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Georgij M. Lappo; Fritz W. Hönsch:

Urbanisierung Rußlands

[Urbanization patterns and processes in the Russian Federation (Former USSR)]

2000. VII, 215 Seiten, 66 Abbildungen, 26 Tabellen, 21x28cm, 950 g
Language: Deutsch

(Urbanization of the Earth, Volume 9)

ISBN 978-3-443-37012-1, gebunden, price: 71.00 €

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Keywords

UrbanisierungRusslandGesellschaftRohstoffKapitalMarktwirtschaftBergbau

Contents

Synopsis top ↑

The Russian Federation is at the same time a country of "Big Cities", "New Cities" and multiple capitals of individual federal states. The development of its cities reflects the development of the country as a whole and the evolution of its economy and culture in particular.
The authors, Profs. Lappo (Moscow) and Hönsch (Leipzig) present a concise synthesis and discussion of typological characteristics and regional processes governing urbanization of the former USSR. Beyond a mere analysis of historical developments, current effects on urban centers, caused by the fall of the iron curtain are appraised; these have only recently started to take effect.
For example, the authors find that the demise of the old political system has effectively brought the growth of the big cities to a halt. Furthermore, many mining towns in the North of the Federation are facing severe problems, as sufficient funds, required for investments in exploration and production of raw materials under adverse climatic conditions are unavailable.

Besides risks, these developments offer new opportunities. For example, the improvement of the economic structure of russian cities, the passage of laws enforcing environmental protection coupled with well-balanced settlement policy will potentially lead to an overall improvement of the quality of living and economic opportunities.
Many well-commented examples, illustrations, tables, and an exhaustive reference list make this book an important addition for libraries, the bookshelves of scientists and interested laypeople.

Inhaltsbeschreibung top ↑

Rußland ist das Land der großen Städte, der "neuen Städte" und zahlreicher Hauptstädte von Republiken innerhalb der Föderation. Städte verkörpern die Geschichte dieses Landes, seine Wirtschaft und Kultur. Das Buch entstand als deutsch-russisches Gemeinschaftswerk. Die Autoren erläutern historische, typologische und regionale Zusammenhänge der Urbanisierung Rußlands. Sie übermitteln darüber hinaus erste Effekte, die sich aus den gesellschaftlichen Verwerfungen der neunziger Jahre ergeben haben. So stoppten der Zerfall der Sowjetunion und der Übergang zur Marktwirtschaft das scheinbar unaufhaltsame Wachstum der großen Städte. Wegen des enormen Kapitalbedarfes für die Gewinnung und den Transport von Rohstoffen unter extremen Bedingungen gerieten viele Bergbaustädte des Nordens in eine Überlebenskrise. Der Umbruch enthält neben Risiken aber auch Chancen. So verbinden sich Hoffnungen insbesondere mit der qualitativen Aufwertung der Gewerbestruktur der Städte, mit der Durchsetzung von Umweltstandards und mit einer realistischen Siedlungspolitik.

Das Buch enthält zahlreiche, ausführlich kommentierte Abbildungen, Tabellen, ein umfassendes Register und ein gut gewichtetes Literaturverzeichnis.

Bespr.: Europa Regional, H. 2, 2001, S. 107/108 top ↑

Das vorliegende Buch erschien als Band 9 der Reihe ``Urbanisierung der Erde'', der eine Konzeption von Dr. Wolf Tietze - dem Herausgeber der Reihe - zu Grunde liegt. Die Idee, den globalen Urbanisierungsprozess in seiner geographischen Differenzierung darzustellen, ist überaus anregend und wichtig.
Das Buch "Urbanisierung Rußlands" beeindruckt zunächst durch seine polygraphische Qualität. Die inhaltliche Qualität wird wesentlich von der erfolgreichen Zusammenarbeit der Autoren Prof. Fritz W. Hönsch (Leipzig) und Prof. Georgi G. M. Lappo (Moskau) bestimmt. Wie in der Einleitung erwähnt, diente ein Manuskript von G. M. Lappo, der als Autor zahlreicher Veröffentlichungen zur Stadtgeographie und Urbanisierung in Russland zu den bekanntesten russischen Siedlungsgeographen zählt, als Grundlage des Gemeinschaftswerks. Das Manuskript wurde von F. W. Hönsch unter Berücksichtigung aktueller russischer, westeuropäischer und deutscher Arbeiten auf dem Gebiet der Urbanisierung Russlands überarbeitet und ergänzt. Diese Ergänzungen betreffen nicht zuletzt die Kommentierung der Abbildungen, die - auf das jeweils Dargestellte konzentriert - den Haupttext wirkungsvoll bereichert. Die Fußnoten enthalten notwendige, in erster Linie für den deutschen Leserkreis bestimmte Erläuterungen.

