cover

Tilly Edinger

Leben und Werk einer jüdischen Wissenschaftlerin

Hrsg.: Rolf Kohring; Gerald Kreft

[Biography of a jewish woman and her scientific career (1897-1967)]

2003. 639 Seiten, 95 Abbildungen, 17x22cm, 1490 g
Language: Deutsch

(Senckenberg Bücher, Nr. 76)

ISBN 978-3-510-61351-9, Leinen, price: 39.80 €

in stock and ready to ship

Order form

BibTeX file

Keywords

biographyscientistwoman

Contents

Inhaltsbeschreibung top ↑

Dieses Buch stellt das Leben und Werk Tilly Edingers (1897-1967) dar -- einer bemerkenswerten Frau und Wissenschaftlerin. Sie entstammte einem weltbürgerlichen deutsch-jüdischen Elternhaus in Frankfurt am Main, wo sie die Paläoneurologie, die Erforschung der Gehirne ausgestorbener Wirbeltiere begründete. Obgleich die nationalsozialistische Machtergreifung ihre Aussichten auf eine Universitätskarriere zerstörte, konnte Tilly Edinger am Senckenbergischen Naturhistorischen Museum bis zum Novemberprogrom weiter arbeiten. 1939 emigrierte sie nach Großbritannien, 1940 in die USA, wo sie am Museum for Comparative Zoology in Cambridge, Massachussets wissenschaftlich und menschlich eine zweite Heimat fand.

In fünf Beiträgen untersuchen Wissenschaftler aus Deutschland und den USA Tilly Edingers Leben und Werk unter jeweils besonderen Fragestellungen sowie aus unterschiedlichen disziplinären Perspektiven: Biographie Tilly Edingers, Begründung der Paläoneurologie, Tilly Edingers Schwerhörigkeit, ihre Lehrtätigkeit am Wellesley College und schließlich ihre deutsch-jüdische Familiengeschichte.

Synopsis top ↑

This biography portrays the moving life of Tilly Edinger, a remarkable woman and scientist.She grew up in a bourgeois family in Frankfurt, Germany, where she pioneered paleoneurology -- the study of the brains of exinct vertebrates. Although the National Socialist rise to power destroyed here hopes to enter a career in academia in Germany, Tilly Edinger was able to continue her studies at Senckenberg Natural History Museum in Frankfurt up to the so called Novemberpogrom.
1939 she was forced to emigrate to Great Britain, in 1940 she left for the US, where she found a new home and place to pursue her scientific work at the Museum for Comparative Zoology in Cambridge, Ma.

Five contributors highlight and elucidate Tilly Edingers life and scientific achievements, emphasizing different aspects from a number of perspectives: her biography, pioneering studies of paleoneurology, her deafness, her time as a teacher at Wellesley College, and her German-Jewish family background.

Besprechung: Frankfurter Rundschau Online top ↑

Die Mutter der modernen Paläoneurologie. Erst staunte, dann forschte Tilly Edinger im Senckenberg-Museum, zuletzt als "Untergrund-Kuratorin". Nun erinnert ein Buch an sie. Frankfurter Rundschau Online

Vorstellung in Wissenschafts-Pressekonferenz.de (2004/01) top ↑

Bespr.: Naturwissenschaftl. Rundschau, 57. Jg., H. 11, 2004, S. 638 top ↑

Es gibt in Geologie und Paläontologie nur wenige Einzeldisziplinen, die so sehr von einer einzelnen Person geprägt wurden, bzw. an der der Name eines einzelnen Wissenschaftlers/einer einzelnen Wissenschaftlerin hängt, wie die Paläoneurologie und Tilly Edinger. Die Methoden der Paläoneurologie sind rasch erzählt: Weichteile sind in aller Regel nicht fossilisationsfähig, schon gar nicht so zarte Gewebe wie Gehirne. Man wird nie etwas über die Innenstruktur der Gehirne ausgestorbener Wirbeltiere erfahren. Dagegen ist uns, in seltenen Fällen, die äußere Form fossiler Gehirne zugänglich: Bei unverdrückten Schädeln kann man entweder die Sedimentfüllung des Gehirnraumes herauspräparieren, oder man macht eine Serienschliff-Analyse des Schädels oder man präpariert die Sedimentfüllung des Schädels heraus und gießt den Innenraum mit Gips oder Kunststoff aus. In allen drei Fällen erhält man die bemerkenswert detailreiche Außenform der Gehirne ausgestorbener Wirbeltiere, an denen man mindestens die Entwicklung der einzelnen Regionen, z. T. sogar die Ableitung von Hirnnerven beobachten kann.

Der Name der Paläontologin, die die Paläoneurologie zwischen den Weltkriegen begründet hat, ist allen Wirbeltierpaläontologen bis heute gut bekannt: Tilly Edinger. Allerdings wissen die wenigsten etwas über ihr Leben. Ottilie Gabriele Edinger wurde 1897 in Frankfurt/M. als Tochter des Begründers der vergleichenden Neurologie, Ludwig Edinger, geboren. Ihre Entscheidung, nach einem naturwissen-schaftlichen Studium in Paläontologie zu promovieren, wurde stark durch das damals bahnbrechende Werk des Wiener Paläontologen Othenio Abel geprägt. Sie promovierte 1921 in Frankfurt über das den Meeressauriern nahe stehende Reptil Nothosaurus. Aus einer gut situierten jüdischen Familie stammend, verbrachte sie die erste Hälfte ihres Arbeitslebens (ab 1921) auf einem unbezahlten Arbeitsplatz als ehrenamtliche Kustodin (1933 1938 als Untergrund-Kuratorin ) am Frankfur-ter Senckenbergmuseum, wo sie die Paläoneurologie begründete und 1929 das heute klassische Buch Die fossilen Gehirne veröffentlichte. Nach der sog. Reichskristallnacht emigrierte sie über England nach Cambridge/MA und arbeitete bis zu ihrer Pensionierung (1964) an der Harvard University und am Wellesley College. Trotz ihrer starken Behinderung durch eine zunehmende Ertaubung war sie erst in Deutschland, dann in Amerika ein sehr aktives Mitglied der Scientific Community. Erfreulicherweise haben sich viele Briefe von ihr und an sie er-halten. Ihr Tod (1967) war durch ihre Behinderung bedingt. Sie wurde in der Nähe des Museum of Comparative Zoology (Harvard University) von einem Lastwagen überfahren, den sie nicht hatte kommen hören.

