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Entwicklung der ethnischen Struktur des Banats 1890 - 1992

(Bevölkerung: Ungarn/Rumänien/Jugoslawien). 1 Begleittext und 4 farbige Karten 73 x 60 cm. Datenstand der Karten: Teil A: 1890; Teil B: 1930/31; Teil C: 1949/53/56; Teil D: 1990/91/92

Hrsg.: Josef Wolf; Peter Jordan; Thede Kahl; Horst Förster; ; Florian Partl; Österreichisches Ost- und Südosteuropa-Institut, Wien

2004. 470 Seiten, 21x30cm, 1540 g
Language: Deutsch

(Atlas Ost- und Südosteuropa, Map 2.8-HRYU1)

ISBN 978-3-443-28519-7, brosch., price: 58.00 €

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ethnischKarteBanatUngarnÖsterreichMinderheitWeltkrieg

Contents

Inhaltsbeschreibung top ↑

Die vierteilige Kartenserie im Maßstab 1:400.000 stellt die Entwicklung der ethnischen Struktur des Banats vom späten 19. Jahrhundert bis in die Zeit nach der politischen Wende dar. Die Kartenserie entstand in Kooperation mit dem Institut für donauschwäbische Geschichte und Landeskunde in Tübingen

Ein äußerst umfangreicher Begleittext des Tübinger Historikers Josef WOLF beschreibt systematisch und neuen Facetten nachspürend die Besiedlungsgeschichte und das interkulturelle Beziehungsgeflecht dieser multiethnischen Region. Ein Ortsnamenregister vermittelt die Veränderungen der amtlichen Siedlungs- und Verwaltungsnamen.

Die heute unter drei Staaten (Rumänien, Serbien und Montenegro, Ungarn) aufgeteilte Kulturregion Banat wurde nach den Verwüstungen der Türkenkriege von der österreichischen Verwaltung im 18. und 19. Jahrhundert multiethnisch kolonisiert. Neben Serben, Ungarn und Rumänen wurden v.a. auch Deutsche aus dem übervölkerten Württemberg, Slowaken, Bulgaren, Ruthenen und Tschechen angesiedelt. Die ethnische Mischstruktur erhielt sich bis heute, obwohl sich im Laufe der Zeit die Proportionen wesentlich verschoben; so u.a. durch die intensive Magyarisierung gegen Ende des 19. Jahrhunderts und bis zum Ersten Weltkrieg, die Assimilation vieler Angehöriger ethnischer Minderheiten an die jeweiligen Staatsnationen nach der staatlichen Aufteilung der Region nach dem Ersten Weltkrieg und durch den zahlenmäßigen Rückgang der Deutschen sowie die Vernichtung der Juden nach dem bzw. im Zweiten Weltkrieg, schließlich noch durch die starke Urbanisierung und Industrialisierung in der kommunistischen Ära, die besonders im rumänischen Teil mit der Zuwanderung aus anderen Landesteilen verbunden war. Diese besonders interessante multikulturelle Situation ist in ihrer historischen Entwicklung bisher noch nicht in größeren Maßstäben und nach Siedlungen kartographisch erfasst und entsprechend detailliert beschrieben worden.

Bespr.: Erdkunde Band 61 Heft 1 top ↑

Das Banat, seit der Zeit der Donaumonarchie Lebensraum von Angehörigen vieler Völker infolge der amtlichen Besiedlungspolitik nach dem Rückzug der osmanischen Herrschaft im ausgehend 18. Jahrhundert, ist wegen des Ausgangs des Ersten Weltkriegs dreigeteilt: Der größere Teil liegt auf rumänischem Boden, die beiden kleineren Teile gehören zu Ungarn und Serbien. Rumänen, Ungarn, Serben und Deutsche bilden die vier größten ethnischen Gruppen. Daneben gibt es noch eine Reihe anderer: Ostslawen (Ruthenen, Rusinen), Westslawen (Slowaken, Tschechen), Südslawen (Kroaten, Bulgaren, Kraschowaner), Italiener, Zigeuner (Roma, Sinti) und weitere. Allerdings haben sich die zahlenmäßigen Größenverhältnisse zwischen den Gruppen im 20. Jahrhundert im Wesentlichen als Folgen der beiden Weltkriege und des Zusammenbruchs des sozialistischen Ostblocks stark verändert. Trotz dieser Vorgänge zeigt auch heute noch der rumänische Teil des Banats eine große ethnische Vielfalt. Eingeschränkt gilt dies auch für den serbischen Teil, nicht jedoch für den ungarischen, der vergleichsweise ethnisch homogen strukturiert ist, d.h. weitgehend nur von Ungarn besiedelt ist.