Das Buch umfasst neun Kapitel, ein Literaturverzeichnis mit ca. 230 Titeln sowie ein Sach- und ein geographisches Register. Damit werden die Hauptprobleme, die charakteristischen Besonderheiten der Urbanisierung in Russland und die Städte selbst durchaus überzeugend und faktenreich dargestellt.
Im ersten Kapitel beschreiben die Autoren die Bedingungen des Urbanisierungsprozesses in Russland. Dabei heben sie die Rolle der Landesgröße hervor, die objektiv eine Vielzahl großer Städte als Stützpunkte der verschiedensten, das Land überspannenden Netze bedingte. Trotzdem behielten große Teilräume ihren ländlichen Charakter: Städte stellen außerhalb der Agglomerationen isolierte Erscheinungen dar und bilden ein nur weitmaschiges Netz. Bezeichnend ist die urbane Asymmetrie zwischen dem Westen und dem Osten Russlands, obwohl die Industrialisierung in allen Landesteilen bedeutender Impulsgeber der Urbanisierung war. Sie führte zur Entstehung zahlreicher neuer Städte und zum raschen Wachstum alter Städte. Die Betrachtung der abgeschwächten Urbanisierung in den 1980er Jahren hätten die Autoren allerdings angesichts der gesellschaftliche Neuorientierung des Landes mit der Bewertung der neuen Komponenten und Tendenz des Urbanisierungsprozesses in der postsowjetischen Zeit verbinden können.
Kapitel 2 gibt eine historisch-geographische Übersicht über die Entwicklung des russischen Städtenetzes in ihren Hauptperioden; das historische Prinzip durchzieht - das sei schon hier vermerkt - wie ein roter Faden das gesamte Werk und gehört zu den starken Seiten des Buches. Die erste Entwicklungsetappe lassen die Autoren von der Kiewer Rus bis zur Oktoberrevolution 1917 reichen. Die notwendigen Unterabschnitte folgen zeitlichen und regionalen Schwerpunktsetzungen. Viele alte Städte, darunter Nowgorod, Pskow, Susdal und natürlich St. Petersburg und Moskau, sind wegen ihrer Rolle in der Geschichte, aber auch wegen ihrer kulturhistorischen Bedeutung weit über die Landesgrenzen bekannt. Sie erfuhren bis heute mehrfachen Bedeutungswandel.
Anschließend an die erste, belegt die zweite Etappe der Städtenetzentwicklung den größten Teil des 20. Jahrhunderts - soziologisch und geographisch die Zeit der Urbanisierung; historisch logisch fungiert die Zäsur des Zweiten Weltkriegs als wesentliches Gliederungselement dieses Abschnitts. Dem Entwicklungsgang folgend, charakterisieren ihn die Autoren nicht nur als quantitativen Prozess, d.h. als Zunahme der Stadtanzahl und der Stadtbevölkerung, sondern sie betonen zu Recht auch die qualitative Seite der russländischen Urbanisierung, die bei manchen Fachvertretern leider außerhalb der Betrachtung bleibt. Dazu zählt beispielsweise die Herausbildung neuer Stadttypen, etwa der Hauptstädte kleiner nationaler Republiken (Tscheboksary, Naltschik u. a.) oder der Wissenschaftsstädte (z. B. Dubna).
