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André Grundmann:

Zur Standorts- und Vegetationsentwicklung im Goldauer Bergsturz

[The development of site factors and vegetation in the area of the Goldau landslide mass, Central Switzerland]

2000. 254 Seiten, 37 Abbildungen, 21 Tabellen, 14x22cm, 510 g
Language: Deutsch

(Dissertationes Botanicae, Band 335)

ISBN 978-3-443-64247-1, brosch., price: 56.00 €

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VegetationStandortBergsturzMoosSprosspflanzeSchweiz

Contents

Inhaltsbeschreibung top ↑

Beim Goldauer Bergsturz von 1806 ist an der Rossbergsüdseite (Kanton Schwyz /Schweiz) ein eindrückliches, 6-7 km2 grosses mit Mergel durchmischtes Nagelfluh-Blockschuttgelände entstanden, das von der submontanen (500 m) bis in die hochmontane (1500 m) Zone reicht und heute zum grössten Teil von Wäldern bestanden ist.
Die Vegetation im unteren Teil (<800 m) des Bergsturzgeländes wurde auf den Teilstandorten «Block» und «quasihomogener Waldboden» erstmals umfassend beschrieben und zu Vegetationskomplexen zusammengefasst. Die dabei angewandte Methode trägt den Inhomogenitäten und der mosaikartigen Verzahnung im Blockschuttwald Rechnung und berücksichtigt die relative Kleinflächigkeit der Bestände.
Die Waldbestände im Bergsturzgebiet zeigen Beziehungen zu den Verbänden Molinio-Pinion, Cephalanthero-Fagion, Eu-Fagion und Andeutungen an das Tilio-Acerion. Teilweise sind Varianten mit eingeflochtenen versauerten Kleinstandorten vorhanden. An feuchten und von Wasser beeinflussten Standorten treten Bestände auf, die dem Alno-Fraxinion zuzuordnen sind. Die Fichte ist natürlicherweise stark vertreten; dies verdeutlicht ihre gute Konkurrenzkraft auf tiefliegenden Pionier- und Sonderstandorten.
Die Vegetation der steilen Block- und Felsstandorte ähnelt folgenden weit verbreiteten Moos- und Felsspaltengesellschaften: Tortello-Ctenidietum mollusci, Neckero-Anomodontetum viticulosi, Thamnietum alopecuri und Asplenio-Cystopteridetum. Flache Moosblöcke tragen eine dem Dicrano-Hypnetum verwandte Vegetation.
Auf flachen Blockoberflächen finden sich ausgesprochene Mischbestände aus Moos- und Sprosspflanzengesellschaften. Sie stehen in der trockenen Ausbildung Gesellschafts-Fragmenten der Föhrenwälder nahe. Rauh- und buntreitgrasreiche Bestände vertreten eine besondere Form des Stipion calamagrostidis. Frische Blockbestände sind als Fragmente des Cephalanthero-Fagion, Eu-Fagion oder Eurhynchion zu deuten. Luftfeuchte, farnreiche und nasse Bestände vermitteln zum Tilio-Acerion, Alno-Fraxinion und Epilobio-Geranietum robertiani. Auf grossen Blockoberflächen und Blockköpfen kommen attraktive, gehölzreiche, waldähnlich geschichtete Strukturen vor.
Die Vegetationskomplexe des Bergsturzgebietes reichen (wie die einzelnen Vegetationseinheiten) von trockenen und wechseltrockenen zu frischen bis feucht-nassen Einheiten.
Die Böden im Bergsturzgebiet gehören zu den Pararendzinen, Mergelrendzinen (Wechselfeuchtigkeit!) sowie den Braunerden mit beginnender Versauerung. Im oberen Bergsturzgebiet kommen nur flachgründige, gering entwickelte skelettreiche Mischgesteins- und Mergel-Rohböden vor. Im Überflutungsbereich von Fliessgewässern sind sandige Aueböden und an staunassen Lagen vereinzelte Fahlgleye vertreten. Auf den Blöcken ist meistens nur eine geringmächtige (basische bis saure) Humusauflage über der angewitterten Nagelfluhoberfläche vorhanden.
Das niederschlagsreiche Voralpen-Klima mit Föhneinfluss wird in Abhängigkeit von Exposition und Geländegestalt im Blockbereich modifiziert. Auf relativ kurzer Distanz können schattige, feuchte und kühle Kleinstandorte mit sonnigen, leicht erwärmbaren und trockenen Standorten abwechseln.
Für die Zukunft ist im Bergsturzgebiet die Weiterentwicklung und zum Teil eine veränderte räumliche Anordnung vor allem der unreifen Standorts- und Vegetationstypen anzunehmen. Alte Blockschuttstandorte am Rossberg ausserhalb des jungen Goldauer Bergsturzgeländes und normal gereifte Waldstandorte der Umgebung geben den Entwicklungshorizont für die im Goldauer Bergsturz langfristig zu erwartenden Verhältnisse an. Die Annäherung an solche klimax-ähnlichen Zustände wird nur langfristig (nach mehreren Jahrhunderten) erfolgen.
Der Rossberghang und das Goldauer Bergsturzgebiet sind Teil eines schutzwürdigen, metastabilen Landschaftsökosystemes, in dem Prozesse in verschiedenen zeitlichen und räumlichen Massstäben ablaufen und das als Naturdenkmal ungeteilt zu erhalten ist. In einem zu entwickelnden Naturschutzkonzept für das gesamte Bergsturzgebiet sollten sowohl potentielle Urwälder, in denen jede menschliche Aktivität ruht, wie aktiv mitgestaltete und extensiv bewirtschaftete Gebietsteile nebeneinander existieren.