Das vorliegende Buch ist die erste bio-graphische Darstellung von Tilly Edin-ger und zugleich eine sehr wichtige Quelle der Geschichte der Paläontolo-gie zwischen 1920 und 1965. In 5 Kapi-teln behandeln zwei deutsche und zwei amerikanische Autoren den Lebenslauf von Tilly Edinger, ihre wissenschaftli-che Leistung, ihre Situation als zuneh-mend ertaubende Wissenschaftlerin, ihre Lehrtätigkeit am Wellesley College und ihren familiären Hintergrund. Die Autoren haben umfangreiche Nachläs-se gesichtet und ausgewertet. Es ist ein umfangreicher, gut gegliederter, klar geschriebener (teils auf Deutsch, teils auf Englisch), gut illustrierter und gut dokumentierter Band geworden. Zwischen 1870 und dem Zweiten Weltkrieg kann die deutschsprachige Paläontologie zwischen einem halben und einem ganzen Dutzend absolut herausragender Persönlichkeiten verzeichnen. Hätten wir wenigstens von einem Teil dieser Persönlichkeiten entsprechende Biographien, so könnten wir die Zeit, in der die deutschsprachige Paläontologie international eine Führungsrolle hatte, besser belegen!

Prof. Dr. Wolf-Ernst Reif, Institut für Geowissenschaften, Tübingen

Naturwissenschaftliche Rundschau, 57. Jg., H. 11, 2004, S. 638

Bespr.: Im Gespräch - Hefte der Martin Buber-Gesellschaft, Nr. 9, Herbst 2004 top ↑

I. Das vorliegende Buch behandelt erstmals umfassend Leben und Werk einer Paläontologin von Weltruf: Tilly Edinger (1897-1967). Sie gilt als Begründerin der modernen vergleichenden Paläoneurologie -- der Erforschung von Gehirnen ausgestorbener Wirbeltiere.

In insgesamt fünf interdisziplinären Beiträgen beleuchten Wissenschaftler aus Deutschland und den USA zentrale Aspekte ihrer Vita und ihres Oeuvres. Einführend schreiben die Herausgeber: »Dieses Buch steht uns exemplarisch dafür, daß auf dem Gebiet der Wissenschaftsgeschichte die Zusammenarbeit von Natur- und Geistes- bzw. Sozialwissenschaftlern möglich und fruchtbar ist.« (S. 15) Es richtet sich sowohl an Akademiker als auch an historisch interessierte Laien.

Der Paläontologe Rolf Kohring (Berlin) zeichnet »Stationen ihres Lebens« nach (S. 21 ff.), während der Soziologe Gerald Kreft (Frankfurt a. M.) den spannenden Versuch unternimmt, Tilly Edingers Biogra- phie »im Kontext ihrer deutsch-jüdischen Familiengeschichte« zu behandeln (S. 385 ff.). Die Paläontologin Emily A. Buchholtz (Wellesley/Massachusetts) untersucht in zwei Beiträgen Edingers wissenschaftliches Vermächtnis (S. 299 ff.) und ihr Wirken am Wellesley College in den 40er Jahren (S. 373 ff.). Der Physiker Harry G. Lang vom National Technical Institute for the Deaf in Rochester beleuchtet die Interdependenz von Edingers Schwerhörigkeit, unter der sie von Jugend an litt, und ihren akademischen Leistungen (S. 359 ff.). Vorangestellte, persönliche Geleitworte von Dietrich Starck, Harry J. Jerison, Stephen Jay Gould und Reiner Wiehl, ein Anhang mit tabellarischem Lebenslauf, ein Verzeichnis ihrer Schriften, eine Liste ihrer Radiobeiträge, sechs Gutachten über Tilly Edinger sowie Personen- und systematischer Index runden diesen lesenswerten Sammelband ab.

II. Am 13. November 1897 in Frankfurt a. M. geboren, entstammte Tilly Edinger einer wohlhabenden jüdischen Familie. Ihr Vater, Ludwig Edinger, war ein Pionier der Neurologie und Mitbegründer der Frankfurter Universität. Ihre Mutter, Anna Goldschmidt, gehörte zu den sozial engagiertesten Frauen ihrer Zeit. Tilly Edinger im Jahre 1948 (Ihr Nachlaß im Museum for Comparative Zoology, Cambridge/Mass., enthält mehrere Abzüge dieser Aufnahme. Abdruck mit freundlicher Ge nehmigung des Forschungsinstituts und Naturmuseums Senckenberg, Frankfurt a. M.). Tilly Edinger studierte Naturwissenschaften (vor allem Zoologie und Geologie) an den Universitäten in Heidelberg, München und ihrer Heimatstadt. Nach dem Ersten Weltkrieg begann sie sich intensiv mit der Paläontologie zu befassen und promovierte darüber als erste Frau in Deutschland 1921 mit einer Arbeit über »Nothosaurus« (ein aquatisches Reptil aus der Trias) zum Dr. phil. nat. 1929 erschien ihr Buch Die fossilen Gehirne, eine Pionierarbeit, mit der sie erstmals »ausführlich ihre neue Disziplin« präsentierte (S. 113). Bis zur Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 arbeitete sie als Sektionärin am Frankfurter Senckenberg-Museum, danach, bis November 1938, dort als »Untergrund-Kuratorin« (S. 139).

Im Mai 1939 verließ sie ihre Heimatstadt für immer und emigrierte über Großbritannien in die USA. Schon bald fühlte sie sich in ihrer multikulturellen Exilheimat als Amerikanerin und nahm 1945 die US-Staatsbürgerschaft an. In Cambridge/Mass. wurde sie 1940 Mitarbeiterin am Museum of Comparative Zoology. 1944/45 trat sie zusätzlich eine Vertretungsdozentur im Fach Zoologie am Wellesley College an. 1948 erschien ihre wichtigste paläontologische Arbeit: Evolution of the Horse Brain. Als Begründerin der modernen Paläoneurologie erwarb sie sich zu Lebzeiten hohes Ansehen und erhielt für ihre wissenschaftliche Leistungen insgesamt drei Ehrendoktorate: Wellesley (1950), Gießen (1957) und Frankfurt a. M. (1964).

