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Grundlagen der Geweihgestaltung bei Riesenhirschen

Kirchner, Hch.

Kurzfassung

Der Riesenhirsch ist eines der bekanntesten Charaktertiere der Eiszeit. Er war aber nicht nur auf diese Zeit beschränkt, sondern lebte auch in der Nacheiszeit und, wie v. BACHOFEN-ECHT (1937) überzeugend nachwies, sogar noch in historischer Zeit. In allen größeren naturkundlichen Museen stehen Riesenhirschskelette; diese stammen aus nacheiszeitlichen Mooren Irlands. In den 90er Jahren hatte sich POHLIG eingehend mit dem Riesenhirsch befaßt. Er glaubte, in der Gestaltung der Geweihschaufeln wesentliche Unterschiede zwischen jungeiszeitlichen Riesenhirschen Deutschlands, Italiens und Ungarns und den nacheiszeitlichen Irlands feststellen zu können; er begründete für diese eine germanische, eine italienische und eine hibernische Rasse. Verschiedene Eigentümlichkeiten sollten diese Rassen voneinander scheiden. So soll z. B. die Geweihschaufel der hibernischen Rasse schlanker, die der germanischen gedrungener sein; die hibernischen Geweihe sollen größere Ausmaße als die germanischen erreichen; die Schaufelsprossen der hibernischen sollen vom Vorderrand, die der germanischen vom Terminalrand oder vom Hinterrand ausgehen; die Schaufelsprossen der hibernischen sollen nur unwesentlich einwärts gebogen sein, die der germanischen dagegen mitunter eine starke Abwärtsbiegung nach innen zeigen. Die italienische Rasse soll der germanischen nahe stehen, sich jedoch von dieser hauptsächlich dadurch unterscheiden, daß die Schaufeln mehr nach innen hinten gedreht und kräftig nach unten umgebogen seien. (Abb. 6.) Als vor einigen Jahren bei Bergrheinfeld (südl. von Schweinfurt) ein großer Teil einer stattlichen Riesenhirsch-Schaufel geborgen wurde, ergab sich, daß diese Schaufel nach den erwähnten Rassemerkmalen nicht zur germanischen, sondern zur hibernischen Rasse zu stellen wäre. Denn die kräftigen und langen Sprossen stehen am ,Vorder"rand und sind (mit Ausnahme der Mittelsprosse) nahezu gerade; außerdem muß die Schaufel eine Ausdehnung gehabt haben, die selbst unter irischen Riesenhirschen nur besonders kräftigen Vollschauflern zukam; die ursprüngliche Schaufellänge muß mindestens 165 cm betragen haben. In der allgemeinen Gestaltung erinnert der Bergrheinfelder Schaufelrest an das Geweih des irischen Riesenhirsches im Senckenberg-Museum zu Frankfurt a. M. (Abb. 3.) ...