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Florian Jansen:

Ansätze zu einer quantitativen historischen Landschaftsökologie

Landschaftsbilanzen und Natürlichkeitsgrade mit Hilfe der Schwedischen Matrikelkarten Vorpommerns

[Approaches towards a quantitative, historical landscape ecology]

2005. 137 Seiten, 33 Abbildungen, 17 Tabellen, 37 Karten auf 1 CD, 14x23cm, 350 g
Language: Deutsch

(Dissertationes Botanicae, Band 394)

ISBN 978-3-443-64307-2, brosch., price: 60.00 €

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Keywords

MoräneLandschaftÖkologieKarteNährstoffStandortVorpommern

Contents

Inhaltsbeschreibung top ↑

Historisch-landschaftsökologischen Arbeiten gelingt es nur selten, über eine verbale Beschreibung vergangener Landschaften hinaus zu kommen. ln der vorliegenden Arbeit wird ein (halb-)quantitativer Vergleich einer historischen Landschaft mit ihrem heutigen Zustand gezogen und damit der Versuch unternommen, eine historische Landschaft jenseits der verbalen Beschreibung zu rekonstruieren und mit der heutigen Landschaft vergleichbar zu machen.
Mit Hilfe der Schwedischen Matrikelkarten von Vorpommern (1692-1709) wird eine 300 Jahre alte Landschaft auf der Basis von vegetationswirksamen Landschaftsfaktoren im topischen Maßstab (1:10.000) rekonstruiert. Um das Maß anthropogener Einflussnahme sowohl auf die historische als auch auf die heutige Landschaft beurteilen zu können, werden Rekonstruierte Natürliche Zustände ab- geleitet und eine standörtlich definierte Natürlichkeitsgradskala entwickelt, die für beide Zeitschnitte die Beurteilung der Naturnähe respektive Ferne ermöglicht.
Das knapp 3000 ha große Untersuchungsgebiet liegt im Nordosten Deutschlands im leicht gewellten Grundmoränengebiet der Weichselvereisung. Ca. 40km westlich von Greifswald umfasst es neben dem Talmoor der Trebel weitere Niedermoore, die mehrere Grundmoräneninseln umgeben. Es beinhaltet somit wesentliche Landschaftstypen der Jungmoränenlandschaft und kann als reprä- sentativ für große Teile des nordostdeutschen Tieflandes gelten.

Synopsis top ↑

Historical landscape ecology is often restricted to verbal descriptions. The aim of this publication is a (half-) quantitative comparison of a north-East German land- scape at 1700 AD with its condition of today. With the help of the Swedish register cards of Vorpommern (1692-1709) the historical landscape is reconstructed. The changes of a landscape within the last 300 years are balanced on the basis of vegetation effective landscape factors. To be able to judge the measure of anthropogenic influence both on the historical and on today's landscape, reconstructed natural conditions are derived and a scale of site condition defined naturalness degrees is developed.
The examination area of almost 3000 hectares is located in the northeast of Germany in the easily corrugated ground moraine area of the Weichselian ice age. It includes low bogs like the valley bog of the Trebel which are surrounding several ground moraine islands. It contains essential landscape types of the young moraine landscape and is representative of large parts of the north-East German lowlands.