Die Ergebnisse dieser und noch weiterer Vorgänge und Sachverhalte, d.h. die räumlichen Verteilungsmuster der ethnischen Gruppen, werden in vier Karten des Atlasses Ost- und Südosteuropa festgehalten, und zwar für die Zeitpunkte bzw. Zeiträume 1890, 1930/31, 1949/53/56 und 1990/91/92. Bei dieser Dokumentation handelt es sich um eine besonders beachtliche Leistung hinsichtlich der Informationen, die für sie gesammelt wurden, und ihrer kartographischen Präsentation. Sie ist eine große Hilfe, ja unverzichtbar für alle Historiker, Geographen, Demographen, Ethnologen, Linguisten und andere Fachwissenschaftler, die sich mit der Geschichte und Landeskunde des Banats befassen. Besonders hervorzuheben sind auch die methodischen Reflexionen von Peter Jordan über die Kartographie, die dem Begleittext vorausgehen. Den Kartenautoren ist es gelungen, die Verzerrungen der Daten, die dadurch zustande kamen, dass Volkszählungen verschiedener Staaten verwendet werden mussten, und dass sie sich auf verschiedene Zeiten beziehen, durch umsichtige Interpretationen der Quellen zu minimieren. In diesem Sinne wurde auch der Diagrammmethode in den Karten der Vorzug gegeben. Als Hauptmerkmal der ethnischen Zuordnung wurde die Sprache verwendet.

Höchst verdienstvoll ist ebenso die Erarbeitung des Begleittextes durch Josef Wolf. Die Darstellung geht weit über eine Karteninterpretation hinaus. Behandelt werden die politische Geschichte des Raumes, die Demographie, die Migrations-, Siedlungs- und Kolonisationsprozesse, interethnische Kontakte und Konflikte, die Regionalentwicklung, die Geschichte der einzelnen ethnischen Gruppen und anderes mehr. Problematisch werden aber die Ausführungen dann, wenn mit modernen Begriffen wie ,Raumvorstellungen’ und ,Regionalbewusstsein’ auf historische Sachverhalte eingegangen wird, auch wenn dies in der Literatur zuweilen anzutreffen ist. Selbst bei noch so viel Aufwand an Literatur- und Quellenauswertung bleibt unklar, wie im Nachhinein z.B. Regionalbewusstsein festgestellt werden kann.

Jedoch soll mit dieser kritischen Anmerkung die enorme Leistung des Verfassers nicht geschmälert werden, auch nicht mit dem Hinweis darauf, dass an manchen Stellen lange Schachtelsätze die Lektüre etwas beeinträchtigen.

67 Tabellen, ein voluminöses Register (etwa 140 Seiten) sowie ein etwa ebenso umfangreiches Quellen- und Literaturverzeichnis ergänzen dieses wichtige Werk.

Wilfried Heller

Erdkunde Band 61 Heft 1

Bespr.: Südosteuropa Mitteilungen Heft 05-06/2006 top ↑

Ethnische Mischgebiete sind ein wesentliches Kennzeichen der Bevölkerungsstruktur Südosteuropas, so auch im Banat. Die Region, naturräumlich in etwa von Marosch, Theiß und Donau sowie im Osten durch die Südkarpaten begrenzt, definiert sich zugleich – und vielleicht noch trennschärfer – auch als kulturhistorischer Raum. Das Banat umfasst heute Teile Rumäniens, Ungarns und Serbiens und blickt, wie andere südosteuropäische Regionen auch, auf eine äußerst wechselvolle Territorialgeschichte zurück. Sie beinhaltet mehrfache Veränderungen der nationalstaatlichen Zugehörigkeit bzw. administrativer Gebietszuschnitte. Das erschwert das Zusammentragen von statistischen Informationen zu einer längeren Zeitspanne ungemein. Umso höher ist deshalb die mit dem rezensierten Werk vorgelegte Leistung einzuschätzen. Der im Rahmen des Atlas Ost- und Südosteuropa erschienene Band besteht aus zwei Teilen, die unter redaktioneller Gesamtleitung bzw. Herausgeberschaft von Peter Jordan verfasst wurden: einer Kartenserie mit deutsch-englischer Legende und einem Begleitband, von dem neben der deutsch- auch eine englischsprachige Version verfügbar ist.