Außer zu Besuchen (1950, 1955, 1962, 1964, 1965) kehrte sie nicht mehr nach Europa zurück. Als sie am 7. August 1950 zum erstenmal nach ihrer Emigration wieder in Frankfurt am Main eintraf, war ihr die Stadt längst fremd geworden: »Alles war schön, außer Frankfurt, jeder so sehr, sehr, sehr freundlich zu mir, auch jeder der mich einst nicht mehr gekannt hatte«, berichtete sie Freunden (S. 227). Am 27. Mai 1967 starb Tilly Edinger an den Folgen eines Verkehrsunfalls. Ein Ehrengrab auf dem Frankfurter Hauptfriedhof erinnert an die bedeutende deutsch-jüdische Wissenschaftlerin.

III. Auf den Beitrag Gerald Krefts vom Neurologischen Institut (Edinger Institut) der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt a. M. soll an dieser Stelle ausführlicher eingegangen werden (»Tilly Edinger im Kontext ihrer deutsch-jüdischen Familiengeschichte«). Darin unternimmt der Autor den Versuch, »den Einfluß der deutsch-jüdischen Familiengeschichte Tilly Edingers auf ihr Leben und Werk« (S. 386) zu justieren. Hierbei bedient er sich des Begriffs der Akkulturation und stellt diese in »generationsspezifischen Konstellationen deutsch-jüdischer Taditionszusammenhänge« (ebd.) dar. Krefts Darstellung nimmt ihren Ausgang mit Tilly Edingers in den 50er Jahren des vergangenen Jahrhunderts geprägtem Wort »Wiederjudmachung« (S. 394 ff.), reflektiert die elterlichen Einflüsse auf ihre Sozialisation und Ausbildung und zeichnet ein Bild der damaligen »deutsch-jüdischen Subkultur« (S. 386) im assimilierten deutschen Bildungsbürgertum. Er gibt Antwort auf die Frage, warum die Jüdin Tilly Edinger trotz des NS-Terrors ihre Emigration aus Deutschland so lange hinauszögerte, und er vermittelt einen Eindruck, inwiefern ihre »US-amerikanische Akkulturation von ihrem deutsch-jüdischen Erbe beeinflußt blieb« (ebd.).

Zweifellos verfolgt der Autor ein ehrgeiziges Vorhaben. Als roter "Faden" dient ihm die »deutsch-jüdische Akkulturationsproblematik« (S. 390), mit der sich, ausgehend vom »kollektiv-kulturellen Erfahrungshorizont deutscher Juden bzw. dem Verwandtschaftsverbund« (ebd.) der Familie Edinger, erklären läßt, »was an ihr jüdisch erscheint« (ebd.).

Um zu beurteilen, was es für Tilly Edinger bedeutete, eine deutsche Jüdin zu sein, untersucht Kreft zunächst ihre Bemühungen um sogenannte »Wiedergutmachung« in den 50er Jahren. Sie selber sprach von »Wiederjudmachung« und meinte damit, das »Wieder-zum-Juden-gemacht-Werden« (S. 395) durch die damals noch junge Bundesrepublik Deutschland. Zugleich verdeutlicht dies ihre gebrochene Identität als deutsche Jüdin. Die Geschichte der bundesdeutschen NS-Entschädigungen wirft immer auch ein Licht auf die Befindlichkeit überlebender deutscher Juden und auf deren ambivalentes deutsch-jüdisches Selbstverständnis nach der Shoa.

Tilly Edingers Vater hielt bewußt am Judentum fest und orientierte sich am liberalen Reformjudentum. Gleichzeitig nahm er Abstand von der jüdischen Religiosität - ein Beleg dafür, wie sich das jüdische Selbstverständnis in seiner Generation bereits gewandelt hatte. Gleiches ist auch für Tillys Mutter Anna Goldschmidt bezeugt. Am Beispiel der Familie Edinger läßt sich eine im 19. Jahrhundert einsetzende Entwicklung beobachten, wonach es gelang, die »sich auflösenden jüdischen Gemeinschaftsbindungen und anhaltenden Integrationsbarrieren« (S. 421) gewissermaßen durch den familiären Zusammenhalt zu ersetzen und damit das religiöse und ethische Vakuum zu füllen. Die Familie trat für die jüdische Gemeinschaft seither vielfach an die Stelle von Religion und Tradition und hielt die »Erinnerung an den gemeinsamen jüdischen Abstammungsverband am Leben, unabhängig vom sich wandelnden konfessionellen Bekenntnis der einzelnen Angehörigen« (S. 422). Dies galt exakt für das von einer weltbürgerlichen Atmosphäre gekennzeichnete Elternhaus Tilly Edingers. Ihre Eltern gehörten zu den »Vorreitern der Frauenemanzipation im allgemeinen, des Frauenstudiums im besonderen« (S. 432) - eine Einstellung, die ihrer wissenschaflichen Karriere förderlich war. Zusätzlich privilegierte sie das große Familienvermögen, so daß sie nicht auf einen Broterwerb oder eine Heirat angewiesen war.

Allerdings erwies sich die erfolgreiche Akkulturation im Nationalsozialismus für viele deutsche Juden als Falle. Auch Tilly Edinger dachte lange Zeit nicht an Emigration. Ihre »identitätsstiftende Heimatverbundenheit« (S. 484) verbot ihr dies geradezu: »Das Selbstbewußtsein einer jahrhundertealten deutsch-jüdischen Vergangenheit [so läßt sich ihre Familie mütterlicherseits bereits Anfang des 16. Jahrhunderts in Frankfurt a. M. nachweisen, S.W.] war für sie über fünf Jahre lang eine Quelle der Hoffnung, die antisemitischen Diskriminierungen mögen schließlich ein Ende finden.« (S. 485) Da sie sich emotional nie wirklich von ihrem Elternhaus abgelöst hatte, verzögerte auch dies eine Emigration. Hinzu kamen ihre »Liebe zur deutschen Sprache und Kultur« (S. 492) sowie eine anfänglich völlige Verkennung des NS-Regimes. Dies erklärt, warum sie bis zum Zeitpunkt des Novemberpogroms 1938 ihr »soziales Sterben« (S. 499), Stigmatisierung und Entwürdigung, so lange erduldete und »die kollektive Lebensbedrohung der deutschen Juden« nach 1933 zunächst »nicht wirklich ernst« (S. 500) nahm.