Bespr.: Tuexenia 25, 2005 top ↑

Der Titel sagt schon einiges über die interessante Arbeit mit einem innovativen Konzept für einen Landschaftsvergleich von 1697 und heute aus, das am Beispiel einer Jungmoränenlandschaft westlich von Greifswald entwickelt und ausgearbeitet wurde. Eigentlich beruhen die Grundvorstellungen aber auf dem Koinzidenzkonzept, das R. Tüxen schon in den 1950er Jahren entwickelt und angewendet hatte (in der Arbeit nicht erwähnt). Aufgrund von Vegetationsaufnahmen erkannte soziologisch-ökologische Artengruppen und parallele Messungen oder Feststellungen zu ökologisch relevanten Faktoren werden in Beziehung gesetzt und erlauben bei guter Übereinstimmung flächige Kartierungen in Form von Vegetations- und Standortkarten. Die hier als Vegetationsformen" bezeichneten Einheiten mit hinterlegten Standortseigenschaften wurden 1999 kartiert. Der Zustand um 1700 lässt sich aus den Schwedischen Matrikelkarten und zugehörigen Anrechnungsbüchern parzellengenau ermitteln und standörtlich umsetzen. Auch Störungsgrad und Natürlichkeitsgrad lassen sich abschätzen. Dieses im Einzelnen wesentlich differenziertere Konzept wird sehr ausführlich vorgestellt und diskutiert. Ab Seite 77 folgen die Ergebnisse des 3000 ha großen UG. Der natürliche Zustand, letztlich die potenziell natürliche Vegetation, wird rekonstruiert, beruhend auf Karten der Bodenwasserverhältnisse, der Substrattypen und der sich hieraus ergebenden Trophie. Für 1697 werden unter bestimmten Annahmen entsprechende Karten erarbeitet. Die alte Karte enthält wesentlich mehr Vegetationsformen, teilweise ohne aktuelle Parallelen (z. B. Hudewälder, extensiv genutzte Äcker, nasse Viehweiden). Die Karten kann man sich einzeln auf dem Bildschirm ansehen. Für den direkten Vergleich wäre eine vereinfachte ausgedruckte Zusammenschau eine gute Hilfe. Diese Übersicht ergibt sich aber aus verschiedenen GIS-gestützten vergleichenden Diagrammen, die sowohl die Unterschiede der Vegetation selbst als auch der Störungsintensität (hat stark zugenommen), des Wasserhaushaltes (nivelliert) und Nährstoffhaushaltes (starke Eutrophierung) u. a. erkennen lassen. Karten des Natürlichkeitsgrades zeigen vor allem eine starke Zunahme naturferner Vegetation. ­ Diese nur kurz angedeuteten Ergebnisse sind sicher nicht neu, werden hier aber wohl erstmals in (halb)quantitativer Form erstellt. Ob das interessante Konzept auch anderswo anwendbar sein wird, hängt vor allem von der historischen Datenlage ab.

Hartmut Dierschke

Tuexenia 25, 2005

Bespr.: Naturschutz im Land Sachsen-Anhalt, Heft 2/2005, S. 24 top ↑

"So wie der einzelne Mensch nur in seinem Geworden-Sein verständlich wird, so ist auch die Landschaft nur in ihrer Historizität angemessen begreifbar." Mit dieser Überlegung leitet der Autor seine Darlegungen ein und verweist weiter auf landschaftsökologische und anwendungsbezogene Aspekte. Während unter dem Aspekt der Struktur und des Aufbaus der Landschaft sowie der Analyse ihrer historischen Landschaftselemente die historische Kulturlandschaftsforschung und die historische Gartendenkmal- und Kulturlandschaftspflege bereits eine breite Entwicklung genommen hat, ist die historische Landschaftsökologie noch ein junger Forschungszweig. Die vorliegende Arbeit leistet zu diesem Wissensgebiet aber einen eindrucksvollen Beitrag. Das Konzept von JANSEN geht davon aus, die standörtlich interpretierbaren Verhältnisse auf den schwedischen Matrikelkarten von 1697 und die davon abgeleiteten Vegetationsformen mit den aktuellen Standorten und ihren Vegetationsformen (Vegetationsform: Einheit von Vegetation und Standort) zu vergleichen. Das sehr differenzierte Konzept wird ausführlich beschrieben und diskutiert. Die Ergebnisse aus dem etwa 3000 ha großen Untersuchungsgebiet in einer Jungmoränenlandschaft westlich von Greifswald werden in sehr knapper Form dargelegt. Die Karten können auf einer beigegeben CD eingesehen werden. Auf der Grundlage der Bodenwasserverhältnisse, der Substrattypen und davon abgeleitet der Trophie wird der natürliche Zustand ermittelt. Für 1697 wird die entsprechende Karte des historischen Zustandes entwickelt. Diese Karte enthält viele historische Kulturlandschaftselemente (extensiv genutzte Äcker, nasse Viehweiden, Hudewälder). Der Vergleich zur Gegenwart wird auf der Grundlage der Karte aus dem Jahre 1999 gezogen. Die Ergebnisse der Vergleiche erläutern Diagramme. Erkennbar wird dabei die starke Zunahme der Störungsintensität, der nivellierte Wasserhaushalt und die starke Eutrophierung der Landschaft. Die Bewertung des Natürlichkeitsgrades verdeutlicht die erhebliche Zunahme naturferner Vegetation. Die allgemeinen Aussagen des Landschaftswandels bestätigen die Ergebnisse aus anderen Untersuchungen und den derzeitigen Kenntnisstand. Besonders bedeutsam ist aber die Rekonstruktion der Standorte und der Vegetation von 1697. Ähnliche Untersuchungen wären z. B. für die historische Kulturlandschaft des Dessau-Wörlitzer Gartenreiches wünschenswert, für die eine sehr detaillierte Karte von 1818 vorliegt. Diese Untersuchungen würden eine gute Ergänzung zur derzeit laufenden historischen Analyse und Bewertung der Entwicklung der Struktur dieser historischen Kulturlandschaft sein.

