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Benedikt Korf; Conrad Schetter:

Geographien der Gewalt

Kriege, Konflikte und die Ordnung des Raumes im 21. Jahrhundert

[Geographies of terror. Wars, conflicts and the reorganization of national borders in the 21st Century]

2015. 246 Seiten, 23 Abbildungen, 5 Tabellen, 14x21cm, 420 g
Language: Deutsch

(Studienbücher der Geographie)

ISBN 978-3-443-07152-3, brosch., price: 29.90 €

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Keywords

TerrorismusBürgerkriegeKonflikträumeKrise

Contents

Inhaltsbeschreibung top ↑

Bürgerkriege, Terrorismus und organisierte Kriminalität stellen das herrschende Ordnungsparadigma der Nationalstaaten in vielen Regionen der Erde zunehmend in Frage. Dies führt zu gegenläufigen Prozessen der Territorialisierung und Deterritorialisierung, die sich in “Geographien der Gewalt“ niederschlagen. Die Beiträge in diesem Band beschreiben unterschiedliche Ausprägungen und Formen organisierter Gewalt und ihre Einbettung in soziale, politische und räumliche (Um-)Ordnungsprozesse. Divergierende Konflikttypen und die damit verbundene Strukturdynamik der Gewalt werden anhand von Beispielen aus Afghanistan, Pakistan, Äthiopien, Somalia, Nepal, Sri Lanka, Brasilien, dem Kongo und dem Libanon erläutert. Zudem wird die Rolle globaler Schaltstellen der Macht in virtuellen Konflikträumen analysiert.
Dieser Band richtet sich an Studierende, Lehrende und Forschende der Geographie, der Politik- und Sozialwissenschaften und der Ethnologie, wendet sich aber auch an Schlüsselpersonen in Politik und Gesellschaft, die sich mit den räumlichen Ausprägungen von Gewalt beschäftigen.

Bespr.: Welt Trends Nr. 113, März 2016 top ↑

Seit Ende des Kalten Krieges haben heiße Kriege – insbesondere solche innerstaatlicher Natur – aber auch Terrorismus und organisierte Kriminalität erheblich zugenommen. Mit Drohnenkrieg und Cyberwar sind neue Gewalträume entstanden. Der Analyse der geografischen Dimension des Krieges und anderer Formen der Gewaltanwendung widmet sich der Sammelband.
In elf Beiträgen untersuchen die Autoren anhand vieler Länderbeispiele die räumliche Dimension von gewaltsamen Konflikten (z.B. Äthiopien), Bürgerkriegen (z.B. Somalia, Nepal, Kongo) und organisierten Gangstrukturen (Brasilien). Im Unterschied zu militärgeographischen Ansätzen ist es Ziel des Bandes, verschiedene Facetten der wissenschaftlichen Erforschung von Gewalträumen zusammenzubringen und so einen Beitrag zur Friedens-, Konflikt- und Sicherheitsforschung zu leisten.
Die einzelnen Arbeiten lassen sich im Wesentlichen vier Forschungsbereichen zuordnen. Erstens geht es um Technologien, mit denen Schlachtfelder "produziert" werden, wie der Einsatz von Drohnen als Mittel der chirurgischen Kriegsführung auf Distanz. Das Konzept der „unregierten Räume“ dient dabei insbesondere den USA zur Legitimierung solcher Interventionen. Ausgehend von der Politischen Ökologie wird zweitens die Frage der Gewalt im Zusammenhang mit der Nutzung und Ausbeutung natürlicher Ressourcen wie auch Ressourcenknappheit (Wasser, Weideland) untersucht. Drittens werden Aktivitäten in gewaltoffenen Räumen beleuchtet, z.B. nichtstaatliche Akteure (Rebellengruppen) in afrikanischen Bürgerkriegen wie auch die Schaffung von Parastaatlichkeit in Regionen der Demokratischen Republik Kongo. Eine vierte Gruppe betrifft schließlich andere Orte mit Merkmalen gewaltoffener Räume wie brasilianische Favelas oder Flüchtlingslager im Libanon. Die angewandten Methoden reichen von Diskursanalysen über feldforschungsbasierte Ansätze bis hin zu quantitativen Analysen. Der Band trägt dazu bei, eine im deutschsprachigen Raum zu verzeichnende Lücke zu schließen. Obwohl Gewalt und Krieg als Problem wahrgenommen werden, hat die Geographie als Disziplin bisher relativ wenig zur Erklärung dieser Phänomene beigetragen. Es erscheint wichtig, diese Forschungen fortzuführen und zu erweitern.