Tilly Edinger fühlte sich der jüdischen Schicksalsgemeinschaft zugehörig, ohne ihre Religion halachisch zu leben. In den 20er Jahren besuchte sie mehrfach Vorträge Martin Bubers am Freien Jüdischen Lehrhaus und las die Jüdische Rundschau bis zu ihrem Verbot im November 1938 - Indizien, die auf ihr Interesse an der jüdischen Identitätsfrage und zugleich an der »Renaissance eines neuen jüdischen Selbstbewußtseins« (S. 578) schließen lassen.

Erst der Novemberpogrom 1938 bedeutete auch für Tilly Edinger eine radikale Zäsur: »Mir ist ja«, schrieb sie damals, »eine ganze Welt zusammengebrochen. Das hätte ich ja nie für möglich gehalten von dem Volk, mit dem ich mich doch verwachsen glaubte« (S. 150). Die Emigration durfte nun nicht länger hinausgezögert werden. In den USA wechselte sie rasch von einer deutsch-jüdischen zu einer US-amerikanischen Akkulturation. Tilly Edinger wurde eine amerikanische Jüdin. Ihr Verhältnis zu Deutschland blieb infolge des Nationalsozialismus und der Shoa bis an ihr Lebensende ambivalent. Die Gründung des Staates Israel 1948 begrüßte sie und verfolgte dessen Entwicklung mit anhaltender Aufmerksamkeit. Aufgrund der Shoa erkannte sie die Notwendigkeit eines eigenen jüdischen Gemeinwesens. Bereits in den 30er Jahren hatte sie die jüdische Einwanderung nach Palästina unterstützt. Tilly Edinger verspürte die unmittelbare Gefährdung Israels durch seine arabischen "Nachbarn". Die Zerstörung von "Erez Israel" und die Vertreibung aller Juden aus dem Nahen Osten gehört seit seiner Gründung bis heute zum erklärten Ziel vieler Palästinenser: »Das Festhalten der Palästinenser an einer Rückkehr in ihre Heimat kritisierte sie als mangelnde Flexibilität, der sie ihre eigenen bzw. die Erfahrungen anderer jüdischer Flüchtlinge kontrastierte.« (S. 562) Auch darin erblickte sie nur eine feindliche Strategie, die auf die Vernichtung Israel hinauslaufe.

Insgesamt gelingt es Gerald Kreft, die Biographie Tilly Edingers auf der Folie der sich »wandelnden Gemengelagen aus deutschen und jüdischen Traditionszusammenhängen im Begriff der deutsch-jüdischen Akkulturation« (S. 578) anschaulich abzubilden. - Mit dem vorliegenden Buch wird eine deutsch-jüdische Wissenschaftlerin gewürdigt, die den Wechselfällen der deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts ausgesetzt war und die sich einzurichten hatte in einer Welt, die ihrem Selbstverständnis als Jüdin ein hohes Maß an Flexibilität und Veränderungsbereitschaft abverlangte.

Siegbert Wolf

Im Gespräch - Hefte der Martin Buber-Gesellschaft, Nr. 9, Herbst 2004

Bespr.: Tacheles Nr. 12, 5. Jg. 2005 top ↑

Sie interessierte sich schon als Kind für Naturwissenschaften, v. a. für Zoologie - was allerdings mit einem Vater, der die Vergleichende Neurologie begründete, nicht sehr erstaunt. Tilly Edinger begründete ihrerseits die Paläoneurologie (die Erforschung der Gehirne ausgestorbener Wirbeltiere). Der vorliegende Band schildert fünf Aspekte ihres aussergewöhnlichen Lebens, das auf Engste verknüpft ist mit der Zeitgeschichte des 20. Jahrhunderts. Die Beiträge sind auf Deutsch und Englisch verfasst.

Tachles Nr. 12, 5. Jg. 2005

Bespr.: Zentralblatt f. Geol. u. Paläontologie Teil II, Jg. 2005, H. 1-2, S. 185 top ↑

ROLF KOHRING und GERALD KREFT legen als Herausgeber einen stattlichen, sorgfältig erstellten Band als Senckenberg-Buch vor. Er ist der Person und dem Lebenswerk der jüdischen Wissenschaftlerin TILLY EDINGER gewidmet, einer der ersten studierten und promovierten deutschen Paläontologinnen, zugleich auch profilierteste Erforscherin einer neuen, durch sie wesentlich begründeten Disziplin der Paläontologie. Das 70-jährige Leben TILLY EDINGERs ist in der Tat reich an bemerkenswerten Ereignissen: Zu Beginn ein wissenschaftlicher Entdeckungsweg, dessen frühe Neigungen und Prägungen durch die Person des Vaters noch in die Zeit des deutschen Kaiserreiches führen, in der an Jahren kurzen Phase der Weimarer Republik dann Tillys erster, schon weit ausholender wissenschaftlicher Höhenflug, scheinbar unbeeinflusst durch die politische Radikalisierung der Zeit. Die 1933 beginnende massive Entrechtung und Ausgrenzung der jüdischen Bürger zwingt sie zunächst zu einem würdelosen Dasein als versteckte "Untergrund-Kuratorin". Der wachsenden Gefahr der Deportation und Ermordung entgeht sie nur sehr knapp und in letzter Sekunde, ausgeplündert und fast mittellos. Unter persönlichen Entbehrungen und Hintanstellungen gelingt ihr aber in einer bemerkenswert undogmatisch-kollegialen Atmosphäre einer freieren und kreativeren Wissenschaftstradition in den Vereinigten Staaten von Amerika ein bemerkenswerter Neustart, dem diesmal - anders als im alten Europa - potente Förderer und Berater zur Seite stehen. Nach dem Krieg, der in Europa alles in Schutt und Asche legte, beweist sie, die sich nur schwer und wohl niemals ganz von ihren Ursprüngen lösen konnte, trotz einer kleinlich-würdelosen Verzögerung ihres Wiedergutmachungsantrages durch deutsche Behörden menschliche Größe in der Wegbahnung deutsch-amerikanischer Wissenschaftskontakte.

