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Fred Scholz:

Geographische Entwicklungsforschung

Methoden und Theorien

2004. 297 Seiten, 66 Abbildungen, 5 Tabellen, 14x21cm, 530 g
Language: Deutsch

(Studienbücher der Geographie)

ISBN 978-3-443-07138-7, brosch., price: 29.00 €

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Keywords

Geographie Entwicklung Armut global

Contents

Inhaltsbeschreibung top ↑

Teil I: Warum ein Buch zur geographischen Entwicklungsforschung? Erkenntnis-/Vermittlungsziel, Konzept, Methodik

Teil II: Allgemeine Entwicklungsdiskussion und Entwicklungspraxis (Geographie-extern) Problemsituation/Wirklichkeit des (neuen) Südens Begrifflichkeiten --Reflexion über Unterentwicklung, Entwicklung und Globalisierung: z.B. Entwicklungspolitische Orientierung, Entwicklungstheoretische Retrospektion, Entwicklungsparadigmatischer Wandel; Globale Arbeitsteilung, Neue Weltwirtschaftsordnung, Globalisierung und Entwicklung. - Entwicklungspolitische Praxis/Projektrealität: z.B. Internationale Organisationen und ihre Ziele - Deutsche Entwicklungszusammenarbeit. - NGO/NRO-Aktivitäten, Zivilgesellschaft - Entwicklungsdilemma

Teil III: Geographische Entwicklungsforschung (Geographie-intern) Orientierungspfade - Retrospektive der geographischen Entwicklungsforschung - Beiträge zur Theoriediskussion und Entwicklungspraxis: z.B. Theorieansätze und methodische Konzepte, z.B. Konzept des Rentenkapitalismus, Theorie der ökologischen Benachteiligung der Tropen, Konzept der ländlichen Regionalentwicklung, Konzept der informellen Institutionen, Verwundbarkeitsansatz, Konzept der natural hazards/Desertifikation, Politökologischer Ansatz, Theorie der fragmentierenden Entwicklung. Entwicklungsanalysen und Praxisbeiträge: z.B. Bewässerung, Desertifikation, Erosion/Bodendegradation, Entwicklungsraum Hochgebirge, Folgenforschung zur Strukturanpassung, Hunger, Indigenes Wissen, Kleinräumige Wirtschaftskreisläufe, Nomadismus, Tourismus, Projektbegleitende Forschung, Regionsspezifische kleinbäuerliche Strategien, Standortgerechte Landnutzungssysteme, Verstädterung. Zukünftige Forschungsherausforderungen

Teil IV: Entwicklungsländer/Länder des Südens im Zeitalter der Globalisierung. Ende der Illusion oder neue Realität: Wir müssen mit Armut, Ausgrenzung in der einen fragmentierten Welt leben!

Bespr.: Die Erde Heft 3/4, 2004 top ↑

Das vorliegende Studienbuch ist das erste Lehrbuch überhaupt zum Thema "Geographische Entwicklungsforschung". Fred Scholz wendet sich damit ausdrücklich von einer länderkundlich orientierten, eher deskriptiven Forschung in Entwicklungsländern ab und fordert eine problemorientierte, theoriegeleitete und auf den Menschen bezogene Geographische Entwicklungsforschung ein. In einem theoretisch-konzeptionellen Teil beschäftigt sich das Buch zunächst mit den langfristigen Folgen von Weltherrschaft und Welthandel für globale Raumstrukturen. Es folgt eine kritische Auseinandersetzung mit den Theorien von Modernisierung, Abhängigkeit und peripherem Kapitalismus. In einem zweiten Teil werden dann entwicklungsrelevante methodisch-konzeptionelle Zugänge der Geographischen Entwicklungsforschung diskutiert. Entwicklung und Unterentwicklung werden in ihrer Wechselwirkung mit ökologischen, gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und räumlichen Strukturen und Prozessen thematisiert. Ein dritter Teil des Buches konzentriert sich schließlich auf die Theorie einer fragmentierenden Entwicklung im Spannungsfeld zwischen Globalisierung und Lokalisierung. Hierzu präsentiert der Autor eine eindrucksvolle Weltkarte der globalen Fragmentierung. In klarer Abgrenzung zu den herkömmlichen Zwei-, Drei- oder Vier-Welten-Modellen stellt Fred Scholz hier einen ganz neuen Entwurf vor, der nicht mehr dem Ideal von nachholender Entwicklung entspricht, sondern der sich auf die zutiefst widersprüchlichen, krisenhaften und konfliktbeladenen Umstrukturierungsprozesse der Globalisierung bezieht. Entsprechend werden Räume und Orte der Erde als sozialräumliche Fragmente gefaßt, in denen Reichtum und Armut, Beteiligungschancen und Ausgrenzung, Macht und Ohnmacht aufeinanderprallen. Zweifellos hat Fred Scholz mit diesem Lehrbuch die zentralen Denkansätze und Problemstellungen der Geographischen Entwicklungsforschung umfassend dargelegt. Auch hat der Verfasser großen Wert auf die didaktische Verarbeitung und verständliche Darstellung des umfangreichen Materials gelegt. Die zahlreichen Einschübe zur praxisnahen Veranschaulichung, gespickt mit Exkursen, Fallbeispielen und Entwicklungsbezügen, tragen zur Vertiefung bei, auch wenn sie die Darstellung gelegentlich überfrachten. Besonders gefallen dagegen die überaus klaren schematischen Abbildungen, die dem Leser komplexe Sachverhalte in komprimierter Form vermitteln.

