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Wissenschaftliche Sitzungen der Gesellschaft Berlin, den 1. April 1942 Tektonische Probleme in der Neuen und der Alten Welt.

Stille, Hans

Kurzfassung

Der Vortragende legt dar, wie sich mancherlei tektonische Grundvorstellungen in der Neuen Welt anders als in der Alten Welt entwickelt haben, und versucht, den Gründen dafür nachzugehen und den Ausgleich der Auffassungen herbeizuführen. Zunächst werden Probleme der Geosynklinalen und dabei besonders die Lage und die Beziehungen der Geosynklinalen zu den älteren stabilen Erdeinheiten behandelt. Danach wird auf das Problem der ,Faltung vom Ozean her" und damit auf die Vorstellung des ,suboceanic spread" und auf die angebliche Permanenz der Kontinente eingegangen. Die Verschiedenheit mancher Auffassungen diesseits und jenseits des Atlantiks erklärte sich zum guten Teile schon daraus, daß der amerikanische Geologe in erster Linie randkontinentalen Geosynklinalen und Gebirgen gegenübersteht, während die europäischen Auffassungen sich stark unter dem Einfluß der in Eurasien so bedeutsamen zwischenkontinentalen (mediterranen) Verhältnisse entwickelt haben. Die überragende Bedeutung der randkontinentalen Gebirgsbildungen für Amerika und der mediterranen für Europa ist aber letzten Endes die einfache Folge der Sachlage, daß Amerika ein sich in Nord-Süd-Richtung erstreckender schlanker Kontinent, die Alte Welt aber eine gewaltige Kontinentalmasse von großer ost-westlicher Breite ist. So hat in Amerika eine ,mediterrane" Tektonik nur auf kurzem Raume (Antillen) und damit ganz zurücktretend gegenüber der nebenkontinentalen bestanden, während in Eurasien der mediterrane Raum die sechsfache Länge des amerikanischen aufweist und überhaupt die mediterrane Tektonik das Feld beherrscht.