Vier insgesamt kurze Geleitworte (von DIETRICH STARCK, HARRY J. JERISON, STEPHEN JAY GOULD und REINER WIEHL) stehen vor einer kurzen, fünfseitigen Einführung (R. KOHRING & G. KREFT). Von 5 Hauptkapiteln sind 3 in englischer Sprache. Am umfangreichsten sind diejenigen von R. KOHRING ( Tilly Edinger - Stationen ihres Lebens) sowie G. KREFT ( Tilly Edinger im Kontext ihrer deutsch-jüdischen Familiengeschichte) mit 277 bzw. 223 Seiten, gefolgt von E. BUCHHOLTZ' Darstellung ( Tilly Edinger: Scientific legacy) mit 59 Seiten, H. LANGS Kapitel ( Tilly Edinger's Deafness) mit 13 Seiten sowie E. BUCHHOLTZ' Beitrag ( Teaching Interlude: Tilly Edinger at Wellesley College) mit 10 Seiten. Danach folgt noch ein Anhang von 17 Seiten Umfang (tabellarischer Lebenslauf; Schriften von TILLY EDINGER; Radiobeiträge; Gutachten über TILLY EDINGER). Ein Personenindex sowie ein Index der wissenschaftlichen Namen stehen am Schluss des Buches.

R. KOHRING gelingt es, TILLY EDINGERs Lebensstationen unter Zuhilfenahme eines bemerkenswert dichten, zusätzlich erläuternden und erläuterten Briefbestandes (insbesondere ihren Briefwechsel im Freundes- und Kollegenkreis) lebendig und anschaulich werden zu lassen. Bei aller Ausführlichkeit ist dieser Text keineswegs langatmig, im Gegenteil! Wer über TILLY EDINGERs Person hinaus etwas erfahren möchte über die frühe, erst kurz zuvor in der Paläontologischen Gesellschaft organisatorisch zusammengefasste Paläontologie, ihre bis dahin fast ausschließlich männlichen Vertreter und die Möglichkeiten einer Frau, hier zu bestehen, lasse sich fesseln. Dabei begibt sich R. KOHRING gelegentlich - wie auch die anderen Autoren - auf durchaus unterschiedlich, jedenfalls nicht immer eindeutig interpretierbares Gebiet, gerade dann, wenn es um die verheerende Einflussnahme einer gezielt destruktiven vor Ausgrenzung und letztlich massenhaftem Mord nicht zurückschreckenden Politik geht (1933- 1945). Deren Perspektiven und Folgen wurden in den Jahren 1933-1938 (der Zeit von TILLY EDINGERs Ausharren in Deutschland) zwar zunehmend deutlich, waren jedoch den von ihr betroffenen Akteuren dieser Biographie - und gerade auch TILLY EDINGER selbst - keineswegs so einsichtig, wie uns das heute, aus großer zeitlicher Distanz beurteilt, erscheinen mag. Wie problematisch Bewertungen sein können, selbst dann, wenn sie viele Jahrzehnte nach dem Ableben der beurteilten Personen erfolgen, zeigt exemplarisch gerade das nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 in besondere Spannung geratene Verhältnis RUDOLF RICHTER - TILLY EDINGER. KOHRING, der in seiner Darstellung ¸ber die zeiteingebettete Darstellung hinaus in einem speziellen Kapitel noch einmal auf dieses Verhältnis zu sprechen kommt, zieht hier neben zeitgenössischen Äußerungen auch nachträgliche, gleichwohl ausgewogene Urteile heran (zu R. RICHTER z. B. KLAUSEWITZ, RIETSCHEL, STRUVE, ZIEGLER) und tut hier zweifellos sein Bestes. Wo der Autor nicht eindeutig (ver)urteilen darf, ist doch dem Leser eine Möglichkeit eingeräumt, dies nach Ansicht der dargelegten Fakten und Meinungen zu tun.

KOHRINGs dichte, abschnittweise beklemmend deutliche Darstellung zeigt, wie nach 1933 die noch zunächst schützenden Hände von der Person TILLY EDINGER zunehmend abgezogen wurden, wie ihr Demütigungen und Ausgrenzungen selbst im engsten Kreis ihrer paläontologischen Kollegen wie auch der Paläontologischen Gesellschaft nicht erspart blieben. Repressalien im äußeren Lebenskreis traten hinzu. Wer die zunehmende Entrechtung der jüdischen Menschen im Deutschland der dreißiger Jahre noch exemplarischer, noch drastischer nachvollziehen möchte, als es durch TILLY EDINGERs Briefe und Stellungnahmen möglich ist, möge zu VIKTOR KLEMPERERs bestürzend einsichtigem Jahrhundertwerk (Ich will Zeugnis ablegen bis zum letz- ten. Tagebücher 1932-1945; Berlin 1995) greifen. Zur zunehmenden Entrechtung trat, in den späten dreißiger Jahren, die Gefahr für ihr Leben. Bereits 1934 bemerkt TILLY EDINGER in einem Brief: (...) es ist doch nicht zu verwundern, wenn unsereins etwas Verfolgungswahn hat (...) Etwas Verfolgungswahn! Unwillkürlich wird der Leser hier an RUTH KLÜGERs Erinnerungen denken ( Weiter leben. Eine Jugend; Göttingen 1992; ein ähnliches "deutsch" und amerikanisch geprägtes Lebensschicksal übrigens). Dort ist gleichfalls von Verfolgungswahn die Rede, im Vernichtungslager Auschwitz, und RUTH KLÜGER, die ihn bei ihrer mitdeportierten Mutter feststellt, urteilt dahingehend, dass dieser und die damit verbundene psychische Störung im Lager eher von Vorteil war, weil die neue gesellschaftliche (Un)ordnung dergleichen Wahnvorstellungen eingeholt hatte [Wie knapp TILLY EDINGER der Ermordung entging, zeigen die im Beitrag von G. KREFT gestreiften grausamen Schicksale ihres Bruders und ihrer Kusine]. Zur Ausgrenzung trat die Beraubung. Wenngleich TILLY EDINGER der - bemerkenswerten und wohl richtigen - Auffassung gewesen ist "So oder so werden mich (...) die fossilen Wirbeltiere retten" bedurfte doch diese Rettung in letzter Sekunde eines ganz ungewöhnlichen Einsatzes englischer und amerikanischer Kollegen. KOHRING macht in diesem Zusammenhang darauf aufmerksam, wie wenig man den Exodus der deutschsprachigen Paläontologen "danach", nach ihrem Hinauswurf, später beachtete: Bekannte, große Namen sind darunter, deren Weggang heute kaum erwähnt wird, wenn man vom Bedeutungsverlust deutschsprachiger Paläontologie spricht.

