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Marcus Schmidt:

Die Blaugras-Rasen des nördlichen deutschen Mittelgebirgsraumes und ihre Kontaktgesellschaften

[Bluegrass grasslands of the North German mountains and their contact communities]

2000. 1. Auflage, 294 Seiten, 64 Abbildungen, 44 Tabellen, 14x22cm, 610 g
Language: Deutsch

(Dissertationes Botanicae, Band 328)

ISBN 978-3-443-64240-2, brosch., price: 62.00 €

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RasenBlaugrasMittelgebirgethermophilLaubwaldNadelwald

Contents

Inhaltsbeschreibung top ↑

Sesleria albicans-reiche Kalkmagerrasen und ihrer Kontaktgesellschaften (thermophile Saumgesellschaften, Felsspalten- und Kalkschutt-Gesellschaften, thermophile Laub- und Nadelwälder) im nördlichen deutschen Mittelgebirgsraum werden vetationskundlich bearbeitet. Insgesamt 3558 Vegetationsaufnahmen, davon 467 eigene, wurden dazu ausgewertet, methodische Grundlage ist das Charakterartenprinzip der Zürich-Montpellier- Schule (Bergmeier et al. (1990)).
Neben synsystematischen und synchorologischen stehen synökologische und syndynamische Fragestellungen im Vordergrund. Dabei gilt das Hauptinteresse der Verteilung von Vegetationstypen und Pflanzenarten an natürlichen trockenheitsbedingten Waldgrenzstandorten auf Karbonatgestein. Messungen des relativen Lichtgenusses auf Transektflächen ergaben, dass hier das Lichtangebot ein für die Vegetationsdifferenzierung entscheidender Standortfaktor ist. Für insgesamt 42 Pflanzenarten können mithilfe einer logistischen Regression Aussagen über die Wahrscheinlichkeit des Auftretens unter bestimmten Lichtbedingungen getroffen werden. Die Grundzüge einer Sukzession an trockenheitsbedingten Waldgrenzstandorten unter dem Einfluss des Menschen und Folgerungen für den Naturschutz werden abschließend erörtert.

Bespr.: Jahrbuch Naturschutz in Hessen 5 (2000), S. 304/305 top ↑

Der Autor hat ein wichtiges Grundlagenwerk zum Verständnis der Vegetation der Kalkmagerrasen (Brometalia erecti) vorgelegt, zu deren Differenzialarten das Kalk-Blaugras (Sesleria albicans) zählt. Einbezogen in die Bearbeitung sind die Kontaktgesellschaften mit thermophilen Saumgesellschaften, Kalkschutt- und Felsspaltenvegetation und mit verschiedenen Trockenwäldern, in denen das Kalk-Blaugras eine Rolle spielt. Von den untersuchten Waldgesellschaften ist der Seggen- oder Orchideen-Buchenwald (Carici-Fagetum) die häufigste und verbreitetste. Für diese Assoziation wird die erste Vegetationsübersicht vorgelegt, die Datenmaterial aus dem gesamten nördlichen deutschen Mittelgebirgsraum berücksichtigt. Über den gesamten Bereich des Untersuchungsgebietes liegen Punkt-Verbreitungskarten der Vegetationstypen auf Messtischblatt-Niveau vor.

Das Untersuchungsgebiet umfasst innerhalb des nördlichen deutschen Mittelgebirgsraumes alle Naturräume mit Vorkommen vom Kalk-Blaugras in den Ländern Hessen, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen, Sachsen-Anhalt und Thüringen. Aus Hessen sind vor allem Untersuchungen aus den Kalk-Blaugras-Vorkommen im Werra-Bergland, im Kreis Waldeck-Frankenberg und an der Unteren Diemel vorgenommen oder ausgewertet worden.

Der besondere Wert der Dissertation für die praktische Anwendung in den verschiedenen Bereichen der Land- und Forstwirtschaft und des Naturschutzes liegt in der vielseitigen Betrachtung von der ökologischen Situation, der Nutzungsgeschichte, der Möglichkeit der Nutzung, Pflege und Entwicklung bis hin zum Prozessschutz. Von den ökologischen Faktoren werden z.B. Unterschiede im karbonaltreichem Ausgangsgestein (vorwiegend Unterer Muschelkalk und Zechstein bis hin zu kalkreichen Schichten des Mittleren Buntsandstein), in der Bodenentwicklung vor allem in der Rendzina-Reihe, der Bodenbeweglichkeit, der Exposition und der Inklination, (z.B. zur Charakterisierung von Subassoziationen), zum Lichtgenuss, Angebot an pflanzenverfügbarem Wasser und dem Mikroklima dargestellt. Einige Pflanzengesellschaften werden nach Standortbedingungen in edaphische, geographische und höhenbedingte Untergliederungen unterteilt.

