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Miozäner Bernstein im Westbaltikum

Wetzel, W.

Kurzfassung

Der Bernstein, welchem die europäische Kulturgeschichte die wohlbekannte Bedeutung als Handelsobjekt von nahezu Monopolcharakter zuschreibt, d. h. der vom Mesolithikum bis zum Altertum exportierte Bernstein, ist im nordwesteuropäischen Raume und vornehmlich an den schleswigholsteinischen Küsten gefunden worden. Die Geographen und Historiker des Altertums äußern sich mit einer angesichts der Wichtigkeit des Gegenstandes verständlichen Deutlichkeit über die Herkunft und übrigens auch schon über die Bildungsweise des Bernsteins. Gestützt auf PLINIUS und TACITUS erklärte schon K. LOHMEYER 1872, daß bis zum Ausgange des ersten Jahrhunderts der römischen Kaiserherrschaft die friesische Küste der Nordsee das Bernsteinland war (1). Wenn andererseits die heutige Bernsteingewinnung sich ausschließlich im ostpreußischen Samlande abspielt, aus dem keine Anzeichen von Bernsteingewinnung vor dem Ende der Bronzezeit bekannt sind, so ist in Betracht zu ziehen, daß das Samland als dreieckiger Vorsprung der Ostseeküste ausgesprochene Abbruchsküsten besitzt, und daß nur im Bereiche dieses Dreieckes das Oligozän Ostpreußens bernsteinführend ist. Gerade hier hat sich die Zurückschneidung der Küste als besonders intensiv erwiesen und wird noch für die Gegenwart auf durchschnittlich 0,5 m jährlich berechnet. Es ist gut vorstellbar, daß die samländische Bernsteinschicht erst seit relativ kurzer Zeit der marinen Aufbereitung so ausgesetzt ist, daß die Aufmerksamkeit der Bewohner auf den Bernstein gelenkt werden konnte. An der schleswig-holsteinischen Westküste verhalten sich die erdgeschichtlichen Voraussetzungen für die Bernsteingewinnung nahezu umgekehrt. Während die nachlitorinazeitliche Ostsee vorwiegend als Landzerstörerin gewirkt hat, war die Nordsee im gleichen Zeitraum vorherrschend ein Aufbaufaktor, so daß sich der Marschstreifen vor die Geest-Küste legte, und in zunehmendem Maße ältere Bildungen durch marines Alluvium verdeckt wurden. Die Feststellung MEYN'S (2), daß die schleswigholsteinischen Bernsteinfunde in den letzten 200 Jahren immer seltener geworden sind, kann und muß in diesem Zusammenhange verstanden werden. Von den in Rede stehenden, früher als ungeheuer reich befundenen Bernsteinvorkommen nimmt die maßgebende Literatur nun an, daß es sich um ostbaltisches Material handle, welches sich in den Quartärsedimenten des Westens auf dritter oder vierter Lagerstätte befinde. ...