KOHRING nennt die Verstrickung deutschsprachiger Paläontologen in das nationalsozialistische System - so heikel und wenig einfach es nach des Verfassers eigenen Worten auch ist, hier zu urteilen. Eine offene Auseinandersetzung darüber gab es im Nachkriegsdeutschland jedenfalls nicht. Insoweit reflektiert die deutsche Paläontologie der Nachkriegs-Jahrzehnte bemerkenswert getreu die gesamtgesellschaftliche, ganz überwiegend durch Verdrängung gekennzeichnete Reaktion. So viel Rettendes, soviel Neuanfang und Neuorientierung TILLY EDINGER in den USA auch erwartete: Die Emigration hinterließ im Leben dieser so tief sozialisierten Frankfurterin und der deutschen Paläontologie engstens verbundenen Forscherin einen tiefen, nicht wieder verheilten Bruch. Erfreulich, dass die Autoren an keiner Stelle des Buches versuchen, diese Gegebenheit in der Darstellung zu schmälern. Zu "vereinnahmen" ist TILLY EDINGER nicht mehr, so sehr auch einige wenige nach ihrem Tode erschienene deutschsprachige Artikel und Nachrufe dies versucht haben.

Obwohl der vorliegende Band ein im wesentlichen biographisches Werk ist, möchte der Rezensent dem mit TILLY EDINGERs Lebenshintergrund und wissenschaftlichem Werk weniger vertrauten Leser das in der Mitte des Buches liegende Kapitel von EMILY A. BUCHHOLTZ (TILLY EDINGER: Scientific legacy) als "Einstieg" empfehlen. Es führt sehr rasch in die Bedeutung TILLY EDINGERS als Paläontologin und Begründerin der neuen Subdisziplin Paläoneurologie ein, beginnend mit der Prägung der Tochter durch den Vater LUDWIG EDINGER bereits im Elternhaus, überleitend zu EDINGERs Nothosaurus-Dissertation, deren Publikation bereits zum Nukleus späterer, breiter und grundlegender Beschäftigung mit dem paläoneurologischen Material wurde. Folgend werden dann die wichtigen Stationen in ihrer in vieler Hinsicht bemerkenswerten Karriere genannt. Sicher sehr zu Recht kennzeichnet BUCHHOLTZ TILLY EDINGERs frühe wissenschaftliche Selbstfindung als einen Akt der Selbsterziehung. Das liest sich gut, weil BUCHHOLTZ TILLY EDINGER wie auch ihre wissenschaftlichen Kollegen in zahlreichen Kurzzitaten selbst zu Wort kommen lässt. Durch das umfangreich dargebotene biographische Material der vorangehenden und folgenden Beiträge entfällt hier auch die Notwendigkeit zeitraubender einführender Erläuterungen. BUCHHOLTZ würdigt TILLY EDINGERs erste zusammenfassende Veröffentlichung ( Die fossilen Gehirne, 1929) als innovative und kreative Synthese zweier Felder (Geologie/Neurologie).

Die Darstellung widmet sich den damaligen Problemfeldern der noch jungen Paläoneurologie in historischer Rückschau und bereits Kapitelüberschriften thematisieren, was auch TILLY EDINGER beschäftigte:

Comparative anatomy versus palaeoneurology; Brain size and brain "Progress"; Brain size and extinction. E. BUCHHOLTZ rekonstruiert behutsam TILLY EDINGERs frühe Auffassungen des Evolutionsverlaufs sowie der Beschaffenheit systematischer Großgruppen bei den fossilen Wirbeltieren und schildert ihr Vorgehen. Zu zahlreichen Hindernissen, evolutionäre bzw. auch hierarchische Serien der Gehirnentwicklung an systematisch homogenen Material zu erhalten, traten Differenzen in den Ergebnissen einerseits paläoneurologischer, andererseits vergleichend-anatomischer Forschungen. Wie BUCHHOLTZ zeigt, relativierte TILLY EDINGER ihre zunächst zu optimistischen Erwartungen an rasche Forschungsfortschritte, blieb aber dicht an den Problemen. Eines ihrer zuerst bei der Bearbeitung der Sirenen (1933) erreichten Ziele war die Darstellung des Wandels eines Gehirn-Typs von den ursprünglichen fossilen bis zu den rezenten Arten einer Gruppe. In diesem Zusammenhang würdigt BUCHHOLTZ TILLY EDINGERs klassische Pferde-Monographie (1948), die ein beeindruckendes sequentielles Bild der Gehirn-Innovationen innerhalb einer einzigen Evolutionslinie vorlegt, wobei sie nicht verschweigt, welche grundsätzlichen Einsichten in die Evolution dieser und anderer Gruppen TILLY EDINGER noch nicht zu Gebote standen. Auch EDINGERs Einsichten in ihrerzeit kaum zutreffend beobachtetes Evolutionsgeschehen, etwa des non correlated progress sowie der wiederholten Parallelentwicklung von Furchungsmustern des Gehirns, Phänomene, die sie noch länger beschäftigen sollten, werden besprochen. Sehr früh schon hatte sich TILLY EDINGER auch die Frage gestellt, in welchem Ausmaß evolutionärer Fortschritt und Größenzunahme des Gehirns identisch sind. Sie wurde hier von Publikationen ihres Vaters wie auch solchen von O. C. MARSH beeinflusst, wenn gleich sie gerade zu MARSH bald sehr gegensätzliche Positionen einnehmen sollte. Kontinuierlichen evolutionären Fortschritt der Gehirnentwicklung konnte TILLY EDINGER gerade bei den von ihr früh untersuchten Säugetier-Großgruppen nicht feststellen. Es nahmen aber auch, wie E. BUCHHOLTZ zeigt, zeitgenössische methodi- sche Schwierigkeiten bei der Abschätzung der Gehirngröße von rezenten und fossilen Wirbeltieren Einfluss auf TILLY EDINGERs Forschungsansatz. Das demonstriert sehr eindringlich das Beispiel der in TILLY EDINGERs späteren Jahren geführten Gehirngröße versus Körpergröße- Debatte, zu deren vertiefter quantiativer Diskussion TILLY EDINGER durch Nichtvertrautheit mit quantitativen Techniken letztendlich nicht beitragen konnte.