Besondere Beachtung verdient das dritte Kapitel. In der Praxis der Raumordnung vieler Länder haben sich Knoten-Band-Strukturen mit ihren Entwicklungs- und Differenzierungspotenzialen durchgesetzt auch in Russland spielen sie eine herausragende Rolle. Die Autoren weisen nach, dass angesichts seiner riesigen Dimensionen und seiner erheblichen Unterschiede in den physischen und sozioökonomischen Bedingungen das entstandene Grundgerüst der Siedlungsstruktur die strategische Richtung der Urbanisierung bestimmte und bestimmt. Bestehend aus zwei Teilsystemen - einem Städtenetz (von Großstädten und Agglomerationen) und einem magistralen Eisenbahnnetz - haben die Knoten-Band-Strukturen große Bedeutung für die wirtschaftliche Entwicklung der Russländischen Föderation. Die Karte (Abb. 22) unterstützt diese Argumentation und fördert das Verständnis für die Bedingungen der Raumentwicklung in Russland: die Lage und Ausprägung des Hauptsiedlungsgürtels sowie die gewaltige Ausdehnung der nördlichen Zone.
Kapitel 4 ist der aktuellen demographischen Situation und ihren Wirkungen auf die Siedlungen gewidmet. Es unterstreicht konzentriert die enge Verbindung der neuartigen Dynamik in der Bevölkerungsentwicklung Russlands (der natürlichen und der durch Wanderungen verursachten) mit Veränderungen der Siedlungsstruktur. Mit anderen beeinflussenden Problemen befassen sich die Autoren in Kapitel 5: mit der Ökologie der Städte. In besonderem Maße mit der Industrie verbunden, sind aber nicht nur die Lebensbedingungen in den Städten beeinträchtigt, darüber hinaus - das zeigen die Karten (Abb. 25 und 28) - sind es oft große Teile ihres Umlandes. Erste angeführte Beispiele zur Umsetzung eines stadtökologischen Konzepts sind daher von großem Interesse.
Das sechste Kapitel bietet mit seinen anregenden Inhaltspunkten die Möglichkeit, auf charakteristische Merkmale russländischer Städte aufmerksam zu machen: die Besonderheiten der Lage, der Genese und Funktionalität sowie ihre Stellung im Siedlungssystem. Allerdings entspricht die Bezeichnung des Kapitels nicht in vollem Maße dem Inhalt: Vordergründig behandelt werden die vier Städtekategorien alte Städte, neue Städte, Groß- und Kleinstädte. Die alten Städte, die Stadtzentren können als Fixpunkte der Siedlungsstruktur wichtige Entwicklungsetappen sichtbar machen, doch sind viele durch widrige (kriegerische und administrative) Ereignisse amputiert: Sie bedürfen der Renovierung und Revitalisierung - die im Buch genannten Beispiele sind bisher Einzelfälle. Neue Städte - Neugründungen und Stadterhebungen - sind bis in die jüngste Zeit ein Charakteristikum der russischen Urbanisierung; überhaupt (betonen die Autoren mit Recht) ist Russland immer ein Land neuer Städte gewesen. Die oft zu beobachtende Unvollkommenheit des urbanen Milieus ist ein beredtes Zeichen dafür, dass viele Städte noch jung sind, dass - wie die Autoren feststellen - der Wandel von der industriellen und dörflichen Abstammung zur städtischen Reife auch in der Gegenwart anhält.
Großstädte und Agglomerationen sind wesentliche Ergebnisse der Urbanisierung. Deshalb gibt es unter ihnen viele neue Städte (etwa ein Viertel der rund 160), die Mehrzahl jedoch sind alte, die eine außergewöhnliche wirtschaftliche Entwicklung und Konzentrationsprozesse erfuhren. Sie alle sind in erster Linie Industrie- und Verwaltungszentren, besitzen aber auch andere hochrangige Funktionen; Beispiele neuer Großstädte sind Magnitogorsk, Nowokusnezk oder Bratsk, zu den gewachsenen zählen u. a. Nishni Nowgorod, Samara und Tambow. Kleinstädte gibt es logischerweise sehr viele - in vielfältiger Ausprägung und in verschiedenster räumlicher Lage; sie existieren einzeln und in Agglomerationen. Die Autoren mahnen berechtigt an, dass diese Verschiedenartigkeit in der Siedlungs-, Regional-, Bevölkerungs- und Umweltpolitik berücksichtigt werden muss. Gerade die kleinen Städte haben im Rahmen der Stabilisierung der noch jungen Marktwirtschaft in den ländlichen Regionen eine große Bedeutung.