Horst Förster, Inhaber des Tübinger Lehrstuhls für Geographie Osteuropas, und Josef Wolf vom Institut für donauschwäbische Geschichte und Landeskunde sind die Autoren der vier aufwändig gestalteten, großformatigen Kartenblätter im Maßstab 1:400.000 (70 auf 60 cm). In den Zeitschnitten 1890, 1930/31, um 1950 sowie zu Beginn der 1990er Jahre wird jeweils die ethnische Zusammensetzung auf der Basis der Siedlungen dargestellt. Die Karten bestechen – neben der gewohnt hochwertigen Druckqualität – vor allem durch ihren durchdachten Aufbau. Die thematischen Informationen werden mit Kreisdiagrammen visualisiert. Dabei waren (wie in Teil C beispielsweise) bis zu 18 ethnische Gruppierungen (als Sektoren) sowie höchst unterschiedliche Siedlungsgrößen (als proportionale Kreisflächen) zu berücksichtigen. Den Karten sind äußerst nützliche Grundinformationen wie Höhenstufung, Gewässernetz und Grenzen unterlegt, welche nicht zuletzt die Orientierung ungemein erleichtern. Insgesamt ergibt sich trotz der inhaltlichen Fülle ein übersichtliches, attraktives Kartenbild, welches zum wissenschaftlich orientierten Recherchieren genauso wie einfach zum Stöbern einlädt.

Der umfangreiche, von dem Tübinger Historiker Josef Wolf verfasste Begleitband greift gegenüber den Karten zeitlich deutlich weiter zurück. Die Ausführungen zur Entwicklung der ethnischen Struktur des Banats werden zunächst mit Erläuterungen aus historischer Perspektive, beginnend in der Antike, untermauert. Das anschließende Kapitel zum Banat als neuzeitlichem Siedlungsraum widmet sich speziell den mannigfaltigen Migrationsbewegungen einschließlich ihrer Hintergründe und Motive. Über die Kolonisationsphasen des 18. Jahrhunderts hinaus werden auch weniger bekannte Sachverhalte der Binnenmigration bzw. Binnenkolonisation oder Zwangsumsiedlungen angeschnitten. Das wird durch Informationen zur beginnenden Industrialisierung, die naturgemäß vorwiegend in den Städten zu Strukturveränderungen führte, abgerundet. Weitere Abschnitte befassen sich mit der Siedlungsgenese und den historischen Siedlungsstrukturen, mit kulturräumlichen Wandlungen sowie mit ausgewählten Aspekten regionalspezifischer Entwicklungen im 20. Jahrhundert, wobei ein gewisser Schwerpunkt auch auf die heiklen Themen Flucht, Deportation und Internierung gelegt wird.

Ein sehr ausführliches Kapitel zur Erklärung des ethnokulturellen Wandels listet die im Banat vertretenen Ethnien, nach Sprachgruppen sortiert, auf. Das mag auf den ersten Blick sehr enzyklopädisch anmuten. Faktisch gelingt es dem Autor jedoch, in detailreichen Ausführungen Ethnogenese und Migration sowie spezifische Aspekte zu kultureller Identität oder zu Lebens- und Wirtschaftsweisen der einzelnen Gruppen aus dem entwicklungshistorischen Kontext herzuleiten.

Eine umfangreiche Dokumentation aus Tabellen, Register sowie zeitgenössischer und aktueller Literatur, auf die im Text auch ausreichend Bezug genommen wird, rundet das Werk ab. Die 128 Seiten (sic!) Literaturverzeichnis bzw. Quellennachweise stellen genau genommen schon eine eigenständige Bibliographie zum Thema Banat dar, auch wenn der Anspruch einer vollständigen Regionalbibliographie ausdrücklich negiert wird. Auch das Register der einzelnen Siedlungen mit ihrer jeweiligen administrativen Zugehörigkeit unter Bezugnahme auf die Zeitschnitte der Karten und den jeweils gültigen Namensentsprechungen erweist sich bei einem intensiveren Studium als ausgesprochen nützlich. Dagegen erscheint der Tabellenteil etwas zu umfangreich.

An dem sorgfältig recherchierten, fundierten und ausgesprochen informativen Werk wird zukünftig niemand vorbeikommen, der sich – sei es als Forscher, sei es als interessierter Laie – ernsthaft mit dem Banat beschäftigt. Besonders gewinnbringend ist die Präsentationsform in der Kombination aus kartographischer Darstellung und der zeitgeschichtlichen und thematischen Erweiterung im Begleitband.

Daniel Göler

Südosteuropa Mitteilungen Heft 05-06/2006, S. 153