Synopsis top ↑

The Goldau landslide mass, located on the southern side of the Rossberg in central Switzerland dates from 1806 and covers an area of 6.7 km2; the geological bedrock is block debris of marl and nagelfluh. Its area extends from the submontane (500 m a.s.l.) to the higher montane zone (1500 m), and it is covered mostly by forest vegetation.
The vegetation in the lower parts of the landslide (<800 m) was investigated on different types of rock surfaces and in more or less homogenous forest stands between the rocks. Additionally, vegetation complexes were delineated. The survey method was adapted to the often inhomogeneous and patchy distribution of the vegetation units, and to the small-scale changes between different plant communities.
The forest communities on the landslide are related to the alliances Molinio-Pinion, Cephalanthero-Fagion and Eu-Fagion, partly Tilio-Acerion; some of the communities occur in acidic variants. Wet sites support communities of the alliance Alno-Fraxinion. Spruce (Picea excelsa) is naturally abundant, especially in early successional habitats in the lower parts of the study area.
Steep block flanks are dominated by various moss communities (Tortello-Ctenidietum mollusci, Neckero-Anomodontetum viticulosi, Thamnietum alopecuri) and communities of higher plants which root in small crevices (Asplenio-Cystopteridetum). On flat rock surfaces, an acidic moss community (Dicrano-Hypnetum) is prominent.
Moderately tilted block surfaces display a mosaic of moos communities, ferns and phanerogamous plants. Dry stands resemble fragments of the alliance Molinio-Pinion. Stands rich in Calamagrostis varia and Achnatherum calamagrostis may belong to the alliance Stipion calamagrostis. Less dry block habitats support fragments of the alliances Cephalanthero-Fagion, Eu-Fagion and Eurhynchion. Fern-rich stands on moist soil or under humid microclimate are related to Tilio-Acerion and Alno-Fraxinion communities and to Epilobio-Geranietum robertiani. On large block surfaces often small stands of multilayered forest communities have developed.
The vegetation complexes which were differentiated in this study span from dry or periodically dry types with low nutrient supply to mesophilous, moderately humid or wet types.
Soils in the study area belong to the types pararendzina, marl rendzina (with variable soil humidity), such as brown earths and brown earths with topsoil acidification. In the upper region of the landslide skeleton-rich, early-successional soils occur on bare marl and nagelfluh. Along banks of little streams alluvial soils exist, and in places with constantly high water supply gleyic soils have developed. On the rock surfaces, only a shallow layer of organic humus was found (partly base-rich, partly neutral or acidic).
The climate at Goldau is humid and rather oceanic, as typical for the Northern Alps, but it is also influenced by foehn events. In the block area the microclimate is strongly differentiated depending on exposition and relief form. Thus, within short distances cool humid sites with high nutrient supply alternate with sunny habitats which are rather dry and warm.
If no further disturbance of the vegetation occurs in the near future, the processes of succession and soil development will proceed, which will lead eventually to changes in the spatial patterns of the present vegetation types. Older landslides nearby at the Rossberg and mature forest stands in the region of Goldau suggest the direction towards which the forest succession on the landslide will proceed in the long-term.
The mosaic of various habitats and plant communities on the landslide are certainly of high conservation value. In this area processes can take place at different spatio-temporal scales which are rarely observed in other parts of the Swiss Alps. The entire landslide area should be protected as a nature reserve. This would include areas with unrestricted natural dynamics and adjacent sites which need extensive management to preserve certain rare species and plant communities.