Wenngleich die Beiträge von HARRY LANG über TILLY EDINGERs Taubheit und von EMILY BUCHHOLTZ über TILLY EDINGERs Lehr-Zwischenspiel am Wellesley College (1944/45) kurz sind, so geben sie doch aufschlussreiche Einblicke in die Fähigkeit der Forscherin, mit einer schweren körperlichen Behinderung umzugehen und trotz dieses auch im Kreise der neuen amerikanischen Kollegen isolierenden "Handicaps" in einem aus finanzieller Not eingegangenen Lehrverhältnisses überraschend erfolgreich zu sein. LANG versucht auch auszuloten, ob neben der zweifellos gegebenen Isolation durch das Gebrechen nicht letztlich daraus auch positive Auswirkungen auf TILLY EDINGERs Schaffensprozess abzuleiten sind. E. BUCHHOLTZ registriert, dass die durchaus bemerkenswerten Fähigkeiten der bescheidenen und selbstkritisch-humorvollen Lehrerin TILLY EDINGER gute Resonanz auf zuvor nicht erprobtem Feld fanden. Insoweit kann die Schwerhörigkeit nicht entscheidend hindernd gewirkt haben. Die starke Einbindung TILLY EDINGERs in redaktionell-bibliographische wie auch eigene Forschungsprojekte ließ es zu einer Fortsetzung des Lehrintermezzos nicht mehr kommen.

G. KREFT berichtet, in geistes- bzw. sozialwissenschaftlicher Tradition stehend, über TILLY EDINGER im Kontext ihrer deutsch-jüdischen Familiengeschichte. Der umfangreiche Beitrag ergänzt die Ergebnisse der anderen Autoren (und umgekehrt) und ist auch so konzipiert, was heißt, dass inhaltliche Ü berschneidungen - wie die Autoren selbst bemerken - sinnvollerweise nicht zu vermeiden waren, aber durch den jeweils abweichenden Hintergrund der Fragestellung auch nicht ermüden. Mam machte hier glücklicherweise nicht den Versuch, unterschiedliche Interpretationen - zu denen ein reiches biografisches Material recht unterschiedlicher Herkunft einlädt - einander anzugleichen. Dadurch bleibt das beim Leser ankommende, aus zahllosen Facetten zusammengesetzte Bild dieser keineswegs einfach zu fassenden, komplexen Pers nlichkeit sehr differenziert.

Wie KREFT einleitend ausführt, kann es eine historisch unbelastete Herangehensweise an das gewählte Thema kaum geben. So war auch hier zunächst eine Klärung der Begriffe vorzunehmen, und in den erreichten terminologischen Differenzierungen gelingt es ihm, TILLY EDINGER sowohl in der Geschichte ihrer Familienbindungen unter vielfältiger Rückspiegelung auf den kollektiven kulturellen "Erfahrungshorizontì deutscher Juden darzustellen. Vielfältige Bezüge zur deutschen Gesellschaftsgeschichte ergeben sich dabei von selbst. Der Autor beleuchtet in seinem Beitrag das "rückblickend gebrochene" Selbstverständnis der Emigrantin und leitet über zu einer Erörterung des Einflusses ihrer Familiengeschichte auf ihre akademische Ausbildung. Weitere umfangreiche Daten stellen "Informelles zur Begrün- dung der Paläoneurologie". Folgerichtig deutet man TILLY EDINGERs komplizierte Ablösung aus dem nationalsozialistischen Deutschland als Ergebnis erfolgreicher Akkulturation, die so fast zur Falle wurde. Abschließend und ergänzend bespricht der Verf. die Bedingungen der erneuten amerikanischen Einkulturation TILLY EDINGERs. Im Schwerpunkt der Darstellung erhellt der Verf., was nicht zu verwundern ist, gravierende Unterschiede der deutschen und amerikanischen Wissenschaftsgesellschaft immer wieder streiflichtartig.

Der Verfasser machte sich die Arbeit zu diesem Kapitel alles andere als leicht. Seine wie auch R. KOHRINGs Ergebnisse beruhen auf einer Auswertung von annähernd 1.000 Briefen und Postkarten TILLY EDINGERs aus dem Zeitraum 1916-1967, zu denen zahlreiche biographisch auswertbare, gedruckte Beiträge der Forscherin kommen, abgesehen von weiteren Quellen. Der Beitrag von KOHRING weist 968, der Beitrag von KREFT 1.086 Querverweise auf! Erfreulicherweise widerstanden dabei die genannten Verfasser der Versuchung, ihre Beiträge durch diesen Anmerkungsapparat unleserlich zu machen (gemäß einer fragwürdigen geisteswissenschaftlichen Maxime, wonach das Wichtigere generell in den Anmerkungen stehe) - nein, das wichtigste steht hier, im ganzen Buch, in den gut gegliederten, mit griffigen berschriften ausgestatteten Texten; der rote Faden geht dem Leser trotz der dargebotenen Fälle nicht verloren. Zahlreiche gut platzierte Abbildungen fördern die Lust, nachzuschlagen.

Der interdisziplinäre Ansatz des Buches ist geglückt; Natur- wie auch Kulturwissenschaftler und auch interessierte Laien werden sehr von dieser Biographie profitieren, die mit der gewählten Themenkombination fast konkurrenzlos dasteht. Aber es ist vor allem die großartige Frau und Forscherin TILLY EDINGER, zu deren Weg, Schicksal und Leistung wir jetzt breitesten Zugang besitzen.

T. KELLER

Zentralblatt für Geologie und Paläontologie Teil II, Jg. 2005, H. 1-2, S. 185-190

Rev.: Humanities and Soc.Sci. Online 11/2004 top ↑

Please click the following link to see the review:
http://www.h-net.msu.edu/reviews/showrev.cgi?path=142181100890339

Besprechung in H-Soz-u-Kult top ↑

Bitte clicken Sie auf den nachfolgenden Link, um die Besprechung zu lesen:
http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2005-1-074

Bespr.: Forschung Frankfurt, 3-4/2004, S. 92 top ↑

Tilly Edinger - Naturwissenschaftlerin mit Hang zum Makabren

Interdisziplinäre Beiträge zu Leben und Werk einer deutschen Jüdin

Tilly Edinger (1897 - 1967) war die Begründerin der modernen Paläoneurologie. Wen dieses befremdliche Wort nicht abschreckt, erwartet eine konzeptionell durchdachte wissenschaftliche Biografie ersten Ranges. Sie widerlegt, was ein Freund Tilly Edinger einst prophezeite: ``Du wirst noch an Deiner Korrespondenz zugrunde gehen.'' Stattdessen bilden ihre ungezählten, im In- und Ausland recherchierten Briefe aus über fünf Jahrzehnten den Fundus des vorliegenden Sammelbandes. Ihre faszinierende Diktion lässt Tilly Edinger als eine mit schwarzem Humor begnadete Frau, die 1939 aus Deutschland vertrieben wurde, noch einmal lebendig werden.