Die Studienbücher der Geographie erheben den Anspruch, mit Hilfe von Fragestellungen, die über geographische Teildisziplinen hinweggreifen, die vielseitigen Verknüpfungen von geographischen Problemkreisen sichtbar zu machen. Dies ist Fred Scholz speziell im methodisch-konzeptionellen Teil des Buches gelungen, wenn er z.B. Fragen von Natur und Entwicklung, von Gesellschaft und Entwicklung oder von Wirtschaft und Entwicklung thematisiert. Allerdings wären hier gezieltere Verknüpfungen mit aktuellen Ansätzen der Wirtschaftsgeographie, der Politischen Geographie oder der Kulturgeographie hilfreich gewesen. Im Abschnitt über Gesellschaft und Entwicklung postuliert der Autor schließlich, Gesellschaft an sich stelle keinen Forschungsgegenstand der Geographie dar. Sagt der neue Begriff "Geographische Entwicklungsforschung" nicht dezidiert aus, daß unterschiedliche Dimensionen von Entwicklung/Unterentwicklung als wissenschaftlicher Gegenstand im Zentrum der Betrachtung stehen? Selbstverständlich analysiert der geographische Entwicklungsforscher Strukturen, Prozesse und Probleme von Entwicklung immer aus einer geographischen Sichtweise, d.h. in ihren räumlichen Dimensionen und Ausdrucksformen. Aber lassen sich Gesellschaft und Raum als Forschungsgegenstände wirklich trennen? Wie geht eine problemorientierte, theoriegeleitete, handlungszentrierte Geographische Entwicklungsforschung - so wie sie Fred Scholz überzeugend darlegt - mit dem Verhältnis zwischen Sozialem und Räumlichem um? Bleibt Geographische Entwicklungsforschung eine Raumwissenschaft, oder wird sie nicht doch zu einer Gesellschaftswissenschaft mit geographischer Perspektive? Das lesenswerte Lehrbuch von Fred Scholz bietet eine Fülle von Anregungen für eine solche Diskussion.

Hans-Georg Bohle, Bonn

Die Erde Heft 3/4, 2004

Bespr.: Flächenmanagement u. Bodenordnung 67Jg (2005), H. 5 top ↑

Um es vorweg zu sagen: das Buch ist,jedenfalls von seiner Intention und Anlage her, auf die Erfor- schung der (Unter-)Entwicklung der Länder der südlichen Hemisphäre und die hieran anknüpfende entwicklungspolitische Praxis angelegt. Doch gelingt dem Autormit seinen auf geographischer Forschungserfahrung aufsetzenden konzeptuellen,methodischen und theoretischen Beiträgen über entwicklungsrelevante Fragestellungen ein solcher Grad an Verallgemeinerbarkeit, dass große Teile des Buches auch geeignet sind, Phänomene von Entwicklung und Unterentwicklung in allen Teilen der Welt einschließlich von Westeuropa und Deutschland zu erhellen und Einsichten in die Differenziertheit von räumlicher Entwicklung zu vermitteln.

Das Buch gliedert sich in fünf Teile: im ersten Teil wird die »Entwicklungsforschung in der Geographie« und ­ vor allem ­ die Rolle der Geographie in der traditionellen Entwicklungsforschung behandelt. Auch der zweite Teil mit seinen »Konzeptuellen Überlegungen und Anmerkungen« ist noch ganz auf die Entwicklungsländer der dritten Welt fokussiert.

Daran schließt die Vorstellung der verschiedenen methodischen und theoretischen Konstrukte (Teil 3) sowie der »Theorie der fragmentierenden Entwicklung« (Teil 4) an. Dabei stehen Fragen nach den regionseigenen menschlichen Grundbedürfnissen und deren Befriedigung sowie nach der ortsspezifischen Bedeutung menschlichen Handelns bei der Analyse von Entwicklungsprozessen im Mittelpunkt. Von gleicher Bedeutung ist die räumliche Differenziertheit des Ressourcenpotentials und der darauf aufbauenden Mensch/Umweltbeziehung einschließlich der Nachhaltigkeitsrelevanz. Mit der »Theorie der fragmentierenden Entwicklung« wird der Hintergrund aktueller Entwicklungsphänomene im Zeitalter der Globalisierung erhellt und als Gegenthese zum Ansatz der »nachholenden Entwicklung« ausgebreitet. Sie stellt eine wichtige Grundlage zum Verständnis von Entwicklungsprozessen im Allgemeinen und damit auch in Westeuropa dar;sie dürfte damit auch eine Bestätigung der modernen Politikansätze für die »Regionalentwicklung« in Europa aus entwicklungspolitischer Sicht sein.
Die Darstellung »Zukünftiger Herausforderungen für die geographische Entwicklungsforschung« rundet mit Teil 5 das Buch ab.

Die inhaltliche und didaktische Vermittlung des Stoffes richtet sich im Wesentlichen an der studentischen und der in der Entwicklungsarbeit engagierten Leserschaft aus. Offensichtlich hatte der Autor aber doch einen breiteren Leserkreis vor Augen; denn immer wieder sieht sich der Autor in einem Begründungszwang dergestalt, dass die geographischen Entwicklungsforschung ihre Existenzberechtigung habe und wichtige Beiträge zur Entwicklungspolitik im Ganzen leisten könne und tatsächlich leiste. Wenn es noch eines Beweises bedurft hätte, diese Veröffentlichung ist der Beweis.
J.Thomas, Münster