L. REICHHOFF

Bespr.: Verhandlungen des Bot. Vereins von Berlin und Brandenburg, 138. Bd./2005 top ↑

Historisch-landschaftsökologische Arbeiten kommen bisher nur selten über eine verbale, nicht quantifizierbare Beschreibung vergangener Landschaften hinaus. Diese in der Arbeitsgruppe von Michael Succow an der Universität Greifswald entstandene Dissertation unternimmt nun den Versuch, eine historische Landschaft im Maßstab 1: 10.000 exakt zu rekonstruieren und quantitativ mit ihrem heutigen Zustand zu vergleichen. Als für größere Teile des norddeutschen Tieflandes repräsentatives Beispiel dient ein 30 km2 großes Gebiet aus Mooren und Grundmoräneninseln im Bereich der Trebelniederung westlich von Greifswald. Der aktuelle Landschaftszustand (Vegetationstypen bzw. Standortseigenschaften) wurde 1999 exakt kartiert, der historische wird für das Jahr 1697 auf der Grundlage der Schwedischen Matrikelkarten und zugehörigen Anrechnungsbüchern rekonstruiert. Diese sind in Mitteleuropa wohl die ältesten Landkarten, die einen größeren geographi schen Rahmen mit hinreichender Genauigkeit für derartige Analysen abdecken.

Als Instrumentarium zur Darstellung des aktuellen wie auch zur Interpretation des historischen Landschaftszustandes wird das an der Universität Greifswald entwickelte Vegetationsformenkonzept verwendet: Aufgrund von Vegetationsaufnahmen erkannte soziologisch-ökologische Artengruppen und parallele Messungen oder Erfahrungen zu ökologisch relevanten Faktoren werden in Beziehung gesetzt und erlauben dann flächige Kartierungen in Form von Vegetations- und Standortkarten. Auch Störungsgrad und Natürlichkeitsgrad lassen sich abschätzen und systematisieren. Dieses sehr differenzierte Konzept wird ausführlich vorgestellt und diskutiert. Insgesamt nimmt die in der Arbeit entwickelte Methodik, d. h. die nachvollziehbare Ableitung der resultierenden Kartiereinheiten aus der aktuellen Biotoperfassung und der Schwedischen Matrikelkarte, den Hauptteil des Textes ein.

Im Ergebnisteil werden "Rekonstruierte Natürliche Zustände" - der Zustand einer Landschaft zu einem festgelegten Zeitpunkt, wenn der Mensch im Laufe der Landschaftsgeschichte niemals eingegriffen hätte - sowohl für 1697 wie für heute vorgestellt. Diese beruhen auf Karten der Bodenwasserverhältnisse, der Substrat typen und der sich hieraus ergebenden Trophie. Die "historische" Vegetationskarte enthält wesentlich mehr Vegetationsformen, teilweise ohne aktuelle Parallelen (z. B. Hudewälder, extensiv genutzte Äcker, nasse Viehweiden). Alle Karten befinden sich als interaktive Versionen auf der beiliegenden CD. Eine Übersicht sowohl über die beiden Landschaftszustände als auch zu den Veränderungen seit 1700 ergibt sich aus GIS-gestützten vergleichenden Diagrammen, die sowohl die Unterschiede der Vegetation selbst als auch verschiedener Standortfaktoren erkennen lassen. So hat die Störungsintensität stark zugenornmen, der Wasserhaushalt wurde nivelliert (fast völliges Verschwinden der Nassstandorte) und der Nährstoffhaushalt stark zur eutrophen Seite verschoben. Schließlich zeigen Karten des Natürlichkeitsgrades eine starke Zunahme naturferner Vegetation.