Kapitel 7 ist den regionalen Städtenetzen gewidmet; in vier Unterkapiteln befassen sich die Autoren mit den Städten des europäischen Nordens und der Moskauer Region, mit den Wolgastädten und den Städten Sibiriens. Diese Hinwendung zur regionalen Betrachtungsweise kann nur positiv beurteilt werden, denn damit gelingt es, den Einfluss der überaus unterschiedlichen regionalen Bedingungen auf die Urbanisierung in Russland zu belegen. Sie ist sehr informativ. Und so ist zu bedauern, dass nicht alle russländischen Makroregionen in diese Darstellung einbezogen worden sind; besonders der Süden Russlands - eine in mehrfacher Hinsicht eigenständige Region - hätte hier zusätzlich aufgenommen werden müssen.
Die vergleichende Charakterisierung von zwei Städtepaaren ist Gegenstand des achten Kapitels: Moskau und Sankt Petersburg sowie Archangelsk und Murmansk. Die Autoren folgen dabei nicht nur den Spuren von Geographen, sondern gerade auch von Schriftstellern. Zu ihnen gehört der Literaturkritiker Belinski, der (wahrscheinlich als Erster) die beiden Hauptstädte nicht einander gegenüberstellte, sondern ihr wechselseitiges Ergänzen hervorhob. So auch Lappo und Hönsch, die mit ihrem Vergleich Unterschiede und Ähnlichkeiten von Moskau und St. Petersburg herausarbeiten. Auf einer anderen hierarchischen Ebene liegend, doch ähnlich interessant ist der Vergleich von Archangelsk und Murmansk.
Das Kapitel 9 bildet den logischen Abschluss des Buches. Es kann als Versuch der Autoren betrachtet werden, geographische Kenntnisse, Prinzipien und Denkweisen der Praxis, Städtebauern wie auch Entscheidungsträgern in Politik und Wirtschaft nahe zu bringen. Begrüßenswert ist, dass die Autoren die Notwendigkeit unterstreichen, dass sowohl in Gesetzen als auch in Planungen die in Russland anzutreffende geographische Differenziertheit und typologische Individualität der Städte grundsätzlich berücksichtigt werden sollten. Damit weisen sie der Geographie insgesamt eine aktive, gestaltende Rolle zu. Die Urbanisierung stellen sie - auf Grund ihres Wirkens im Russland des 20. Jahrhunderts - als effektives Mittel der Weiterentwicklung des Landes dar.
Das vorliegende Buch zweier Wissenschaftler aus Russland und Deutschland, mit der freundlichen Unterstützung von Dr. Tietze entstanden, ist eine Bereicherung des geographischen Buchmarktes. Die Darlegungen sind ausgewogen analysierend (wenn auch nicht immer umfassend) und gleichzeitig konstruktiv. Sie scheuen nicht die Kritik an Schwächen der russischen Urbanisierung, distanzieren sich aber von pauschalen Negativurteilen. Zu den Vorzügen des Werkes zählen die gute Ausstattung mit Abbildungen - mit Karten, Schemata, Satellitenbildern, alten Stich- und neuen Fotowiedergaben (letztere fast ausnahmslos von F. W. Hönsch) - wie auch die historische und literarische Einbindung des Themas; bedauerlich ist nur, dass der Vergleich der Hauptstädte ohne Fotos von St. Petersburg auskommen muss. Dem Buch sind viele interessierte Leser zu wünschen.
J. N. Perzik, Moskau
Übersetzung der stark gekürzten Fassung: Dmitri Piterski, Leipzig

