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Leopold von Buch (Vortrag, gehalten in Berlin am 8. Oktober 1946 anläßlich der Stiftung der Leopold von Buch-Plakette der Deutschen Geologischen Gesellschaft)

Brinkmann, R.

Kurzfassung

Deutsche Geologie vor 100 Jahren - worauf gründete sich ihr Lehrgebäude, welche Probleme standen im Vordergrunde der Forschung? Durchblättern wir die Schriften jener Zeit, so finden wir die Allgemeine Geologie bereits fest umrissen. Innerhalb ihrer Zweige freilich waren die Gewichte noch anders verteilt. Im Vordergrunde stand der Vulkanismus. Von ihm als der gewaltigsten Kraftäußerung der Erde erwartete man die tiefsten Einsichten in das Innere und die Vergangenheit unseres Planeten. Gemäß der weitgespannten Auffassung A. v. HUMBOLDTS, der den Vulkanismus als ,die Reaktion des flüssigen Erdinnern gegen die feste Erdkruste" definierte, führte man auch die Erdbeben und die epirogenen Bewegungen auf das Wirken vulkanischer Kräfte zurück, wobei Hebungen und Senkungen ganz im heutigen Sinne durch Pulsationen tiefliegender Magmamassen erklärt wurden. Demgegenüber war die Kenntnis des tektonischen Baus der Erdkruste noch verhältnismäßig gering. Allzusehr begriff man die äußere Gestalt der Gebirge als das Abbild ihres inneren Gefüges. Damit ging naturgemäß eine Unterschätzung der exogenen Kräfte und der exogenen Formung einher. Der Geologe jener Zeit fühlte sich, um einen damals öfters benutzten Vergleich zu gebrauchen, in der Rolle eines Zuschauers, der ins Theater kommt, nachdem der Vorhang schon gefallen ist, und nun die Handlung nach den Versatzstücken erraten muß. Noch zu wenig hatte man eingesehen, daß das Spiel bei offener Szene vor unsern Augen weitergeht. Eine ähnliche distanziert rückschauende Betrachtungsweise war in der Historischen Geologie verbreitet. Doch waren die Fundamente auch hier gesichert. Die Folge der Formationen stand fest. Die Versteinerungen waren in ihrer Bedeutung als stratigraphische Zeitmarken und als Belege für die organische Entwicklung anerkannt.