Besondere Bedeutung wird der Nutzungsgeschichte beigemessen. Nahezu alle Wuchsorte von Blaugras (Sesleria albicens) befinden sich an natürlichen Waldstandorten oder in deren näherer Umgebung. Die früheren Nutzungseinflüsse lassen sich in der Regel schwerer als aktuell messbare Standortsfaktoren einschätzen. Hierzu gehören z.B. Burganlagen, Waldverwüstungen, Nieder- und Mittelwaldwirtschaft, Streunutzung, Abbau von Rohstoffen oder Aufforstungen z.B. mit Nadelhölzern und landwirtschaftlich geprägte Nutzungen vom Wein-, Obst- und Ackerbau bis zur Weidewirtschaft im Grenzbereich zwischen Wald und Offenland. Zur ökologischen Charakterisierung der Standorte wurden an natürlichen Waldgrenzstandorten mit steilen ökologischen Gradienten Transektuntersuchungen durchgeführt. Bei den Darstellungen in Transekttabellen und den Beschreibungen wird auch nach Rasen, Saum, Gebüsch und Wald differenziert und auf den Grad der Natürlichkeit dieser Abfolge eingegangen, der bei bisherigen Arbeiten oft nicht ausreichend begründet oder auch falsch dargestellt oder verallgemeinert wurde. Die Grundzüge einer Sukzession an trockenheitsbedingten Waldgrenzstandorten auf Karbonatgestein unter dem Einfluss des Menschen werden aufgezeigt. Sie geben Einblick in die Entwicklungsmöglichkeiten dieser Lebensräume in langfristigen Zeiträumen.

Datengrundlage bilden 3558 Vegetationsaufnahmen, davon 467 eigene. Erst durch die moderne Datenverarbeitung wurde es möglich, sehr große Mengen vegetationskundlicher und ökologischer Untersuchungen auszuwerten und bisherige Arbeiten genauer zu bewerten und in ihrer Aussage entweder zu bestätigen oder auch Ungenauigkeiten oder Irrtümer, die meist durch eine zu geringe Datenauswertung oder einer zu kleinräumigen Betrachtung entstanden waren, zu korrigieren. Für das Untersuchungsgebiet ergab sich eine deutliche Reduzierung der Vielzahl bestehender beschriebener Pflanzengesellschaften. So werden die Subozeanischen Trocken- und Halbtrockenrasen (Brometalia erecti) in 4 Assoziationen aufgeteilt (s. Tab. 1). Jede dargestellte Pflanzengesellschaft wird in ihrer Abgrenzung zu ähnlichen Gesellschaften (z.B. zu Kalk-Trockenrasen, thermophilen Saumgesellschaften und Blauschwingel-Rasen) charakterisiert. Vorgestellt werden die Artenzusammensetzung, die Physiognomie und Struktur der Gesellschaften und ihre ökologische Anpassung und Verbreitung innerhalb und außerhalb des Untersuchungsgebietes.

Neben den vegetationskundlichen Differenzierungen sind die Aspekte des Naturschutzes von Bedeutung. Dargestellt sind die Gefährdungssituationen und die Rückgangsursachen der untersuchten Vegetationstypen sowie Zielvorstellungen, Pflege- und Entwicklungsmaßnahmen. Alle Aussagen beziehen sich auf nachvollziehbare Bereiche in bestimmten Naturräumen und Naturschutzgebieten. Dem Autor ist es gelungen, in einer außerordentlichen FleiGarbeit, bedeutende ökologische Zusammenhänge in einer gut gegliederten und begründeten knappen, sprachlich gut verständlich Form, vorzustellen. Der Inhalt ist räumlich und fachlich wesentlich umfassender als die recht Singegrenzte Überschrift vermuten lässt. Jeder Naturfreund oder Wissenschaftler, der sich mit der Vegetation von den offenen Grasfluren bis zum Wald in den geomorphologisch vielseitig strukturierten Landschaften mit karbonathaltigen Böden befasst, wird wichtige neue Erkenntnisse aus dem eigenen oder angrenzenden Fachgebieten erhalten. Aber auch Defizite und oft falsche Einschätzungen z.B. im Bereich der Forschung und des Naturschutzes werden durch die Arbeit deutlich. Die Arbeit wurde von Prof. Dr. Hartmut Dierschke, Albrecht-von-Haller-lnstitut für Pflanzenwissenschaften, Abteilung für Vegetationskunde und Populationsbiologie, Georg August Universität, Göttingen betreut und mit Forschungsmitteln des Landes Niedersachsen gefördert. Der Arbeit ist eine weite Verbreitung zu wünschen.