Europa Regional, H. 2, 2001, S. 107/108

Bespr.: "Erdkunde", Bd. 55, Hefte 3, Jg. 2001 top ↑

Der russische Stadt- und Bevölkerungsgeograph G. M. LAPPO hat auf der Basis jahrelanger Studien einen Band konzipiert, der von F. W. HÖNSCH übersetzt, illustriert und mit weiterführenden Hinweisen versehen wurde, so daß zu Recht von Ko-Autorenschaft gesprochen wird. Einem zusammenfassenden Überblick folgt ein historischer Abriß des russischen Städtewesens und eine Betrachtung des "Grundgerüsts" der Siedlungsstruktur, worunter die Verknüpfung von Fernverkehrswegen mit städtischen Siedlungen hoher Zentralitat zu verstehen ist. Großes Gewicht wird auf demographische Faktoren gelegt, doch auch der ökologische Zustand wird kritisch beleuchtet. Eine weitgehend deskriptive Typologie, die nach historischer Bindung und Neugründung sowie nach "groß" und "klein" differenziert, mag etwas simpel erscheinen, wird aber durch einen etwas zufällig zusammengestellten regionalen Überblick sowie zwei Städtevergleiche (Moskau und St. Petersburg; Archangelsk und Murmansk) ergänzt, ehe ein Blick auf einige Grundzuge der Siedlungspolitik geworfen wird. Traditionelle Betrachtungsweisen der russischen Stadtgeographie dominieren das Buch. Zwar werden Transformationsprozesse der Gegenwart nicht übergangen, aber die prozeß- und problemorientierte Analyse auf der Mikroebene tritt gegenüber Überblick und Typisierung zurück. So knüpft dieser Band eLcr an die klassische Studie von HARRIS (1970) als an die planungsorientierte Interpretation von BATER (1980) an, um nur zwei Beispiele älterer stadtgeographischer Überblicksdarstellungen - damals zur Sowjetunion - zu nennen. Insofern ist auch der Titel des Bandes etwas irreführend, wenn man unter Urbanisierung auch die aktuellen Veränderungen und nicht nur die historische Herausbildung eines Städtebesatzes (der Begriff "Stadtenetz" ist in der deutschen Raumordnung bereits anders belegt, und eine Analyse des Städtesystems findet nicht statt) im heutigen Rußland verstehen will. Sehr verdienstvoll ist jedoch, daß in dieser historisch-geographischen Aufarbeitung viele Beispiele genannt werden, die sonst weniger bekannt sind, und daß die Autoren nicht Moskau und St. Petersburg immer wieder als Prototypen russischer Städte aus verschiedenen Zeiten und Ideologien herausgreifen. So wird der Band sicher dazu beitragen, die Stadtforschung über russische Städte zu beleben.

