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Selenotektonik und Geotektonik. Versuch zur Ableitung einer planetarischen Ausgangstektonik

v. Bülow, Kurd

Kurzfassung

Man tut immer besser, daß man sich grad ausspricht, wie man denkt, ohne viel beweisen zu wollen; denn alle Beweise, die wir vorbringen, sind doch nur Variationen unserer Meinungen, und die Widriggesinnten hören weder auf das eine noch auf das andere. GOETHE (Wanderjahre). Da die Erde als Stern unter Sternen in ihren fundamentalen Eigenschaften ganz gewiß kein Einzelfall ist, darf sie in allem, was nicht spezifisch irdisch ist, also in astrophysikalischer und nur-erdgeschichtlicher Hinsicht, mit anderen Himmelskörpern verglichen werden. Was hingegen nicht allen anderen Sternen bzw. Planeten eigen ist, was wir vorerst als bevorzugten Besitz des Erdplaneten ansehen müssen, erlaubt selbstverständlich keinen Vergleich. Hierher gehören in erster Linie: die als Funktion der Erdgröße aufzufassende Atmo- (und Hydro-) sphäre und die teilweise als Funktion der Atmosphäre zu deutende Existenz irdischen Lebens, das seinerseits die quantitative (und wohl auch qualitative) Beschaffenheit eben dieser Atmosphäre beeinflußt; ferner die als Folgeerscheinung der Atmosphäre und Hydrosphäre auftretende Erscheinungsgruppe der exodynamischen Abläufe mit ihrer geologisch wichtigsten Konsequenz: der Entwicklung einer Sedimenthülle. Wenn unsere Vorstellungen von der Faltengebirgsbildung richtig sind, so sind Faltengebirge ihrerseits die Funktion einer gewissen Mächtigkeit der Sedimenthülle - in letzter Konsequenz also eine Auswirkung der Tatsache, daß die Erde eine Atmo- (und die ihr zugeordnete Hydro-) sphäre besitzt. Es spricht vieles dafür, daß die irdische Lufthülle ihren Gehalt an freiem Sauerstoff zum größten Teil, wenn nicht ausschließlich, der Kohlensäurespaltung seitens der Pflanzenwelt verdankt. Nicht nur die Tatsache der Sedimentbildung also wäre damit ein spezifisch irdisches Phänomen, sondern auch die Art der Sedimente als Folge der spezifisch irdischen Form der Verwitterung, da diese ohne Sauerstoff und ohne Pflanzen (Humus) einen anderen Verlauf nehmen müßte. Das bedeutet, daß nicht nur die Existenz einer Gas-Wasser-Hülle bestimmend ist für alles exodynamische Geschehen auf der Erde - bis hin zur Faltengebirgsbildung -, sondern auch der Entwicklungsgrad des irdischen Lebens und der aus ihm resultierende Entwicklungsgrad der Sedimentgenese in qualitativer und quantitativer Hinsicht.