Lothar Nitsche

Jahrbuch Naturschutz in Hessen 5 (2000), S. 304/305

Bespr.: Naturschutz-Info 3/2000, S. 41 top ↑

Die Arbeit beschäftigt sich mit von Blaugras (Seleria albicans) dominierten Vegetationstypen und deren wichtigen Kontaktgesellschaften im nördlichen Mittelgebiergsraum (insbesondere in Thüringen und Südniedersachsen). Mittels umfangreichem pflanzensoziologischen Aufnahmematerial und Transektuntersuchungen wird eine vegetationskundliche Gliederung vorgelegt, die durch exemplarisch durchgeführte ökologische Messungen untermauert wird. Während sich die "Grobgliederung" an den Übersichten in "Oberdorfer's Süddeutschen Pflanzengesellschaften" orientiert, wird die Untergliederung in Assoziationen und Gesellschaften gegenüber den "Süddeutschen Pflanzengesellschaften" durch Reduktion beschriebener Pflanzengesellschaften vereinfacht.

So werden sowohl innerhalb der natürlichen bzw. naturnahen Blaugras-Gesellschaften wie auch der halbnatürlichen nur noch wenige Einheiten unterschieden, die dann allerdings überregionale Gültigkeit besitzen. Diese Vorgehensweise erlaubt eine Zuordnung konkreter Bestände unabhängig ihrer geographischen Lage, vermeidet die Überinterpretation lokaler Besonderheiten und erleichtert überregionale Vergleiche, die z. B. auch für naturschutzfachliche Bewertungen herangezogen werden können. Breiten Raum nimmt auch die Fragestellung ein, wie die Grundzüge einer Sukzession an trockenheitsbedingten Waldgrenzstandorten insbesondere unter Berücksichtigung des menschlichen Einflusses abgelaufen ist oder ablaufen kann.

Gerade das Wissen über Sukzessionsabläufe an Waldgrenzstandorten ist für die Naturschutzpraxis besonders wichtig, kann es doch die Frage der Durchführung von notwendigen / nicht notwendigen Pflegemaßnahmen lösen helfen. Abschließend werden vom Autor aus seiner Kenntnis der Sukzessionsabläufe heraus für die von ihm erarbeiteten Vegetationstypen Empfehlungen zur Pflege abgeleitet.

Fazit: Auch wenn in dieser Arbeit "nur" die Blaugras-Rasen des nördlichen deutschen Mittelgebirgsraumes behandelt werden, so finden sich doch eine Fülle von Ergebnissen, die durchaus auf Südwestdeutschland zu übertragen sind; zu nennen wären hier die klare und übersichtliche, vor allem gut begründete und nachvollziehbare Gliederung der Rasengesellschaften und die umfangreichen Aspekte zum Naturschutz, die direkt nutzbar sind.

Dr. Rainer Mast, LfU, Ref. 25

Naturschutz-Info 3/2000, S. 41

Bespr.: Tuexenia 20 (2000), S. 451 top ↑

Die vorliegende Arbeit (120 DM) untersucht und charakterisiert die Blaugrasrasen und ihre wichtigsten Kontaktgesellschaften im nördlichen deutschen Mittelgebirgsraum. Anteil am Untersuchungsgebiet haben die Bundesländer Hessen, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen, Sachsen-Anhalt und Thüringen. Pflanzengesellschaften mit Blaugras sind dort in Höhenlagen von unterhalb 100 bis knapp 600 müNN zu finden. Sie sind meist an steilen Hängen mit flachgründigen, skelettreichen Böden auf kalk-, dolomit- oder gipshaltigern Ausgangsgestein ausgebildet. Datengrundlage sind 467 eigene und 3091 Vegetationsaufnahmen anderer Autoren. Hauptziel der Arbeit ist die Entwicklung eines nachvollziehbaren und ökologisch begründeten Konzepts für eine syntaxonomische Neugliederung der Blaugras-Rasen. Dies geht zwangsläufig mit einer Reduktion der Vielzahl beschriebener Vegetationstypen einher. Im Mittelpunkt der Betrachtung stehen dabei die subatlantisch-submediterranen Kalkmagerrasen (Brometalia erecti), zu deren Differentialarten Sesleria albicans gehört. Das angewandte Konzept der Unterverbände führt zu einer deutlichen Reduktion der bisher bestehenden Vielzahl beschriebener Pflanzengesellschaften, die zu überzeugen vermag. Es wird belegt, daß in halbnatürlichen Kalkmagerrasen Sesleria alticans nur dann vertreten ist, wenn sich in der Nähe primäre Vorkommen befinden oder zumindest befanden: eine nicht ganz neue Erkenntnis, die bei der Schutzbedürftigkeit derartiger Gesellschaften mehr in den Vordergrund gestellt werden muß. Von besonderem Interesse ist die Analyse der Vegetationsabfolge an trockenheitsbedingten Waldgrenzstandorten. Die gängige Vorstellung der Abfolge Rasen - Saum - Mantel - Wald läßt sich im Untersuchungsgebiet nicht bestätigen. Es fehlt in der Regel ein dichter, geschlossener Gebüschmantel. Die meisten der untersuchten Pflanzengesellschaften, zu denen auch wärmeliebende Saumgesellschaften, Seggen-Buchenwälder und thermophile Eichenmischwälder gehören, zählen zu den gefährdeten oder stark gefährdeten Biotoptypen. Die zu ihrer Erhaltung entwickelten Naturschntz-Zielvorstellungen vermögen in ihrer Plausibiliät aber insofern nicht ganz zu überzeugen weil der Begriff "natürlich" zu euphemistisch ausgelegt wird. Volle Unterstützung verdient aber die Empfehlung zur Abholzung von naturfernen Pinus nigra - Beständen im Bereich von Steilhängen. Die wirklich schöne und hochinteressante Arbeit sollte zu vergleichbaren Bearbeitungen und Analysen blaugrasreicher Pflanzengesellschaften im süddeutschen Raum außerhalb der Alpen anregen.