Jörg Stadelbauer

"Erdkunde", Bd. 55, Hefte 3, Jg. 2001

Bespr.: Zeitschrift für Wirtschaftsgeographie, 2. Jg. 2003 top ↑

Endlich ist eine Stadtgeographie Russlands erschienen! In sowjetischer Zeit dominierte die Wirtschaftsgeographie, den Städten wurde in der Fachliteratur nur wenig Bedeutung eingeräumt. Dabei ist gerade die Betrachtung der russischen Stadtlandschaft von besonderem Interesse, denn Russland ist sowohl ein Land der Großstädte - die Hälfte der Bevölkerung lebt in Städten mit über 100.000 Einwohnern -, wie auch ein Land der neuen Städte: Mehr als die Hälfte der Städte ist erst in den letzten 70 Jahren - mit einem Schwerpunkt in den sechziger Jahren - gegründet worden. So füllt dieses Buch eine seit langem bestehende Lücke. Es ist das Gemeinschaftswerk zweier Autoren, die aus Moskau bzw. aus Leipzig stammen. Diese Kooperation, die Verbindung russischer und westeuropäischer Betrachtungsweisen, wirkt sich sehr positiv auf die Darstellung aus. In anschaulicher Weise werden die Herausbildung des Städtenetzes bis zum Beginn des 20. Jahrhundert, das Grundgerüst der Siedlungsstruktur, das Verhältnis zwischen Bevölkerungsentwicklung und Siedlungsweise, die Typologie der Städte , die bestehenden regionalen Städtenetze sowie eine vergleichende Städtecharakterisierung behandelt. Unter dem Gesichtspunkt "Regionale Städtenetze" werden die Städte des Europäischen Nordens, die Moskauer Hauptstadtregion, die Wolgastädte und die Städte Sibiriens gegenübergestellt, wobei alle bestimmenden Faktoren, von der Landesnatur bis zu politischen Einflüssen, hervorgehoben werden. In einem eigenen Kapitel wird auch die desolate ökologische Situation der russischen Städte herausgestellt. Besonders interessant und aktuell ist eine Analyse des russischen Städtewesens gerade heute, wo nach dem politischen und wirtschaftlichen Umbruch neue städtische Interaktionen entstehen und es zu einem Wettbewerb zwischen den Städten gekommen ist - eine Entwicklung, die, wie die Autoren im Vorwort schreiben, gegenwärtig nur angedeutet werden kann. Dokumentiert werden die Gegebenheiten in reicher Weise durch Karten, Pläne, historische Stiche, Tabellen, Fotos und Luftbilder, wobei das Din A4-Format der Publikation einer bildhaften Darstellung entgegenkommt. Neben der damit gegebenen Anschaulichkeit trägt auch die flüssige Sprache zu einer guten Lesbarkeit des Buches bei. Beim Lesen eröffnen sich auch dem in der Geographie Russlands Bewanderten immer wieder neue Einsichten und Zusammenhänge. Ein Buch, auf das Stadtgeographen wie auch alle an Russland Interessierten schon lange gewartet haben!