Hubert Thielicke, Berlin

Welt Trends Nr. 113, März 2016

Bespr.: MILIEU - Abseits des Status Quo 15.03.2016 top ↑

Das Territorium als Streitpunkt internationaler Konflikte hat seine Ambivalenz: Im Zeitalter des Internets mögen Grenzen immer mehr an Bedeutung verlieren. Andererseits sind insbesondere die in einem Land vorhandenen Bodenschätze zunehmend ein Anlass kriegerischer Auseinandersetzungen (prägnantes Beispiel: Afrika).
Und das wochenlange zähe Ringen um die finalen Grenzziehungen nach dem jugoslawischen Bürgerkrieg zeigt auch, dass der geographische Raum noch immer eine Rolle im Gesamtthema Krieg und Frieden spielt.
Hier setzt der Sammelband von Korf und Schetter an. Militärische Gewalt war bis zum Zweiten Weltkrieg vom klassischen Muster der sogenannten “Alten Kriege” geprägt: Mehr oder weniger gleichstarke militärische topdogs ließen ihre Armeen in von Schlachten und Fronten geprägten Kriegen aufmarschieren. Die Zivilbevölkerung blieb von diesen militärischen Kämpfen weitgehend unberührt. Die Alten Kriege folgten einem klaren Abfolgemuster: Droh-Eskalation, gegenseitige Warnungen, Protest-Noten, Ultimaten, Mobilmachung, Kriegserklärung, Krieg, Waffenstillstand, Friedensvertrag.
Von dieser “einheitlichen” Kriegsführung des 19. und der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts sind die “Neuen Kriege” seit 1950 weit entfernt: Wer jetzt Krieg führt sind meist keine Staaten mehr, die für Gewaltausübung, geschweige denn für ein Gewaltmonopol viel zu schwach sind, sondern Unabhängigkeitsbewegungen, War Lords, Drogenhändler, Söldner. Es wird auch kein klassischer Krieg mehr mit Schlachten und Fronten geführt. Der Neue Krieg ist durchweg ein Guerilla-Krieg; ein Gewalt-Scenario mit einem Mix von Verbrechen, Gewalt und Menschenrechtsverletzungen. Die Eroberung von Territorium wird abgelöst durch Zerstörung des Wohnraums des Gegners, ethnische Säuberungen und schließlich durch Genozid. Gewalt wird nicht mehr durchs Töten auf dem soldatischen Schlachtfeld ausgeübt, sondern durch Plünderungen, Schmuggel, Entführungen usw. Auch die traditionellen Waffen wie Panzer, Artillerie, Militärflugzeuge sind in den Neuen Kriegen kaum noch anzutreffen. An deren Stelle treten vor allem leichte Handfeuerwaffen und Landminen. Und auch die althergebrachte Kriegs-Chronologie ist obsolet geworden - es gibt weder Kriegs”erklärungen” noch “Friedens”schlüsse“ - der (“Neue”) Krieg ist immer da, mal weniger intensiv, dann wieder gewalttätiger. Und es gibt auch keine schlüssige Abgrenzung zwischen Soldaten und Zivilisten; die Zivilbevölkerung wird in hohem Maße Verfügungsmasse für die Kalkulationen gewalttätiger nicht-staatlicher Akteure.
Die in diesem Sammelband erschienenen Aufsätze bewegen sich in eben diesem Umfeld der Neuen Kriege. Entsprechend prägnant verweisen die verschiedenen Kapitelüberschriften mit Begriffen wie “Der allgegenwärtige Krieg”, “Staatszerfall”, “Gewaltkontrolle ohne Staat”, “Räumliche Fragmentierung” usw. auf die neue Kriegsrealität des 21. Jahrhunderts. Als Fallbespiele ziehen die Autoren afrikanische Bürgerkriege, Somalia, Libanon, Rio de Janeiro, Äthiopien und den Kongo heran.
In einem Kapitel geben die Autoren J.Prinz und C. Schetter sogar ein Ausblick auf die mögliche weitere räumliche Entgrenzung in der Zukunft der Kriegsführung im 21. Jahrhundert. Sie mag auf den ersten Blick futuristisch erscheinen, wird aber wahrscheinlich leider schon bald schlimme Realität. Der Titel dieses Aufsatzes gibt schon den Hinweis: “Unregierte Räume, “kill boxes” und Drohnenkriege: die Konstruktion neuer Gewalträume”. Die Autoren beschäftigen sich in diesem Text damit, wie über die Konstruktion bestimmter Räume die Legitimation einer trans-humanen Kriegsführung (vor allem mit Drohnen) erfolgt und wie die Schaffung zielorientierter wechselnder Gewalträume zum Merkmal gegenwärtiger und zukünftiger Kriegsführung wird. Dabei wird die klassische territorialbezogene Kriegsführung, mit dem Anspruch ein bestimmtes geographisches Gebiet beherrschen zu wollen zugunsten punktueller Vernichtungschläge (militärischer Slogan: “Fire and Forget!”) gegen einen anonymen Feind aufgegeben.
Wer sich über die verschiedenen Facetten der Neuen Kriege durch instruktive Beispiele informieren möchte, sollte dieses Buch heranziehen.