M. Witschel

Tuexenia 20 (2000), S. 451

Botanik und Naturschutz in Hessen 13 (2001) top ↑

Die Fragen zur Entstehung, Charakterisierung und menschlichen Beeinflussung natürlich waldfreier Waldgrenzstandorte in Mitteleuropa haben seit jeher unter dem Schlagwort "Steppenheidetheorie" die Vegetationskunde und Landschaftsökologie fasziniert. Innerhalb der Trocken- und Felsvegetation kam dabei den blaugrasreichen Pflanzengesellschaften aufgrund ihrer alpinen Herkunft sowie der Dominanzkraft und Primärzeiger-Eigenschaften ihrer Leitart schon bald eine interessante Sonderrolle zu. Ihr reliktischer Charakter und ihre Einbindung in die umgebende Vegetation und deren Deutunim nach Norden hin ausklingenden Arealrandbereich blieben aber bis heute nicht ausreichend aufgearbeitet.

In der vorliegenden Dissertation wird nun erstmalig eine umfassende vegetationskundlich-ökologische Bearbeitung der Blaugras-Rasen und ihrer wichtigsten Kontaktgesellschaften für den nördlichen deutschen Mittelgebirgsraum zwischen Süderbergland, Weserbergland, Harz und Thüringerwald mit Schwerpunkt in den Randlagen des Thüringer Beckens präsentiert. Der Autor hat 467 eigene Vegetationsaufnahmen und über 3000 aus der Literatur ausgewertet und an 10 trockenheitsbedingten Waldgrenzstandorten Vegetations-Transekte sowie wichtige ökologische Parameter untersucht. Im Zentrum der Betrachtung stehen die subatlantisch-submediterranen Kalkmagerrasen der Ordnung Brometalia erecti. Das auf Oberdorfer zurückgehende Gliederungskonzept der Unterverbände Seslerio-Xerobromenion und Seslerio-Mesobromenion wird ausgebaut und modifiziert im Hinblick auf eine scharfe floristische und ökologische Trennung zwischen natürlichen oder naturnahen einerseits und halbnatürlichen Rasen andererseits. Im Hauptteil des Buches Emdet man ausführliche Charakterisierungen hinsichtlich Zusammensetzung, Physiognomie, Syntaxonomie, Verbreitung und Ökologie für die Rasentypen Teucrio-Seslerietum, Trinio-Caricetum, Polygalo-Seslerietum, Gentiano-Koelerietum und Hippocrepis-comosa-Sesleria-al~icans-Gesellschaft. Es wäre zu prüfen, ob auch natürliche Xerobromion-Rasen ohne die aufgestellten Unterverbands-Kennarten existieren. Als einzige Blaugras-Gesellschaft, der Festuco-Brometea-Arten weitgehend fehlen, wird die Calamagrostis-varia-Sesleria-albicans-Gesellschaft den alpinen Blaugras-Halden aus der Ordnung Seslerietalia zugeordnet. Hier bleibt aber nach wie vor Klärungsbedarf hinsichtlich dealpiner Blaugras-Rasen absonnig-frischer Naturstandorte in den Mittelgebirgen ohne nennenswerten Festuco-Brometea-Einfluß. Derartige Felsbandrasen mit Glazial-Relikten (Hieracium bifidam, Saxifraga rosacca) sind teils noch unbearbeitet oder im vorliegenden Falle teilweise in den Tabellen der Mauerrauten-Felsspaltenfluren untergegangen. Recht weitreichend und differenzierend widmet sich die Untersuchung den typischen Kontaktgesellschaften der Blaugras-Rasen natürlicher und halbnatürlicher Vegetationskomplexe, den thermophilen Säumen, Kalkschutt- und Felsspaltenfluren sowie Trockenwäldern. Bemerkenswerte, neue Ansätze finden sich in der Abgrenzung der wärmeliebenden Säume gegen die Blaugras-Rasen, der Anwendung von Charakterarten auf Strukturtypen bei den thermophilen Eichen-Wäldern oder der erstmaligen Nennung des Erico-Pinion für das Untersuchungsgebiet. In nachfolgenden Kapiteln des Buches liefert der Autor vertiefende ökologische Transekt-Untersuchungen zum Lichtfaktor unter Bildung von Zeigerartengruppen und eine anschauliche Analyse der Vegetationsabfolge Rasen-Saum-Wald an trockenheitsbedingten Waldgrenzstandorten.