Diese Ergebnisse sind im Wesentlichen natürlich nicht neu, und das vorliegende Vegetationsformenkonzept ist - wie auch manche andere Annahme auf dem Weg zu Vegetations- und standörtlichen Einheiten - sicher teilweise kritisch zu betrachten. Die innovative und interessante Leistung der Arbeit ist aber die wohl erstmalige quantitative Erfassung der Zustände und ihrer Veränderungen mit nachvollziehbarer Methodik. Die Weiterentwicklung dieser Methodik und ihre Anwendung in anderen Naturräumen sind wichtige und spannende Forschungsfelder einer zukünftigen Landschaftsökologie. Die vorliegende landschaftsökologische Untersuchung ist für vorwiegend regional arbeitende Botaniker auch deshalb interessant, weil die heutigen Verbreitungsmuster von vielen Pflanzenarten nur über den historischen Kontext erklärbar sind.

T. Heinken

Verhandlungen des Botanischen Vereins von Berlin und Brandenburg, 138. Band, Berlin 2005, S. 199-201

Inhaltsverzeichnis top ↑

1 EINLEITUNG 1
1.1 Zielsetzungen 2
1.2 Aufbau der Arbeit 2
1.3 Begriffsdefinition 3
1.4 Forschungsstand historisch-landschaftsökologischer Arbeiten 4
1.5 Geschichte der schwedischen Matrikelkarten 9
1.5.1 Entstehung 9
1.5.2 Forschungsgeschichte 10
1.6 Untersuchungsgebiet 12
1.6.1 Lage des Untersuchungsgebietes 12
1.6.2 Geologie 13
1.6.3 Klima 14
1.6.4 Landschaftsentwicklung und Landnutzungsgeschichte bis 1700 15
2 ANSÄTZE ZU EINER QUANTITATIVEN HISTORISCHEN
LANDSCHAFTSÖKOLOGIE 24
2.1 Geo-Informationssystem 24
2.2 Aktueller Landschaftszustand 24
2.2.1 Landschaftsökologische Grundlagen 24
2.2.1.1 Vegetationsformenkonzept 25
Formationsklassen 28
Störungsgrad 29
Störungsgrad 30
Wasserstufe 33
Wasserregime 35
Wasserqualität 35
Trophiestufe 35
Säure-Basen-Stufe 36
Substratqualität 36
Ökologisch-soziologische Artengruppen 36
Zeithorizont 37
Nomenklatur 37
2.2.1.2 Landschaftsstrukturen 38
2.2.2 Umsetzung 39
2.3 Zustand um 1700 41
2.3.1 Georeferenzierung und Rektifizierung der Schwedischen Matrikelkarten 41
2.3.2 Quellenkritik Ausrechnungsbücher 47
2.3.3 Standortfaktoren 49
2.3.3.1 Substratqualität 49
2.3.3.2 Störungsgrad 49
2.3.3.3 Wasserstufe 51
2.3.3.4 Wasserregime 51
2.3.3.5 Trophie 52
2.3.3.6 Säure-Basen-Stufe 57
2.4 Rekonstruierte Natürliche Landschaften 57
2.4.1 Natürlichkeitsgrade 58
2.4.1.1 Aktualistische Konzepte 59
2.4.1.2 Historische Konzepte 60
2.4.1.3 Ahistorische Konzepte 61
Standortsökologischer Abwandlungsgrad 62
Naturnähegrad 65
Fehlerabschätzung Natürlichkeitsgrad 67
2.4.2 Standortfaktoren 69
2.4.2.1 Klima 69
2.4.2.2 Störungsgrad 69
2.4.2.3 Wasserstufe 70
2.4.2.4 Wasserregime 73
2.4.2.5 Trophie 73
2.4.2.6 Säure-Basen-Stufe 76
3 ERGEBNISSE UND DISKUSSION 77
3.1 Rekonstruierte Natürliche Zustände 77
3.2 Die Landschaft von 1697 81
3.3 Aktueller Zustand im Vergleich zu 1697 87
3.4 Naturnähe 1697 im Vergleich zu 1999 94
3.5 Eignung der Schwedischen Matrikelkarten für die Historische
Landschaftsökologie 97
3.6 Ausblick 99
4 ZUSAMMENFASSUNG 101
5 SUMMARY 104
6 LITERATUR & QUELLEN 107