Bespr.: Die Erde Heft 2 - 2005, S. 144 top ↑

Das vorliegende Studienbuch ist das erste Lehrbuch überhaupt zum Thema ``Geographische Entwicklungsforschung''. Fred Scholz wendet sich damit ausdrücklich von einer länderkundlich orientierten, eher deskriptiven Forschung in Entwicklungsländern ab und fordert eine problemorientierte, theoriegeleitete und auf den Menschen bezogene Geographische Entwicklungsforschung ein. In einem theoretischkonzeptionellen Teil beschäftigt sich das Buch zunächst mit den langfristigen Folgen von Weltherrschaft und Welthandel für globale Raumstrukturen. Es folgt eine kritische Auseinandersetzung mit den Theorien von Modernisierung, Abhängigkeit und peripherem Kapitalismus. In einem zweiten Teil werden dann entwicklungsrelevante methodischkonzeptionelle Zugänge der Geographischen Entwicklungsforschung diskutiert. Entwicklung und Unterentwicklung werden in ihrer Wechselwirkung mit ökologischen, gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und räumlichen Strukturen und Prozessen thematisiert. Ein dritter Teil des Buches konzentriert sich schließlich auf die Theorie einer fragmentierenden Entwicklung im Spannungsfeld zwischen Globalisierung und Lokalisierung. Hierzu präsentiert der Autor eine eindrucksvolle Weltkarte der globalen Fragmentierung. In klarer Abgrenzung zu den herkömmlichen Zwei-, Drei- oder Vier-Welten- Modellen stellt Fred Scholz hier einen ganz neuen Entwurf vor, der nicht mehr dem Ideal von nachholender Entwicklung entspricht, sondern der sich auf die zutiefst widersprüchlichen, krisenhaften und konfliktbeladenen Umstrukturierungsprozesse der Globalisierung bezieht. Entsprechend werden Räume und Orte der Erde als sozialräumliche Fragmente gefasst, in denen Reichtum und Armut, Beteiligungschancen und Ausgrenzung, Macht und Ohnmacht aufeinanderprallen. Zweifellos hat Fred Scholz mit diesem Lehrbuch die zentralen Denkansätze und Problemstellungen der Geographischen Entwicklungsforschung umfassend dargelegt. Auch hat der Verfasser großen Wert auf die didaktische Verarbeitung und verständliche Darstellung des umfangreichen Materials gelegt. Die zahlreichen Einschübe zur praxisnahen Veranschaulichung, gespickt mit Exkursen, Fallbeispielen und Entwicklungsbezügen, tragen zur Vertiefung bei, auch wenn sie die Darstellung gelegentlich überfrachten. Besonders gefallen dagegen die überaus klaren schematischen Abbildungen, die dem Leser komplexe Sachverhalte in komprimierter Form vermitteln. Die Studienbücher der Geographie erheben den Anspruch, mit Hilfe von Fragestellungen, die über geographische Teildisziplinen hinweggreifen, die vielseitigen Verknüpfungen von geographischen Problemkreisen sichtbar zu machen. Dies ist Fred Scholz speziell im methodisch-konzeptionellen Teil des Buches gelungen, wenn er z.B. Fragen von Natur und Entwicklung, von Gesellschaft und Entwicklung oder von Wirtschaft und Entwicklung thematisiert. Allerdings wären hier gezieltere Verknüpfungen mit aktuellen Ansätzen der Wirtschaftsgeographie, der Politischen Geographie oder der Kulturgeographie hilfreich gewesen. Im Abschnitt über Gesellschaft und Entwicklung postuliert der Autor schließlich, Gesellschaft an sich stelle keinen Forschungsgegenstand der Geographie dar. Sagt der neue Begriff ``Geographische Entwicklungsforschung'' nicht dezidiert aus, dass unterschiedliche Dimensionen von Entwicklung/ Unterentwicklung als wissenschaftlicher Gegenstand im Zentrum der Betrachtung stehen? Selbstverständlich analysiert der geographische Entwicklungsforscher Strukturen, Prozesse und Probleme von Entwicklung immer aus einer geographischen Sichtweise, d.h. in ihren räumlichen Dimensionen und Ausdrucksformen. Aber lassen sich Gesellschaft und Raum als Forschungsgegenstände wirklich trennen? Wie geht eine problemorientierte, theoriegeleitete, handlungszentrierte Geographische Entwicklungsforschung - so wie sie Fred Scholz überzeugend darlegt - mit dem Verhältnis zwischen Sozialem und Räumlichem um? Bleibt Geographische Entwicklungsforschung eine Raumwissenschaft, oder wird sie nicht doch zu einer Gesellschaftswissenschaft mit geographischer Perspektive? Das lesenswerte Lehrbuch von Fred Scholz bietet eine Fülle von Anregungen für eine solche Diskussion.

Hans-Georg Bohle (Bonn)

Die Erde Heft 2 - 2005

Bespr.: Geographische Zeitschrift, 93. Jg. 2005, Heft 3, S. 200 top ↑

Mit dem Buch von Fred Scholz ist erstmals ein umfassendes deutschsprachiges Lehrbuch zur geographischen Entwicklungsforschung erschienen. Der Autor bietet dabei ein breites Spektrum theoretisch-konzeptueller, methodischer und empirischer Beiträge der Geographie zur komplexen Thematik von Unterentwicklung und Entwicklung an. In einem ersten Teil führt er zunächst in die Zielsetzungen der geographischen Teildisziplin Entwicklungsforschung ein, verortet sie im gesamten Gebäude der Geographie und stellt die Grundzüge ihrer historischen Entwicklung dar.

Der zweite Teil konzentriert sich auf konzeptuelle Überlegungen, indem sich Scholz dem Forschungsgegenstand geographischer Entwicklungsforschung - Entwicklungsländer, Dritte Welt? Länder des Südens - aus unterschiedlichen Perspektiven annähert. Neben der vergleichenden Betrachtung der soziopolitischen, wirtschaftlichen und naturräumlichen Strukturen in den unterschiedlichen Weltregionen gleichsam als Basis der noch heute bestehenden "grundsätzlichen Verschiedenheit", werden die Beziehungen zwischen Nord und Süd in ihrer historischen Dimension am Beispiel des Welthandels dargestellt. Dies mündet in die Diskussion um die theoretischen Grundpositionen (Modernisierung oder Abhängigkeit) über die Ursachen von wie auch immer definierter Unterentwicklung. Schließlich betont Scholz die große Bedeutung externer Einflüsse auf die heutige Raumstruktur in Entwicklungsländern.

Teil 3 des Buches befasst sich mit den wichtigsten theoretischen Ansätzen der geographischen Entwicklungsforschung und gibt dabei eine Übersicht über die relevanten Forschungsthemen. Dazu setzt Scholz den Begriff "Entwicklung" in Beziehung zu den Kategorien Natur, Gesellschaft, Wirtschaft und Raum und erlaubt damit die Beleuchtung der theoretischen und methodischen Konzepte aus unterschiedlichen Blickwinkeln. Die enorme Vielfalt der Ansätze wird dadurch übersichtlich strukturiert und durch eine Vielzahl von Grafiken und empirischen Beispielen veranschaulicht. Anwendungsorientierten Themen wird dabei ein eigenes Kapitel gewidmet.

Im vierten Teil setzt sich der Autor ausführlich mit dem Konzept der Fragmentierenden Entwicklung auseinander. Als Begründer dieses neuen und vielfach diskutierten Ansatzes im Kontext der Globalisierungsdebatte belegt er hier seine bereits in mehreren Zeitschriftenbeiträgen geführte Argumentation mit zahlreichen empirischen Befunden. Die Theorie der Fragmentierenden Entwicklung ist erstmals der sowohl originelle wie auch mutige Versuch, Prozesse der Globalisierung aus spezifisch geographischer Perspektive zu theoretisieren. Auch wenn sich diese Theorie nicht auf Entwicklungsländer beschränkt, sondern auch eine Vielzahl von Phänomenen in Industrieländern zu erklären versucht, so stellt sie doch einen wichtigen Beitrag zur wissenschaftlichen Diskussion um "Entwicklung" und "Unterentwicklung" dar und bietet somit eine gute Basis für die Definition künftiger Herausforderungen geographischer Entwicklungsforschung in Theorie und Praxis, wie sie Scholz abschließend im fünften und letzten Teil seines Buches kurz umreißt.