Insgesamt stellt die Arbeit einen wichtigen Beitrag zum Verständnis der Lebensbedingungen an natürlichen und halbnatürlichen Trockenstandorten im nördlichen Mittelgebirgsraum, nicht nur für Pflanzensoziologen und Vegetationskundler, sondern auch an dem Thema interessierte Landschaftsökologen und Naturschützer.

Achim Frede

Botanik und Naturschutz in Hessen 13 (2001)

Bespr: Naturschutz im Land Sachsen-Anhalt, 38. Jg., H. 1 2001 top ↑

Blaugrasrasen sind im außeralpinen Mitteleuropa aufgrund ihrer Seltenheit und des Vorkommens bemerkenswerter Pflanzenarten für Floristen, Vegetationskundler und Naturschützer gleichermaßen faszinierend. Besonders spannend ist die Beschäftigung mit diesen Rasen, weil sie oft Geländeformen besiedeln, die mit ziemlicher Sicherheit Waldgrenzstandorte darstellen.

Der vorliegende Band beinhaltet eine monographische Bearbeitung Seeferia albicans-reicher Kalkmagerrasen des gesamten nördlichen deutschen Mittelgebirgsraumes. Daneben werden die Kontaktgesellschahen der Rasen ausführlich dargestellt, wobei für das Geranio-Peucedanetum, das Lithospermo-Quercetum und das Carici-Fagetum die erste ausschließlich auf Originalaufnahmen basierende Gesamtübersicht des bearbeiteten geographischen Raumes vorgelegt wird. Nur durch die Berücksichtigung der Kontaktgesellschaften der an Blaugras reichen Rasen kann nach den Worten des Autors "ein abgerundetes Bild dieser Vegetationstypen entstehen und darüber hinaus ein Beitrag zum Verständnis der Lebensbedingungen an Waldgrenzstandorten des nördlichen deutschen Mittelgebirgsraumes geleistet werden". Neuartig ist in diesem Zusammenhang, dass der Autor vorschlägt, die auf flachgründigen, trockenen Karbonatböden des Untersuchungsgebietes vorhandenen Wald- und Schwarzkiefernwälder zum Verband des Erico-Pinion der Klasse der Erico-Pinetea zu stellen. Diese Wälder, die zumeist durch Aufforstung oder Kiefernanflug aus Kalkmagerrasen hervorgegangen sind, wurden im nördlichen Mittelgebirgsraum, anders als in Süddeutschland, von Pflanzensoziologen bisher wenig beachtet. Auf eine Beschreibung neuer Assoziationen ist jedoch verzichtet worden.

Die Darstellung der im Zentrum der Arbeit stehenden Seeferia albicans-reichen Kalkmagerrasen basiert auf der Grundlage eines sowohl der Literatur entnommenen als auch selbst erhobenen, umfangreichen Aufnahmematerials. Dabei wird von der klassischen Untergliederung der Klasse Festuco-Brometea in die Vikartierenden Ordnungen der Brometalia erecti und Festucetalia volesiacae ausgegangen. Dass dieses Gliederungsschema in den Trockengebieten Mitteleuropas, besonders in Mitteldeutschland, durchaus nicht ganz unproblematisch ist, lässt der Autor anklingen, indem er betont, dass dort häufig Arten der Festucetalia valesiacae in Brometalia erecti-Beständen auftreten und umgekehrt. Ausgehend von diesen Voraussetzungen wird gezeigt, dass alle Seeferia albiconsreichen Festuco-Brometea-Gesellschahen im Bearbeitungsgebiet zur Ordnung der Brometalia erecti zählen. Dabei sind an Blaugros reiche Rasengesellschahen sowohl in den Trockenrasen des Xerobromion als auch in den Halbtrockenrasen des Mesobromion vertreten.

