Gestaltung zwischen das Flachland im Norden und die Beckenlandschaften im Süden einschiebt? Ist das Zufall, oder ist diese Sachlage im Entwicklungsgang dieses Raumes erdgeschichtlich begründet? Wenn auf solche doch durchaus naheliegende Fragen zunächst keine befriedigende Antwort gegeben werden kann, so ist das nicht etwa auf ein Nichtgenügen oder Unvermögen erdgeschichtlicher Forschung zurückzuführen. Die Ursache liegt einfach darin, daß eine solche Fragestellung, die heutige Gestaltung der Erdoberfläche aus dem ganzen erdgeschichtlichen Werdegang zu verstehen, eigenartigerweise sehr fern zu liegen, also ganz unwesentlich zu sein scheint. Es erscheint noch merkwürdiger, daß eine solche Frage, warum eine Gestalt der heutigen Erdoberfläche da ist und so ist, nicht einmal bei länderkundlicher Forschung mit Erfolg gestellt worden ist, wo sie gerade dort ganz auf der Hand liegt. Bei einer morphologisch bedingten länderkundlichen Einheit pflegt man nach dem üblichen, länderkundlichen Schema zunächst die Geologie, genauer: tektonische Struktur und Gesteinszusammensetzung, abzuhandeln und dann das morphologische Bild, das sich darbietet, zu schildern. ...