Insgesamt stellt das von Scholz vorgelegte Buch eine äußerst gelungene Zusammenfassung der geographischen Entwicklungsforschung dar, das die Vielfalt theoretischer Konzepte angereichert mit zahlreichen empirischen Materialien gekonnt strukturiert. Dabei schöpft der Autor aus seinem reichen Erfahrungsschatz jahrzehntelanger Arbeit in der Entwicklungsforschung, was bei der Wahl der Fallbeispiele deutlich zum Ausdruck kommt. Beeindruckend und gleichzeitig für den Einsatz in der Lehre sehr hilfreich ist die Vielzahl an Grafiken, die auch komplexe theoretische Konzepte anschaulich darstellen. Die z. T. etwas kurze und überblicksartige Darstellung einzelner Themen wird durch eine umfangreiche Bibliographie ausgeglichen, die dem Leser eine Vertiefung ermöglicht. Nachdem der Schwerpunkt dieses Buches in der Darstellung der theoretisch-methodischen Konzepte liegt, ist eine ideale Ergänzung dazu im angekündigten Buch zu empirischen Beispielen aus der Feder desselben Autors zu erwarten.

Dr. Martina Neuburger.

Geographische Zeitschrift, 93. Jg. 2005, Heft 3, S. 200

Bespr.: Erdkunde Band 81 Heft 1 top ↑

Fred Scholz, Mentor der geographischen Entwicklungsforschung im deutschsprachigen Raum und wissenschaftlicher Förderer der geographischen Zusammenarbeit mit Gesellschaften in Ländern der Dritten Welt hat in der Reihe Studienbücher der Geographie ein Buch mit dem Titel ``Geographische Entwicklungsforschung. Methoden und Theorien'' vorgelegt. Mit der Publikation wendet sich der Autor explizit an Studierende sowie an Leser und Leserinnen, die am Beitrag der Geographie zur wissenschaftlichen Erforschung von Unterentwicklung und Entwicklung interessiert sind. Dabei geht es Fred Scholz darum, den spezifischen Beitrag der Geographie zur Erforschung von Unterentwicklung und Entwicklung herauszustellen. Die Darstellungsweise ist, entsprechend dem Zielpublikum in hohem Maße an didaktischen Maßstäben orientiert, als außerordentlich gelungen zu bezeichnen.

Dem Verfasser geht es nicht nur darum, eine dichte und differenzierte Beschreibung von materiellen, kulturellen, politischen oder gesellschaftlichen Verhältnissen der Entwicklungsländer zu liefern, sondern vor allen die Wechselwirkungen und Querbeziehungen von gesetzten Normen mit lebensweltlicher Praxis, geographischer Theorie und empirischer Methode aufzuzeigen. Um diese Wechselbeziehungen argumentativ aufzuzeigen, verwendet der Autor ein formales Prinzip zur Darstellung und Erläuterung seiner Geographischen Entwicklungsforschung: Die Ausführungen sind durchbrochen mit Approaches, die zur Einführung bzw. zur empirischen Situationsschilderung und zur praxisnahen Veranschaulichung von Problemzusammenhängen dienen. Außerdem sind immer wieder Exkurse als erläuternde Querverweise eingeschaltet und die zahlreichen Fallbeispiele ermöglichen als empirische Belege ein konkretes Verständnis der angesprochenen Sachverhalte. Die drei strukturierenden Elemente sind in der publizistischen Gestaltung vom Haupttext abgesetzt und verdeutlichen somit auch optisch das durchgehende Wechselspiel von Praxis, Methode und Theorie. Damit wird bereits zu Beginn deutlich, ohne dass es explizit erläutert wird, Geographie wird nicht nur als empirische Beschreibung und nicht nur als theoretische Lektion verstanden, sondern als Wechselwirkung und Geflecht sowie als Trialog von Praxis, Methode und Theorie, die ein geographisches Verständnis und eine humane Gestaltung der Lebenswelt in Ländern der Dritten Welt ermöglicht. Wie selten in geographischen Arbeiten üblich, bekennt sich Fred Scholz zu normativen Vorgaben und gibt eine eindeutige Definition von Entwicklung: Entwicklung muss heißen ``erstens regionsspezifische Überlebenssicherung und zweitens langfristige Befriedigung menschlicher Grundbedürfnisse auf der Basis nachhaltiger Nutzung lokal vorhandener natürlicher und sozialer Ressourcen und unter selbsthilfeorientierter Partizipation der Bevölkerung. Sie muss auf Gleichheit, Freiheit, Menschenwürde, politische/demokratische Beteiligung, Solidarität und (kulturelle) Toleranz gerichtet sein'' (S. 18). Damit stellt der Autor Menschen in das Zentrum aller entwicklungspolitischen Überlegungen und aller praktischen und theoretischen Anstrengungen. Aufgrund dieser klaren Aussage, die als Angel- und Ankerpunkt der Bemühungen des Verfassers zu deuten sind, lassen sich die weiteren Ausführungen beurteilen.

Das Lehrbuch ist in fünf Teile gegliedert: Zunächst wird im ersten Teil die Stellung der Geographie innerhalb der entwicklungspolitischen Praxis diskutiert. Danach folgen im zweiten Teil konzeptuelle Überlegungen und theoretische Anmerkungen, die auf die Hintergründe der Gliederung unserer Erde in einen reichen ``Norden'' und einen armen ``Süden'' hinweisen. Außerdem wird der interdisziplinäre entwicklungstheoretische Stand der derzeitigen Diskussion in verschiedenen Wissenschaftsdisziplinen vermittelt. Zudem erläutert der Verfasser die räumlichen Strukturen der Unterentwicklung. Im dritten Teil schildert er die methodischen Konzepte und theoretischen Ansätze der Entwicklungsforschung. Dabei setzt F. Scholz Natur, Gesellschaft, Wirtschaft und Raum in Bezug zu Entwicklung und arbeitet die Gemeinsamkeiten in der Vielseitigkeit der geographischen Entwicklungsforschung heraus. Zum Verständnis der zukünftigen Entwicklung unserer Welt trägt die vom Autor selbst konzipierte ``Theorie der fragmentierenden Entwicklung'' bei. Sie wird im vierten Teil des Buches ausführlich geschildert. Dabei sind Globalisierung, nachholende Entwicklung, globale und lokale Fragmentierung, globale und globalisierte Orte sowie das Konzept der neuen Peripherie grundlegende Begriffe, um die sich diese Theorie zur Erfassung der Entwicklungswirklichkeit der Gegenwart auf unserer Erde ausbildet. Die Darstellung der Perspektiven zukünftiger geographischer Entwicklungsforschung auf den Ebenen der Forschung und der Praxis schließen den Band ab.