Ein relativ eigenständiger Teil der Arbeit beschäftigt sich mit den Beziehungen zwischen Lichtgenuss und Vegetation an trockenheitsbedingten Waldgrenzstandorten. Als Ergebnis seiner Untersuchungen kann der Autor für ausgewählte Arten der halbnatürlichen Kalkmagerrasen sowie der Pflanzenarten, die heute noch in ihrer Verbreitung weitgehend auf natürlich waldfreie Standorte beschränkt sind, zeigen, welche davon für eine Überdauerung einerseits auf kleinflächig wald freie Standorte oder andererseits zumindest auf trockenheitsbedingt sehr lichte Wälder angewiesen sind. Interessanterweise ist die zu beobachtende Bindung mancher Pflanzenarten an Waldgrenzstandorte und deren unmittelbare Umgebung nach den Ergebnissen des Autors nicht allein durch das Lichtangebot erklärbar.

Sehr aufschlussreich sind die dargestellten Transektuntersuchungen zu Vegetationsabfolgen und Sukzession an trockenheitsbedingten Waldgrenzstandorten. Im Gegensatz zu der vielfach vertretenen Meinung, dass für natürliche Waldgrenzen die Vegetationsabfolge Rasen - Saum - Mantelgebüsch) - Wald charakteristisch sei, fand der Autor diese Folge in keinem der zehn untersuchten Transekte. Im Einzelfall kann der Übergang vom Wald zum Rasen sehr unterschiedlich ausgebildet sein. Die Abfolge Rasen - Saum - Wald wurde dabei am häufigsten gefunden, sie wird als offenbar typisch für stabile, weitgehend natürliche Waldränder angesehen.

Bei der Sukzession wird zunächst die regressive Sukzession behandelt, ausgehend von historischer) intensiver anthropogener Beeinflussung der Waldgrenzstandorte u.a. durch Weidegang und Niederwaldbetrieb. Nicht selten sind dadurch nachhaltige Standoriveränderungen eingeleitet worden. Solche Erscheinungen, etwa ein erosionsbedingter Oberbodenabtrag, beeinflussen noch in der Gegenwart, da die meisten der betreffenden Flächen längst aus der Nutzung gefallen sind, die Dynamik der Vegetation. Die aufgrund des teilweise schon viele Jahrzehnte zurückliegenden Brachfallens heute vielerorts zu beobachtende, sekundär progressive Sukzession zeigt sich in den verschiedenen Vegetationsformen der Waldgrenzstandorte in unterschiedlichem Maße. So hat in den Lithospermo-Querceten die Buche an Bedeutung gewonnen. Die Sukzession auf erodierten, heute von Blaugras-Trockenrasen beherrschten Hangbereichen ist abhängig von der Möglichkeit einer Bodenentwicklung. Wohl nur an steilen Mittelhang-Standorten garantiert der ständige Boden-Abtrag die Stabilität der hier als Dauergesellschaft anzusehenden Trockenrasen. Anhand der Vergleiche historischer und aktueller Landschabs-Fotografien kann der Autor belegen, dass die ehemals nutzungsbedingt großflächig vorhandenen offenen Rasen der von den Oberhängen und den Hangfüßen aus fortschreitenden Gehölzentwicklung bereits an manchen Standorten gewichen sind. Ausgehend von den für die einzelnen Pflanzengesellschaften getrennt angeführten Gefährdungs- und Rückgangsursachen entwickelt der Autor Naturschutz-Zielvorstellungen. Für den Bereich natürlicher Waldgrenzstandorte wird ein uneingeschränkter Prozessschutz bei völligem Verzicht auf Pflegemaßnahmen vorgeschlagen, auch wenn damit für einige Pflanzengesellschaften ein Flächenverlust verbunden ist. Gleichfalls wird für die Erhaltung von Pinus sylvestris-Beständen an natürlichen Waldgrenzstandorten plädiert, eine Aussage, die weniger für die Naturschutzarbeit in Sachsen-Anhalt als in Thüringen bedeutungsvoll sein dürfte. Für halbnatürliche Trocken- und Halbtrockenrasen werden eng an der historischen Nutzung orientierte Erhaltungsmaßnahmen befürwortet.

Ohne hier eine abschließende Wertung vornehmen zu wollen, ist der Rezensent der Meinung, dass ein völliger Verzicht auf Pflegemaßnahmen an allen Waldgrenzstandorten wohl nicht nur zum Flächenrückgang sondern dort auch zum vollständigen Verlust einiger Pflanzengesellschaften führen dürfte. Gleichzeitig ist es zumindest wahrscheinlich, dass mit sinkender Größe der Bestände verschiedener Pflanzengesellschahen auch ein nicht unbeträchtlicher Artenverlust, insbesondere der Fauna, verbunden ist. Da aktuell ohnehin die Mehrzahl der Waldgrenzstandorte keiner Nutzung mehr unterliegt und dies für manche Flächen in Naturschutzgebieten zusätzlich durch Verordnung festgeschrieben ist, könnten einige wenige andere Standorte, besonders wenn sich in deren Umfeld halbnatürliche Trocken- und Halbtrockenrasen befinden, doch in Pflegemaßnahmen einbezogen werden.