Norbert Wein, Düsseldorf

Zeitschrift für Wirtschaftsgeographie, 2. Jg. 2003

Inhaltsverzeichnis top ↑

Vorwort V
Abriß der historischen Entwicklung Rußlands X
1 Merkmale und Resultate des Urbanisierungsprozesses in Rußland 1
Der Einfluß von Besonderheiten der sowjetischen Urbanisierung auf Struktur
und Funktionsvielfalt der rußländischen Städte 8
Entwicklungstendenzen der Urbanisierung in den 80er Jahren 11
2 Die Herausbildung des Städtenetzes auf dem Territorium Rußlands 13
2.1 Die Herausbildung des Städtenetzes in Rußland bis zum Jahre 1917 13
Von der Kiever Rus' bis zum Großfürstentum Moskau 13
Die Entwicklung des Städtenetzes zur Zeit der Herausbildung des Moskauer
Zentralstaates 20
Der Weg nach Norden 22
Die Verlagerung der strategischen Grenze an die Wolga 23
Das rasche Vordringen nach Süden und die Errichtung befestigter Linien 23
Die ersten Städte in Sibirien im 16. und 17. Jahrhundert 26
Die Zeit Peters I. und seiner Nachfolger. Die Gründung von Städten als Zentren
von gesamtstaatlicher Bedeutung 29
Die Stadtgründungen im Rahmen der administrativen Reformen von 1775 bis 1785 31
Das Wachstum der Städte und die Herausbildung eines urbanen Netzes in
Rußland im 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts 35
2.2 Die Entwicklung der Städte und des Städtenetzes nach 1917 38
Die Zeit der Fünfjahrpläne vor dem 2. Weltkrieg 39
Der Große Vaterländische Krieg 1941-1945 40
Die Periode des Wiederaufbaus und der Wissenschaftlich-technischen Revolution. 40
Zusammenfassung 45
3 Das Grundgerüst der Siedlungsstruktur 47
Das magistrale Eisenbahnnetz als Bestandteil der Siedlungsmakrostruktur 47
Das Städtenetz als Bestandteil der Siedlungsmakrostruktur 51
4 Dynamik der Bevölkerung und Siedlungsweise 57
4.1 Die demographische Situation in Rußland in den neunziger Jahren 57
4.2 Die aktuelle Dynamik der Bevölkerungsentwicklung in den Regionen
Rußlands und ihr Einfluß auf die Siedlungsstruktur 60
5 Der ökologische Zustand der Städte 68
Ursachen für die ökologischen Mißstände in rußländischen Städten 74
Maßnahmen zum Schutz der städtischen Umwelt 77
6 Städtetypologie 80
6.1 Historische Städte Rußlands 80
Das Schicksal der russischen historischen Städte 81
Besonderheiten historischer Städte 83
Geographische Lage 83
Verhältnis zur Natur 85
Straßen 86
Ensemblewirkung 86
Probleme der Erhaltung historischer Städte 88
Beispiele für Schäden, die dem kulturellen Erbe russischer Städte zugefügt wurde 88
Die Liste historischer Städte Rußlands 89
Große historische Städte 91
Kleine historische Städte 96
6.2 Neue Städte 97
Stadterhebungen als "Reifungsprozeß" und Neugründungen auf der
"grünen Wiese" 98
Die Funktion der neuen Großstädte bei der Herausbildung eines Grundgerüstes
des Siedlungssystems 99
Produktionsfaktoren und räumliche Faktoren bei der Bildung neuer Städte 99
Wie beeinflussen neue Städte die Umgestaltung der Siedlungsstruktur in den
Regionen Rußlands? 100
Kann die Raumordnungspolitik zur Lösung von Problemen der neuen Städte
beitragen? 105
Probleme und Lösungsmöglichkeiten 106
Perspektiven der Entstehung neuer Städte in Rußland 106
6.3 Große Städte Rußlands 107
Einige Besonderheiten der Entstehung und Funktionsspezialisierung großer Städte. . 109
Die räumliche Verteilung großer Städte 111
Gibt es genügend Großstädte in Rußland? 114
6.4 Kleine Städte Rußlands 115
Die Dynamik der kleinen Städte in Rußland 115
Charakteristische Gemeinsamkeiten kleiner Städte 118
Die Vielfalt der Kleinstädte. Versuch einer Gruppierung 120
Probleme kleiner Städte und Lösungsmöglichkeiten 122
7 Regionale Städtenetze 124
7.1 Die Städte des Europäischen Nordens 124
Die urbane Struktur des Nordens 127
Die Entstehungszeit der Städte des Nordens 127
Funktionale Stadttypen 130
Merkmale der wirtschaftsräumlichen Struktur des Nordens und ihr Einfluß
auf die Entwicklung der Städte 131
7.2 Die Moskauer Hauptstadtregion 135
7.3 Wolgastädte 148
Die wirtschaftsgeographische Lage des Wolgagebietes und seine Stellung in
der Territorialstruktur Rußlands 148
Die urbane Struktur des Wolgagebietes 151
Herausbildung des Städtenetzes 152
Die siedlungsräumliche Struktur 153
Die Hauptstadt des Wolgagebietes: Samara 158
7.4 Die Städte Sibiriens 161
Besonderheiten der Herausbildung des Städtenetzes 164
Charakteristik der räumlichen Struktur der Urbanisierung 170
Die Hauptstädte Sibiriens 172
8 Vergleichende Charakterisierung von Städten 177
8.1 Moskau und Sankt Petersburg 177
Eine vergleichende Betrachtung von Moskau und Petersburg aus
geographischer Sicht 178
8.2 Archangel'sk und Murmansk 186
Hauptmerkmale der wirtschaftsgeographischen Lage 187
Ein Exkurs in die Vergangenheit 188
Die Entwicklung nach 1917 189
Stellung und Rolle in der wirtschaftsräumlichen Struktur 190
Lokale Bedingungen und die Lösung städtebaulicher Probleme 191
9 Geographische Grundlagen der städtischen Siedlungspolitik in
Rußland
193
Die Notwendigkeit einer staatlichen Siedlungspolitik 193
Geographische Aspekte einer staatlichen Siedlungspolitik in Rußland 196
Grundprinzipien städtischer Siedlungspolitik 198
Konzepte und Pläne der Siedlungsstrukturentwicklung 199
Das Gesetz über die Grundlagen des Städtebaus in der Rußländischen Föderation 200
Literatur 202
Sachregister 210
Geographisches Register 213