Bespr.: Tuexenia 20 (2000), S. 454 top ↑

Bergstürze sind willkommene Naturkatastrophen für vegetationsdynamische Untersuchungen. Der Goldauer Bergsturz in den Schweizer Voralpen ging bereits 1806 nieder und erstreckt sich über 1000 Höhenmeter. Auf kleinem Raum entstand ein vielfältiges Muster von Standorten und bewirkte eine entsprechende Vielfalt dynamischer Vorgänge vor allem in der Vegetationsentwicklung. Diese blieben in fast 200 Jahren vom Menschen großenteils unbeeinflußt. Die vorliegende Arbeit befaßt sich mit dem unteren Teil, wo sich verschiedene Blockschuttwälder entwickelt haben. Ein Problem für die Erfassung ist das kleinsäumig sehr inhomogene Substrat, was zu einer Vielfalt von Ausbildungen der Vegetation, auch von starken Verzahnungen zwischen Gefäßpflanzen und Kryptogamen geführt hat. So wurde eine kleinflächig orientierte Vegetationsaufnahme durchgeführt, vergleichend auch in der Umgebung. Die sehr zahlreichen Aufnahmen werden multivariat klassifiziert und in Übersichtstabellen dargesteilt. Neben den Wäldern wurden getrennt die moosreichen Felsblöcke erfaßt und sehr ausführlich ausgewertet. Die örtlichen Vegetationstypen lassen sich zu Komplexen zusammenfassen. Bodenuntersuchungen und einige Mikroklima-Messungen ergänzen das Bild. Die abschließende Synthese stellt die Bedeutung der einzelnen Holzarten heraus und geht auf den Entwicklungsverlauf ein, sowohl in der Vergangenheit als auch für die Zukunft, dargestellt in Ablaufmodellen für Vegetations- und Bodenentwicklung, ausmundend in Überlegungen zum Naturschutz. Das recht umfangreiche Buch (110 DM) bringt reichhaltiges Material zur Sukzessionsforschung, zur Erfassung kleinsäumig differenzierter Standorte bis zur synsoziologischen Auswertung.

H. Dierschke

Tuexenia 20 (2000), S. 454

Inhaltsverzeichnis top ↑

1 Ausgangslage und Ziel 7

2 Grundlagen 8
2.1 Das Untersuchungsgebiet 8
2.1.1 Geographische Lage 8
2.1.2 Klima 9
2.1.3 Geologie 10
2.1.4 Der Goldauer Bergsturz 11
2.1.5 Menschliche Umgestaltung im Bergsturzgebiet seit 1806 13
2.2 Vegetationskundliche Grundlagen 13
2.2.1 Die Vegetation auf Block- und Bergsturzstandorten 13
2.2.2 Literaturhinweise zu Bergsturz- und bergsturzähnlichen Standorten 18
2.2.3 Waldgesellschaften an Blockstandorten 20
2.3 Bisherige Untersuchungen am Rossberg 21
2.4 Schutzstatus des Untersuchungsgebietes 23
3 Methoden 24
3.1 Vegetationskundliche Methoden 24
3.1.1 Zur Vegetationsaufnahme der Blockschuttstandorte 24