Die Fülle des dargebotenen Stoffes, der auf einer soliden Datengrundlage beruht, die Vielzahl der behandelten Aspekte und nicht zuletzt die sehr gefällige und flüssige Darstellung machen das Werk nicht nur für speziell an pflanzensoziologischen Fragestellungen interessierte Leser sondern auch für Floristen sowie Praktiker des Naturschutzes und der Forstwirtschah sehr empfehlenswert. Das Buch kann zum Preis von 120,00 DM über den Buchhandel bezogen werden.

J. Peterson

Naturschutz im Land Sachsen-Anhalt, 38. Jg., H. 1 2001

Bespr.:Berichte d. Bayerischen Botanischen Gesellsch., Band 71, Juli 2001 top ↑

In der an der Universität Göttingen angefertigten Dissertation werden die Blaugras-Rasen an Waldgrenzstandorten auf kalkreicher Unterlage im östlichen Nordrhein-Westfalen, südlichen Niedersachsen, nördlichen Hessen, westlichen Sachsen-Anhalt und nordwestlichen Thüringen untersucht.

In einem einleitenden Teil werden das Untersuchungsgebiet vorgestellt und die verwendeten Untersuchungs- und Auswertungsmethoden beschrieben. Im Hauptteil werden zunächst die untersuchten Sesleria-reichen Rasengesellschaften dargestellt, danach die im Kontakt stehenden Rasen- und Waldgesellschaften. Für jede Assoziation bzw. Gesellschaft wird jeweils Artenzusammensetzung und Struktur, Syntaxonomie und Abgrenzung zu anderen Gesellschaften, Verbreitung in- und außerhalb des Untersuchungsgebietes sowie Standortbedingungen und Untergliederung behandelt. In den Tabellen werden nicht nur die 467 Vegetationsaufnahmen des Verfassers, sondern auch 3091 der Literatur entnommene Aufnahmen zusammengefaßt. Ein eigenes Kapitel ist ökologischen Untersuchungen über den Lichtgenuß der Krautschicht gewidmet. An zehn verschiedenen Stellen wurden Transekte vom offenen Rasen in den Wald hinein aufgenommen und daraus Vegetationsabfolgen dargestellt sowie ein Sukzessionsschema erschlossen. Ein letztes Kapitel behandelt Naturschutzaspekte. Ein ausführliches Literaturverzeichnis sowie ein Anhang, u.a. mit Ergänzungen zu den Vegetationstabellen beschließen den Band.

Das Buch ist klar gegliedert, flüssig zu lesen und wartet mit teilweise überraschenden Ergebnissen auf: Die in viele Lehrbücher eingegangene Abfolge Rasen - Saum - Gebüschmantel - Wald konnte der Verfasser an keinem der zehn untersuchten Waldgrenz-Transekte feststellen. Auch die Messungen des relativen Lichtgenusses räumen mit manch' vertraut gewordenem Vorurteil auf. Der Autor folgt in seinem syntaxonomischen Gliederungsansatz streng dem Grundsatz der Formationsgebundenheit der Charakterarten, was gelegentlich zu etwas seltsam anmutenden Schlußfolgerungen führt. So bezeichnet SCHMIDT (S. 114) den Waldsaum-Streit (die Zugehörigkeit der Saumgesellschaften zu den thermophilen Wäldern) mit der Begrenzung des Charakterartenprinzips auf Strukturtypen als beendet. Ebenso seltsam erscheint die Zuordnung von vier durch spontane Besiedlung oder durch Aufforstung ehemaliger Kalkmagerrasen entstandenen Kiefern-Forstgesellschaften zum Erico-Pinion. Die dies begründenden Verbands-Charakterarten entstammen sämtlich den vorher vorhandenen Rasengesellschaften. Der Formalismus, sie Charakterarten nennen zu dürfen, ändert nichts an der Fragwürdigkeit dieser Zuordnung. Freilich wird so die bei der Besprechung der MERTZ'schen Pflanzengesellschaften in diesem Band monierte Ausdehnung des Erico-Pinion nach Norddeutschland begründet. Obwohl die bei den Vegetationsaufnahmen angetroffenen Hieracien durch den Spezialisten G. GOTTSCHLICH revidiert wurden, fallen in manchen basiphytischen Gesellschaften hohe Stetigkeiten von H. murorum auf: Polygalo-Seslerietum II-III, Hippocrepis comosa-Sesleria-Gesellschaft I-III, Calamagrostis-Sesleria-Gesellschaft III, Gymnocarpietum robertiani II-IV usw. Dies liegt vermutlich daran, daß sterile Blattrosetten vom Verfasser H. murorum zugeordnet wurden (S. 23).