Das Buch ist im eigentlichen Sinn des Wortes ein Studienbuch, das über Geographische Entwicklungsforschung in empirischer, theoretischer und praktischer Dimension aufklärt. Nebenbei ist zu erwähnen, dass es dem Verfasser sozusagen ``en passant'' gelingt, aus der problemorientierten Perspektive der Geographischen Entwicklungsforschung die Physische Geographie und die Anthropogeographie zu integrieren. Nicht die derzeitigen wissenschaftstheoretischen Reflexionen, sondern die praktische, planerische und gestaltende Wechselwirkung der Geographie, wie sie mustergültig von F. Scholz vorgeführt wird, belegt die Sinnhaftigkeit und Notwendigkeit der wissenschaftlichen Disziplin Geographie. Wie von einem guten Lehrbuch zu erwarten, ist die Veröffentlichung gut lesbar, übersichtlich gegliedert und mit zahlreichen informativen Graphiken, Tabellen, Skizzen und Karten versehen. Zu Recht formuliert Fred Scholz, dass sich die deutschsprachige Geographie ``durch ihre wissenschaftlichen Beiträge in der theoretischen Diskussion und entwicklungspolitischen Praxis'' - und wie folgt ist zu ergänzen - national und international in allen wissenschaftlichen Disziplinen und im Geschäft der Zusammenarbeit mit den Ländern der Dritten Welt auf hohem Niveau etablieren konnte. Der Verfasser verschweigt, dass er selbst in hohem Maße mit seiner Forschung und Lehre dazu beigetragen hat. Das vorgelegte Lehrbuch der Entwicklungsforschung von Fred Scholz ist ein weiterer und effizienter Baustein, die Rolle der Geographie in der Scientific Community und in unserer Gesellschaft zu festigen. Das Studienbuch ist allen Studierenden der Geographie und allen an Entwicklungsarbeit beteiligten Personen dringend zur Lektüre zu empfehlen.

Anton Escher

Erdkunde Band 81 Heft 1

Bespr.: Zeitschrift für Wirtschaftsgeographie Jg. 51 (2007) heft 2, S. 137-140 top ↑

Scholz, Fred: Geographische Entwicklungsforschung. Methoden und Theorien. Berlin, Stuttgart: Gebrüder Borntraeger Verlagsbuchhandlung 2004 (Studienbücher der Geographie)

Scholz, Fred: Entwicklungsländer. Entwicklungspolitische Grundlagen und regionale Beispiele. Braunschweig: Westermann Verlag 2006 (Das Geographische Seminar)

Mit den 2004 und 2006 erschienenen Werken legt der Gründer des Geographischen Arbeitskreises Entwicklungstheorien sowie des Zentrums für Entwicklungsforschung (ZELF) an der FU-Berlin zwei für die geographische Entwicklungsforschung bedeutende Arbeiten vor. Für die geographische Auseinandersetzung mit Erscheinungsformen, Ursachen und Perspektiven von Entwicklung und Unterentwicklung wird damit eine Lücke geschlossen, die nach dem faktischen Ende der großen Theoriedebatten entstanden war. Anknüpfend an klassische geographische Traditionen waren zahlreiche Fachpublikationen mit lokaler/regionaler und/ oder sektoraler Ausrichtung entstanden, die komplementär das Bedürfnis nach einer fachspezifischen Gesamtschau zur Entwicklungsländerproblematik wachsen ließen. Gerade wegen der damit verbundenen großen thematischen Bandbreite ist der Autor wie kaum ein Zweiter geeignet, sich dieser Herausforderung zu stellen, verfügt er doch über eine außerordentlich weit gespannte thematische und regionale Expertise.

Mit dem Buch Geographische Entwicklungsforschung möchte Fred Scholz einen originären Beitrag der Geographie zur Entwicklungsforschung formulieren, der die vorliegenden theoretisch-konzeptionellen und methodischen Beiträge zusammenfasst und gleichzeitig die Bedeutung dieser Forschung für die Entwicklungszusammenarbeit unterstreicht. Der erste Teil der fünfgliedrigen Arbeit ist der Entwicklungsforschung als Teildisziplin innerhalb der Geographie gewidmet, beginnt allerdings mit einem eigentümlichen Statement zu den binnenwirtschaftlichen Multiplikatoreffekten der bundesdeutschen Entwicklungszusammenarbeit. Dann erfolgt aber eine Art synoptische Interpretation einer Auswahl von Arbeiten deutscher Geographen in den Ländern der sogenannten Dritten Welt, die sich im Wesentlichen an Blenck (1979) orientiert und insbesondere in der historischen Betrachtung einen guten Überblick zur Forschung gibt. Leider blendet die dominant sozialgeographische Perspektive des Verfassers dabei ganze Themenbereiche (z.B. Governance- und makroökonomische Strukturforschung) weitgehend aus.

Der zweite Abschnitt ``Konzeptuelle Überlegungen und Anmerkungen'' knüpft an das Ende der großen Theoriedebatten an und stellt fest, dass nach wie vor keine allgemein akzeptierten Vorstellungen über die Ursachen von Unterentwicklung existieren. Gleichwohl erscheint es aber aus Sicht des Autors sinnvoll, sich mit entsprechenden Ideen und originellen Vorstellungen auseinanderzusetzen, da sie zum Verständnis wichtiger Teilaspekte beitragen. Besonders interessant ist die Diskussion der Fragestellung, warum sich die europäische Kultur weltweit durchsetzen konnte. Hier verweist der Autor auf herrschafts- und gesellschaftsstrukturelle sowie auf natürliche und produktionsstrukturelle Unterschiede. Im Kern argumentiert er mit einem in Europa frühzeitig entstehenden (Handels-)Bürgertum und der protestantischen Wertethik, die in letzter Instanz zu einer Dynamisierung des gesellschaftlichen Strukturwandels führten, während die außereuropäischen Gesellschaften in Despotie und rentenorientiertem Investitionsverhalten verharrten. Ein kurzer Exkurs zur historischen Entfaltung des Welthandels erläutert die mehr strukturellen Argumente. Die hierbei gewählte zeitliche Gliederung in Orienthandel (frühe Phase) sowie merkantilistische, freihändlerische und imperialistische Phasen bildet eine gute Orientierung für Studierende. Dekolonisierung und postkoloniale Entwicklungen werden dann in der Diskussion um Modernisierung versus Abhängigkeit nebenbei abgehandelt. Ingesamt wird der Versuch unternommen, 138 Zeitschrift für Wirtschaftsgeographie Heft 2 / 2007 aus den Generaldebatten der siebziger Jahre die weiterhin als wichtig erachteten Argumente zu bewahren. Im anschließenden Kapitel ``Raumstrukturen des externen Einflusses'' werden die räumlichen Erscheinungsformen dieser Zeitphasen (Hauptstadtdomination, Stadtstrukturen, Extraktionsbahnen, Plantagenökonomien, Staaten-/Grenzbildung) problematisierend und kenntnisreich an ausgewählten Beispielen beschrieben.