Dr. Burkhard Luber

MILIEU - Abseits des Status Quo 15.03.2016

Bespr.: E+Z Entwicklung und Zusammenarbeit 09.01.2016 top ↑

Bürgerkriege, Terrorismus und organisierte Kriminalität bedrohen zunehmend die staatliche Ordnung in vielen Ländern. In einem aktuellen Aufsatzband analysieren Wissenschaftler organisierte Gewalt an unterschiedlichen Orten – vom „Krieg gegen den Terror“ im Irak und Afghanistan bis hin zu Gewalt in Armenvierteln.
Herausgeber des Bandes „Geographien der Gewalt“ sind Conrad Schetter und Benedikt Korf. Schetter ist wissenschaftlicher Direktor des Internationalen Konversionszentrums Bonn (BICC) und E+Z/D+C-Autor. Korf lehrt an der Universität Zürich Politische Geographie, die den Zusammenhang zwischen Macht und Raum erforscht. Die Herausgeber führen mit zwei konträren Interpretationen von Gewalt in das Thema ein. Einige Wissenschaftler sähen Gewalt als einen „kollektiven Berauschungszustand“ und als „pure Raserei“; andere betrachteten diese als eine „rationale Art von Wahnsinn“.
Schetter und Korf schließen sich der zweiten Interpretation an: Gewalt sei für viele Kriegsherren eine einträgliche Methode, um Einnahmen zu erzielen, etwa durch den Verkauf von Rohstoffen, der Konfiszierung von Hilfsgütern oder durch erpresste Schutzgelder. Gewalt entstehe also nicht im Rausch, sondern aus rationalem Kalkül heraus. Das erklärt auch die lange Dauer bestimmter Konflikte und die Schwierigkeit, die Akteure zu einem Friedensprozess zu bewegen. Das Buch diskutiert komplexe Zusammenhänge, bietet aber verständlicherweise keine simplen Lösungen an.
Besonders seit dem 11. September 2001 hat sich laut Schetter und Korf eine neue Begründung für Interventionen des Westens herausgebildet, die davon ausgeht, dass es bestimmte Räume der Erde gibt, die eine Quelle der Bedrohung für die westliche Gesellschaft sind. Damit rechtfertige der Westen militärische Gewalt und eine Kriegsführung mit Luft- und Drohnenangriffen in Regionen wie dem Irak oder Afghanistan.
Der Politische Geograph Derek Gregory untersucht in seinem gleichnamigen Aufsatz den „allgegenwärtigen Krieg“. Damit meint er das Gefühl eines nicht enden wollenden Kriegszustands, etwa den US-amerikanischen „Krieg gegen den Terror“ oder die Konflikte an der amerikanisch-mexikanischen Grenze. Beides seien „räumlich uneindeutige Gebiete“ ohne feste Grenzen.
An der US-mexikanischen Grenze bekämpfen die USA seit mehreren Jahren den Drogenschmuggel und die illegale Migration von Mexiko aus. Laut Gregory militarisierten die USA den Feldzug gegen Drogenhändler und Migranten immer weiter. Die US-Grenzpolizei arbeite seit Jahren mit dem Militär zusammen und baue eine Hightech-Grenzsicherung auf, wobei seit 2011 selbst Drohnen über Mexiko patrouillierten.
Daran anknüpfend beschäftigen sich der Philosoph Janosch Prinz und der Herausgeber des Buches, Conrad Schetter, damit, dass gewisse Staaten durch ihre technologische Überlegenheit in der Lage sind, ihre Ordnungsvorstellungen kriegerisch auf der ganzen Welt durchzusetzen. Dadurch erschufen sie neue „Gewalträume“. Als Legitimation für diese Einsätze dienten normativ formulierte politische Argumente wie die eigene Gefährdung durch sogenannte unregierte Räume, die Terroristen oder Mafianetzwerken als Rückzugsort dienten. Als Beispiele nennen die Autoren die Drohnenangriffe von US-Special Forces in Pakistan, im Jemen oder in Somalia.
Die Autoren stellen dabei eine Asymmetrie der Kriegsführung in diesen neuen Gewalträumen fest – also waffentechnisch und organisatorisch stark unterschiedliche Konfliktparteien. So werden zum Beispiel kaum kalkulierbare Anschläge von Aufständischen in Irak oder Afghanistan mit schweren Luftangriffen beantwortet, denen alle Bewohner schutzlos und ohne Vorwarnung ausgeliefert sind.
Wirtschaftsgeograph Frank Zirkl beschäftigt sich mit der Gewalt in brasilianischen Großstädten. Der Drogenhandel in den Favelas führe zu teils bürgerkriegsähnlichen Machtkämpfen zwischen Drogenbanden, der Polizei und illegalen Milizen. Viele Bewohner, so Zirkl, fühlten sich in ihrer Favela im Ausnahmezustand. Der Autor meint, dass eine „Rückeroberung“ dieser Viertel nicht nur ein Durchgreifen der Polizei erfordere. Vielmehr sei Good Governance notwendig, sprich eine Partizipation aller Beteiligter, um die Stadtentwicklung zu verbessern und den Drogenhandel einzudämmen.