Diese Kleinigkeiten mindern den Wert des Bandes nicht, zumal die Ergebnisse durch die Wiedergabe von Einzelaufnahmen für jeden Benutzer offen gelegt sind. Wer sich mit Waldgrenz-Vegetation außerhalb der Alpen beschäftigt, muß das Buch heranziehen und wird es mit Gewinn lesen.

F. Schuhwerk
Berichte der Bayerischen Botanischen Gesellschaft, Band 71, Juli 2001

Inhaltsverzeichnis top ↑

A. Einleitung 1
B. Untersuchungsgebiet 4
1. Lage und naturräumliche Zuordnung 4
2. Klima 7
3. Geologie und Geomorphologie 9
4. Böden 12
5. Nutzungsgeschichte 13
C. Untersuchungs- und Auswertungsmethoden 19
1. Vegetationskundliche Methoden 19
1.1 Datenerhebung 19
1.1.1 Auswahl und Verteilung der Aufnahmeflächen 19
1.1.2 Methodik der Vegetationsaufnahme 20
1.1.3 Angaben zu Vegetation und Standort 21
1.1.4 Benennung der Arten und bestimmungskritische Sippen 21
1.2 Erarbeitung der Vegetationsgliederung 24
1.3 Fassung und Nomenklatur der Vegetationseinheiten 24
1.4 Auswahl und Einarbeitung der Literatur-Aufnahmen 26
1.5 Aufbau der Vegetationstabellen 27
1.6 Erstellung von Verbreitungskarten 28
2. Methoden zur ökologischen Charakterisierung der Standorte 28
2.1 Transektuntersuchungen 28
2.2 Lichtmessungen und ihre Auswertung 30
D. Rasengesellschaften 33
1. Brometalia erecti 33
1.1 Xerobromion erecti 36
1.1.1 Seslerio-Xerobromenion 39
1.1.1.1 Teucrio-Seslerietum 40
1.1.2 Xerobromenion 52
1.1.2.1 Trinio-Caricetum 52
1.2 Mesobromion erecti 57
1.2.1 Seslerio-Mesobromenion 60
1.2.1.1 Polygalo-Seslerietum 62
1.2.2 Mesobromenion 73
1.2.2.1 Gentiano-Koelerietum 77
1.3 Hippocrepis comosa-Sesleria albicans-Gesellschaft 94
2. Seslerietalia variae 102
2.1 Caricion ferrugineae 102
2.1.1 Calamagrostis varia-Sesleria albicans-Gesellschaft 103
E. Kontaktgesellschaften 110
1. Krautige Pflanzengesellschaften 110
1.1 Geranio-Peucedanetum 110
1.2 Gymnocarpietum robertiani 126
1.3 Asplenietum trichomano-rutae-murariae 131
2. Waldgesellschaften 135
2.1 Carici-Fagetum 13 5
2.2 Lithospermo-Quercetum 150
2.3 Erico-Pinion 166
2.3.1 Sanguisorba minor-Pinus sylvestris-Gesellschaft 170
2.3.2 Calamagrostis varia-Pinus sylvestris-Gesellschaft 174
2.3.3 Anthericum liliago-Pinus nigra-Gesellschaft 177
F. Kurzcharakterisierung und syntaxonomische Übersicht der untersuchten
Pflanzengesellschaften 179
G. Beziehungen zwischen Lichtgenuss und Vegetation an trockenheitsbedingten
Waldgrenzstandorten 181
1. Lichtgenuss der Krautschicht verschiedener Vegetationstypen 182
2. Beziehungen zwischen der Artenverteilung und dem Lichtgenuss 187
3. Diskussion 198
H. Vegetationsabfolgen und Sukzession an trockenheitsbedingten
Waldgrenzstandorten 202

1. Vegetationsabfolgen 202
2. Sukzession 212

J. Aspekte des Naturschutzes 221
1. Gefährdungssituation der untersuchten Vegetationstypen 222
2. Gefährdungs- und Rückgangsursachen 226
3. Zielvorstellungen, Pflege- und Entwicklungsmaßnahmen 229
K. Zusammenfassung/Summary 232
L. Literatur 238
M. Anhang 266
1. Kurzcharakteristik der untersuchten Naturräume 266
2. Abkürzungen 267
3. Ergänzungen zu den Vegetationstabellen 269
4. Eigenes Aufnahmematerial 271