Im dritten Teil ``Methodische Konzepte und theoretische Ansätze'' bescheinigt der Autor der Öffentlichkeit eine unzureichende Perzeption der von Geographen vorgebrachten ``zweifellos originellen Ansätze und Überlegungen zu Theorie und Methodik'' von Entwicklung und rechtfertigt damit eine nochmalige Darstellung und Diskussion einer Auswahl dieser Beiträge, die aus seiner Sicht ``ungeachtet ihrer Entstehungszeit noch immer von besonderer wissenschaftlicher und entwicklungspolitischer Relevanz sind'' (124): Für den Themenkreis ``Natur und Entwicklung'' wird auf die Studien zur ökologischen Benachteiligung der Tropen, auf landschaftsökologische Konzepte, Ansätze zur nachhaltigen Naturnutzung und Selbsthilfe sowie auf die aktuellen politischökologischen Ansätze verwiesen. Bis auf Weischets Arbeiten handelt es sich dabei aber meistens nicht um originär geographische Ansätze, sondern um teilweise sehr gut gelungene Kooptationen dieser extern entwickelten Ansätze in die Geographie.

Im Abschnitt ``Gesellschaft und Entwicklung'' werden dann die rentenkapitalistischen Einsichten Bobeks, die Themen indigenes Wissen und informelle Institutionen sowie der Verwundbarkeitsansatz diskutiert. Insbesondere bei der Diskussion um indigenes Wissen fallen das fast völlige Ausblenden des Entstehungszusammenhangs dieser Ansätze und die Präsentation als originär geographisch unangenehm auf. Auch die Diskussion um Institutionen trägt ähnliche Züge. Spätestens hier wäre eine mehr interdisziplinäre Argumentation angebracht gewesen. Die Diskussion des Verwundbarkeitsansatzes als mikroökonomischer Ansatz zum Risikomanagement der Haushaltsökonomien schließt das Kapitel ab. Trotz aller Kritik sei auf die anschaulichen Darstellungen und die gute Lesbarkeit der Abschnitte verwiesen. Im Abschnitt ``Wirtschaft und Entwicklung'' gibt der Autor zunächst Einblick in sein Weltbild in Bezug auf das ``Entwicklungsgeschäft'', das von ökonomischen Interessen dominiert wird. Das Spektrum dieser Interessen reicht von ``rücksichtsloser Ausbeutung'' bis hin zur schieren Überlebenssicherung. Als besonders bemerkenswerte Beiträge der Geographie zu der Frage nach dem theoretisch möglichen wirtschaftlichen Entwicklungserfolg werden die Paradigmenwechsel ``von unten'' und ``autozentrierte Entwicklung'', der Bielefelder Verflechtungsansatz (Soziologie/Ethnologie) sowie der akkumulationstheoretische Ansatz (kleine Wirtschaftskreisläufe) von Rauch diskutiert. Unter dem Stichwort ``Raum und Entwicklung'' wird zumindest auf eine der vielen jüngeren Arbeiten zur Raumentwicklung in Ländern der Dritten Welt unter den Stichworten Wachstumspole und wissensbasierte Cluster verwiesen, um dann jedoch wieder zu dem Vier-Ebenen-Schema von Rauch (lokal, regional, national, global) sowie den Konzepten ländlicher Regionalentwicklung zurückzukehren. Insbesondere bei der dann erfolgenden Vorstellung des Watershed-Development-Ansatzes, der im Kontext der kirchlichen Armutsbekämpfung und nicht im Kontext der geographischen Entwicklungsforschung entstanden ist und erst Jahre später die entwicklungspolitische Praxis der Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) erreichte, fällt dem professionellen Leser die Subsumtion fachfremder Leistungen unter die (sozial-)geographische Entwicklungsforschung erneut unangenehm auf. Die abschließende gemeinsame Botschaft der hier vorgestellten Beiträge der Geographie zur Entwicklungsforschung ``basierend auf fundierter empirischer Forschung und praktischer Projekterfahrung'' wirkt schal. Gleiches gilt für die jeweils zu den Unterkapiteln erfolgenden abschließenden Hinweise zum Entwicklungsbezug. Sie mögen für Studierende gut gemeint sein, wirken aus professioneller Sicht aber eher hölzern und pädagogisierend.

Im vierten Teil des Buches ``Theorie der fragmentierenden Entwicklung'' verlässt der Autor seine Moderationsperspektive und stellt ``eine erklärende Beschreibung und Analyse der Entwicklungsrealität in der Ära der Globalisierung'' vor. Es handelt sich dabei um eine dreistufige Hierarchie von globalen Orten, globalisierten Orten und einer neuen Peripherie mit jeweils begrenzten Auf- und Abstiegsoptionen. Als globalisierte Orte werden die wirtschaftlichen Kommandozentralen, High-Tech-Produktions-/ Forschungs- und Innovationszentren sowie auch fordistische Industriezonen definiert. Globalisierte Orte sind aufgrund einer spezifischen, meist singulären Funktion mit dem Weltmarkt verbunden - die restliche Welt gehört zur neuen Peripherie. Neben dieser globalen Fragmentierung existiert darüber hinaus in den globalen und globalisierten Orten noch eine lokale Fragmentierung, Ausdruck einer jeweils nur partiellen Einbindung dieser Räume in das Weltmarktgeschehen. Mit Hilfe dieses Modells, das an Blotevogels metropolitanes Auf- und Abstiegsschema erinnert, gelingen nun interessante Zuordnungen und Interpretationen von lokalen Situationsbeschreibungen, die weit über den Erklärungswert der klassischen Zentrum-Peripherie-Modelle hinausgehen. Der Fragmentierungsansatz erlaubt es, den lokalen, regionalen und nationalen Wettbewerb um global lokalisierbare Einkommens- und Erwerbsmöglichkeiten in räumlicher Perspektive zu analysieren und stellt das theoretische Bindeglied zur Weltwirtschaft her. Die sich daraus ergebenden zukünftigen Herausforderungen für die geographische Entwicklungsforschung werden im abschließenden fünften Teil des Buches kurz diskutiert. Auf der Forschungsebene wird Bescheidenheit und Konzentration auf Kernthemen angemahnt, die der Autor vor allem in detaillierten Forschungen auf verschiedenen Maßstabs- und Akteursebenen zur prekären Lebenssituation von Menschen und zur nachhaltigen Nutzung von Naturressourcen sieht. Für die Praxisebene, die auf unzulässige Weise immer wieder auf die Entwicklungszusammenarbeit reduziert wird, wird eine stärkere Berücksichtigung der erarbeiteten Erkenntnisse gewünscht.