Sabine Balk

E+Z Entwicklung und Zusammenarbeit 09.01.2016

Inhaltsverzeichnis top ↑

Vorwort 5
Verzeichnis der Abbildungen und der Tabellen 8
Benedikt Korf und Conrad Schetter:
Einleitung: Geographien der Gewalt 9
Derek Gregory:
Der allgegenwärtige Krieg 27
Janosch Prinz und Conrad Schetter:
Unregierte Räume, „kill boxes“ und Drohnenkriege: die Konstruktion neuer Gewalträume 55
Benedikt Korf:
Zur Politischen Ökologie der Gewalt 72
Jürgen Oßenbrügge:
Kontinuität der Ressourcenkonflikte und kommende Klimakriege 93
Klaus Schlichte:
Staatszerfall oder Staatsbildung? Zur Politik bewaffneter Gruppen in afrikanischen Bürgerkriegen 116
Sven Chojnacki, Christian Ickler und Željko Branović:
Gewaltkontrolle ohne Staat. Raumzeitliche Variationen von Konflikt und Sicherheit in Somalia, 1990–2009 128
Markus Keck:
Gewalt, Raum und Resilienz: Handeln im Kontext bewaffneter Konflikte 146
Leila Mousa:
Flüchtlingslager im Ausnahmezustand: Nahr al-Bared im Libanon 163
Frank Zirkl:
Gewalt und räumliche Fragmentierung in brasilianischen Großstädten: favelas als exterritoriale Enklaven des Drogenhandels am Beispiel Rio de Janeiros 188
Simone Rettberg:
Die Territorialisierung pastoraler Konflikte im Nordosten Äthiopiens 202
Martin Doevenspeck:
Die Territorialität der Rebellion: eine Enklave lokalen Friedens im kongolesischen Bürgerkrieg 216
Conrad Schetter und Benedikt Korf:
Nachwort: Zur Geographie des Krieges 230
Stichwortverzeichnis 241