3.1.2 Fassung der Vegetationsbestände 28
3.1.3 Hauptkoordinaten-, Zeigerwert- und Korrelationsanalysen 29
3.1.4 Vergleich mit Wäldern in der Umgebung des Bergsturzgebietes 31
3.1.5 Komplexübersicht 32
3.2 Standortskundliche Methoden 34
3.2.1 Bodenuntersuchungen 34
3.2.2 Mikroklimatische Untersuchungen 35
3.3 Erarbeitung möglicher Entwicklungszenarien 35
4 Die Vegetation der Wälder 37
4.1 Die Waldtypen im unteren Bergsturzgebiet 37
4.1.1 Trockene und wechseltrockene Wälder 37
4.1.2 Frische Wälder 40
4.1.3 Frische Wälder mit Säurezeigern 43
4.1.4 Feuchte und nasse Wälder 45
4.2 Diskussion der Wälder 48
4.2.1 Vergleich mit dem vegetationskundlichen System 48
4.3 Vergleich der Wälder untereinander 56
5 Die Vegetation der Blockstandorte 65
5.1 Steile Felsflanken und kleine Moosblöcke 67

5.1.1 Mit Kammmoos überzogene Blockflanken und Kleinblöcke 67

5.1.2 Trockene Moosblöcke 69
5.1.3 Steile Moosflanken an luftfeuchten Lagen 70
5.1.4 Diskussion der steilen Felsflanken und kleinen Moosblöcke 72
5.1.5 Vergleich der Moosblöcke und steilen Felsflanken untereinander 75
5.2 Kleine Blockoberflächen 79
5.2.1 Trockene Blöcke 79
5.2.2 Besonnte Blockflächen 83
5.2.3 Frisch-trockene Blöcke 84
5.2.4 Frische Blöcke 84
5.2.5 Feuchte Blöcke 87
5.2.6 Diskussion der kleinen Blöcke 88
5.2.7 Vergleich der kleinen Blöcke untereinander 92
5.3 Grosse Blockoberflächen und Blockköpfe 97
5.3.1 Trockene Bestände auf grossen Blöcken 97

5.3.2 Frische Bestände auf grossen Blöcken 99
5.3.3 Feuchte Bestände auf grossen Blöcken 100
5.3.4 Diskussion der grossen Blöcke und Blockköpfe 100
5.3.5 Vergleich der grossen Blockoberflächen & Blockköpfe untereinander 102
6 Komplexübersicht 108
6.1 Trockene Blockschuttwaldkomplexe 108

6.2 Mesophile Blockschuttwaldkomplexe 110
6.3 Feuchte Blockschuttwaldkomplexe 113
6.4 Diskussion der Blockschuttwaldkomplexe 113
6.5 Vergleich der Vegetationskomplexe untereinander 114
7 Bodenuntersuchungen 118
7.1 Ergebnisse der Bodenprofiluntersuchungen 118

7.2 Ergebnisse der bodenchemischen Analysen 121
7.3 Diskussion der Bodenentwicklung 124
8 Mikroklimatische Untersuchungen 129
8.1 Langzeitmessreihe mit Minimum-Maximum-Thermometern 129
8.2 Langzeitmessreihen mit Thermo-Hygrografen 129
8.3 Kurzzeitige Mikroklimamessungen 134
9 Wälder ausserhalb des unteren Bergsturzgebietes 136
9.1 Die Waldtypen im oberen Bergsturzgebiet 136

9.2 Wälder der Abrissnische des Röthener Bergsturzes 140
9.3 Weitere Blockschuttwälder am Rossberg 141
9.4 Normale Wälder in der Umgebung zum Bergsturzgebiet 144
10 Synthese 147
10.1 Baumarten im Bergsturzgebiet 147

10.1.1 Hauptbaumarten 147

10.1.2 Mischbaum- und Nebenbaumarten 151
10.2 Diskussion der Entwicklungsvorgänge 158
10.3 Perspektiven für die Bergsturzlandschaft 172
Zusammenfassung - Resume - Summary 179
Literaturverzeichnis 185
Anhang 195