Es fällt schwer, das Buch einer Gesamtwertung zu unterziehen, da es in vielerlei Hinsicht bemerkenswert ist. Als Studienbuch für Studierende ist es zunächst von begrenzter Qualität, weil die für das Studium der Thematik notwenige Interdisziplinarität nicht ausreichend dargestellt wird, weil die Selektivität der Themenauswahl wichtige Bereiche ausspart und weil methodische Fragestellungen nicht ausreichend konkret präsentiert werden. Aus fachdisziplinärer Perspektive ist es allerdings ein außerordentlich interessantes Buch, da es den Forschungs- und Erkenntnisstand der (sozial-) geographischen Entwicklungsforschung sehr kenntnisreich abbildet. Es ist bemerkenswert, dass der Autor, der einst auszog, um mit Hilfe eines Arbeitskreises die geographische Entwicklungsforschung aus ihrer fachlichen Enge in die Interdisziplinarität zu führen, nun versucht, die fachspezifische Identität der geographischen Entwicklungsforschung zu stärken und die ohne Zweifel bestehenden engen Verbindungen zu den relevanten Sozialwissenschaften ausblendet. Als Raumwissenschaft ist und bleibt die Geographie auf Theorien und Erklärungsansätze der Nachbarwissenschaften in hohem Maße angewiesen. Erst wenn es gelingt, diese in räumlicher Perspektive einzusetzen und zu interpretieren, entsteht der für das Fach so typische zusätzliche Erkenntnisgewinn. Dessen Darstellung gelingt dem Autor gut, aber gelegentlich auf Kosten der Interdisziplinarität. Für Nichtgeographen, die sich auch nicht für diziplingeschichtliche Entwicklungen interessieren, sondern das Buch auf der Suche nach neuen Informationen zur Entwicklungszusammenarbeit durchforsten, bleibt das Buch erstaunlich schwach. Die belehrenden Hinweise, zum Beispiel zur ländlichen Regionalentwicklung (LRE) oder Desertifikationsforschung helfen da nicht. Wünschenswert wäre unter anderem eine stärker konstruktive und kritische Auseinandersetzung mit den gegenwärtigen Konzepten der Armutsbekämpfung, der Schuldenerlassproblematik, der Governance- Diskussionen und den Dezentralisierungskonzepten gewesen.

Insgesamt handelt es sich um ein eigentümlich fragmentiertes Buch, das unter weitgehender Ausblendung der Beiträge von Ethnologie und Anthropologie versucht, die (sozial-)geographische Perspektive der Entwicklungsforschung zu definieren, eine Perspektive, die den Menschen in seiner lokalen und regionalen Bedingtheit in den Mittelpunkt des Erkenntnisund Forschungsinteresses rückt. Natürlich ist die dahinter stehende Moralität einer Forschung im Interesse der Armen und Benachteiligten mehr als ehrenwert, verstellt aber gelegentlich den Blick für die strukturellen Mechanismen von Weltwirtschaft und Gesellschaft und die damit verbundenen Themenstellungen. Bei aller Kritik und divergierender Auffassung muss dem Autor jedoch bescheinigt werden, ein gut gelungenes Buch zum Stand der sozialgeographischen Entwicklungsforschung vorgelegt zu haben. Ob jedoch künftig die mehr wirtschaftsgeographisch oder auch bevölkerungsgeographisch inspirierte Entwicklungsforschung ausgeblendet werden sollte, erscheint im Interesse des Faches fraglich.

..... Neben seinen bedeutenden Arbeiten zum Nomadismus war es vor allem der von ihm gegründete Geographische Arbeitskreis Entwicklungstheorien, der durch sein Bemühen die Teildisziplin Entwicklungsforschung aus der engen fachlichen Binnenorientierung auf ein auch interdisziplinär wettbewerbsfähiges Wissensniveau führte. Mit seinen beiden letzten Büchern hat der Autor ganz gewiss auch eine Art persönlicher Bilanz vorgelegt. Während das erste Werk die mehr theoretischen Erfahrungen und Einsichten seines Schaffens reflektiert, bilden die vielfältigen Erfahrungen als Gutachter in der Entwicklungszusammenarbeit wohl die Grundlagen des zweiten Werkes. Insofern ist die Lektüre der Bücher nicht nur als Einführung für Studierende zu empfehlen, es handelt sich vielmehr auch um eine Pflichtlektüre für alle in diesen Bereichen tätigen Fachkräfte. Auch dem Selbstbild des Autors, der durch seine Arbeiten einen Beitrag zur Verbesserung der Lebensbedingungen der armen Menschen des Südens leisten will, kann abschließend nur Respekt gezollt werden

Walter Thomi, Halle/Saale

Zeitschrift für Wirtschaftsgeographie Jg 51 Heft 2/2007

Inhaltsverzeichnis top ↑

Vorwort 5
Liste der Abbildungen 10
Liste der Tabellen 12
Teil 1: Entwicklungsforschung in der Geographie 13
1. Begründung, Ziel und Anspruch: Fachspezifische Notwendigkeit
zur Entwicklungsforschung 14
2. Bedeutung und Orientierung: Zeitlich verschiedene Positionen
der Geographie innerhalb der entwicklungspolitischen und
entwicklungstheoretischen Diskussion 18
2.1 Bedeutungslosigkeit und Ursachen 19
2.2 Wahrnehmung und Teilhabe 21
2.3 Neue Herausforderung und Mitgestaltung 23
3. Retrospektion: Phasen unterschiedlicher fachinterner Beschäftigung
der Geographie mit dem Thema Unterentwicklung/Entwicklung 25
3.1 Geographische Vorkriegsforschung in Übersee 25
3.2 Geographische Forschung in Entwicklungsländern 27
3.3 Geographische Entwicklungsforschung 29
Teil 2: Konzeptuelle Überlegungen und Anmerkungen 33
1. Bedeutung geographischer Übersichten: Physio- und
anthropogeographische Forschungsergebnisse zur allgemeinen
überregionalen entwicklungspraktischen Orientierung und zur
Veranschaulichung entwicklungsrelevanter Grundlagen 33
Inhaltsverzeichnis 8
2. Europäisierung, nicht Afrikanisierung/Asiatisierung:
Ursachen für die europäische Überlegenheit aus
geographischholistischer Perspektive 40
2.1 These von der grundsätzlichen Verschiedenheit 42
2.2 Herrschafts- und gesellschaftsstrukturelle Unterschiede 43
2.3 Natürliche und produktionsstrukturelle Gegensätze 48
3. Welthandel und Raumgestaltung: Ausbreitungsphasen des
europäischen Handels in seiner räumlichen und funktionalen
Dimension: Kolonisierung, Kolonien, Handelsreiche, Imperien,
Handelsströme, Rohstoff-/ Gewinntransfer 51
3.1 Orienthandel (Einführende Überlegungen) 52
3.2 Merkantilistische Phase und Sklavenhandel 54
3.3 Freihändlerische Phase und koloniale Expansion 66
3.4 Imperialistische Phase und Aufteilung der Erde 69
4. Modernisierung versus Abhängigkeit: Theorien des dynamischen/
peripheren Kapitalismus; Globaltheorien Modernisierung/
Abhängigkeit und ihre Relevanz für die geographische Forschung;
gegenseitige Kritikaspekte; gemeinsame Strategiekonzepte 74
4.1 Grundpositionen zur Einführung 75
4.2 Theorievergleich 81
4.3 Theoriekritik 85
4.4 Theorieannäherung 86
4.5 Diskussionsstand 87
5. Raumstrukturen des externen Einflusses: Mögliche Folgen
externer/europäischer Präsenz und Interessen für die siedlungs-,
wirtschafts- und territorialräumliche Gestaltung der heutigen
Entwicklungsländer 89
5.1 Ein-Stadt-/Hauptstadtdomination 93
5.2 Stadtanlagen 96
5.3 Extraktionsbahnen 101
5.4 Plantagenökonomie 106
5.5 Grenzen, Territorien 113
Teil 3: Methodische Konzepte und theoretische Ansätze 123
1. Natur und Entwicklung? Physiogeographisch angelegte oder
orientierte Beiträge zum Verständnis entwicklungsrelevanter
natürlicher/politökologischer Prozesse 123
1.1 Ökologische Benachteiligung der Tropen 125
1.2 Landschaftsökologisches Konzept der Desertifikation 131
1.3 Nachhaltige Naturnutzung und Selbsthilfe 141
1.4 Politisch-ökologischer Ansatz 145
2. Gesellschaft und Entwicklung? Bedeutsame gesellschaftliche
Strukturen als Grundlage für das Begreifen entwicklungshemmender
oder entwicklungsfördernder Vorgänge 152
2.1 Rentenkapitalistische Einsichten 153
2.2 Indigenes Wissen und informelle Institutionen 158
2.3 Verwundbarkeitsansatz 170
3. Wirtschaft und Entwicklung? Funktion wirtschaftlicher
Einstellungen/Sichtweisen bei der Initiierung aufbauender und
überlebenssichernder Entwicklung 176
3.1 Perspektivenänderung: von unten und autozentriert 178
3.2 Verflechtungskonzept 189
3.3 Akkumulationstheoretischer Ansatz 193
4. Raum und Entwicklung? Bedeutung räumlicher Strukturen und Bezüge
für landesdurchdringendes und gesellschaftsumfassendes Handeln zur
Befriedigung elementarer Grundbedürfnisse 197
4.1 Wachstumspole und wissensbasierte Cluster 197
4.2 Vier-Ebenen-Interventionsstrategie 203
4.3 Ländliche Regionalentwicklung (LRE) und Watershed
Development-Programme (WDP) 206
5. Gemeinsame Botschaft? Bestimmende und tragende Gemeinsamkeiten
in der Vielseitigkeit geographischer Entwicklungsforschung 212
Teil 4: Theorie der fragmentierenden Entwicklung 215
1. Globalisierung: Realität der Gegenwart: Heutige weltweit
dominierende Bestimmungsgrößen für Wachstum und Entwicklung 215
2. Anmerkungen zur Begrifflichkeit und Methodik: Begriffe
zur Erfassung und Differenzierung neuer Räumlichkeit 217
2.1 Fragmentierung und Regionalisierung? 217
2.2 Regionen und Orte? 220
Inhaltsverzeichnis 10
3. Modell der Fragmentierung: Theoretische Vorstellungen zur
Erklärung der durch Globalisierung ausgelösten fragmentierenden
Entwicklung; Begründung der Kritik an dem Konzept nachholender
Entwicklung 221
3.1 Globale Fragmentierung 221
3.2 Lokale Fragmentierung 225
3.3 Fragmentierende Entwicklung 227
4. Annäherung an die eine global fragmentierte Welt: Heute
mögliche Chancen und existierende räumliche Differenziertheit von
Entwicklung 229
4.1 Globale Orte 231
4.2 Globalisierte Orte 235
4.3 Neue Peripherie 250
5. Entwicklungswirklichkeit: Diskussion von Entwicklungsperspektiven
in Zeiten der Globalisierung u.a. auf der Grundlage des Hexagons
der Zivilität 255
Teil 5: Zukünftige Herausforderung für geographische
Entwicklungsforschung 259

1. Forschungsebene: Aus der Kompetenz der Geographie ableitbare
und gesellschaftlich geforderte Themen zur grundlegenden Erforschung
aktueller Entwicklungsprobleme 259
2. Praxisebene: Bestehende und zukünftige Entwicklungsprobleme, zu
deren entwicklungspraktischen Bewältigung aus geographischer
Regional- und Vor-Ort-Erfahrung sinnvolle Beiträge eingebracht
werden können 262
Literatur 265
Glossar 293