Jene Eingeweihten, die mit der exotisch anmutenden Erforschung von Gehirnen ausgestorbener Wirbeltiere (dies meint die terminologische Kreuzung von Paläontologie und Neurologie) fachlich vertraut sind, werden bereits beim Namen Tilly Edinger ihren unmittelbar einsetzenden Kaufreflexen folgen. Für sie braucht das erste und unabsehbar einzige Standardwerk zur Entwicklung dieses Spezialgebiets nicht weiter besprochen zu werden. Allerdings ist ein weit vielschichtigeres Spektrum potenzieller Leser auf das Buch hinzuweisen. Dazu gehören solche, die es als stimulierend erleben, dass - so die Herausgeber im Vorwort - ``auf dem Gebiet der Wissenschaftsgeschichte die Zusammenarbeit von Natur- und Geistes- beziehungsweise Sozialwissenschaftlern möglich und fruchtbar ist''. Etwa bei grenzüberschreitenden Fragen nach Zusammenhängen zwischen Biografie und Wissenschaft, zwischen Lebensgeschichte einer schwerhörigen Naturwissenschaftlerin und der Entwicklung ihrer Disziplin, zwischen deutsch-jüdischer Akkulturation und Geschichte der Hirnforschung.

Transdisziplinären Geist repräsentieren auch die prominenten Zeitzeugen, deren Geleitworte persönliche Erinnerungen an Tilly Edinger enthalten: Dietrich Starck (Evolutionsmorphologe), Harry J. Jerison (Psychologe und Paläoneurologe), Steven Jay Gould (Paläontologe und Evolutionstheoretiker), Reiner Wiehl (Philosoph und Neffe Tilly Edingers). In den thematisch konzentrierten Einzelstudien folgt der Berliner Paläontologe Rolf Koring den ``Stationen'' im Leben Tilly Edingers. Deren ``Scientific Legacy'' stellt die Paläoneurologin Emily A. Buchholtz dar sowie, in einem zweiten Beitrag, Edingers ``Teaching Interlude'' am Wellesley College. Massachusetts, an dem Buchholtz selbst lehrt,. ``Tilly Edinger's Deafness'' beleuchtet der Physiker Harry G. Lang (National Technical Institute for the Deaf, Rochester, New York). Schließlich wird ``Tilly Edinger im Kontext ihrer deutsch-jüdischen Familiengeschichte'' vom Frankfurter Soziologen und Medizinhistoriker Gerald Kreft untersucht. Forschung-Frankfurt-Lesern dürfte er als Autor mehrerer Aufsätze zur Geschichte des von Ludwig Edinger, Tilly Edingers Vater, begründeten Neurologischen Instituts bekannt sein (Sonderband zur Geschichte der Universität, Forschung Frankfurt 3/2000).

In seinen Gesprächen mit überlebenden Angehörigen begegnete Kreft der durchaus ambivalenten Phantasie eines nach England emigrierten Neffen Tilly Edingers: ``Wahrscheinlich hätte die Idee einer jüdischen Familiengeschichte von ihr sie zu großem Gelächter gebracht.'' Nachdem die Nationalsozialisten Menschen, die sie als Juden klassifizierten, vernichteten, ist es für Kreft historiographisch unmöglich geworden zu definieren, ``was eigentlich ``jüdisch'' sei''. Vielmehr zeigt er über mehrere Generationen der Edingers hinweg ``sich wandelnde Gemengelagen aus deutschen und jüdischen Traditionszusammenhängen'' auf, in die er Tilly Edingers Leben und Werk einbettet. In solchen Konstellationen deutsch-jüdischer Akkulturation erscheint ``das Jüdische jeweils spezifisch, als Selbstverständnis wie als (Zwangs-)Zuschreibung''. Quellenkritisch zielt Kreft mitnichten auf eine ``vermeintlich wahre Tilly Edinger'', sondern berücksichtigt die ``adressatbezogene Perspektivität'' ihrer ``brieflichen Selbstdarstellungen''. 1933 war Tilly Edinger im Zuge der ``Gleichschaltung'' vom Verlust ihres Arbeitsplatzes bedroht. Den makaberen Vorschlag ihrer nach England geflohenen Freundin Elisabeth Gundolf, ``die 0,1 \% Juden, die ihr nun zu viel am Senckenberg-Museum seid, müsste man euch irgendwie wegschneiden, nach dem Vorbild des seligen Shylock'', kommentierte sie mit einem lapidaren ``Ich biete dazu meine Pickel an!''.

Inhalt top ↑

GELEITWORTE
Zum Geleit (Dietrich Starck) 2
Preface (Harry J. Jerison) 5
Homage (Stephen Jay Gould) 7
Vorwort (Reiner Wiehl) 9
EINFÜHRUNG (Rolf Kohring und Gerald Kreft) 11
Einleitung 12
Abkürzungen 17
Anschriften der Autoren 19
TILLY EDINGER -- STATIONEN IHRES LEBENS (Rolf Kohring) 21
Vorwort 23
Kindheit und Jugend 29
Studienjahre - wie ein Nothosaurus die Paläontologie veränderte 43
Jahre im Senckenberg-Museum 83
"Die fossilen Gehirne" 107
Tilly Edingers Leben im nationalsozialistischen Deutschland -
mit "dem Volk, mit dem ich mich doch so verwachsen glaubte 132
Emigration - ein Jahr des Wartens in London 160
Amerika: "Patriotismus - und wie!" 166
Zwischenbetrachtung 195
Rudolf Richter und der "Rauswurf" 199
"mein Leben vollzieht sich in Stille" 208
Die Fünfziger Jahre 224
Begegnungen mit der Vergangenheit 244
Drei weitere Europareisen 255
"Ein Ehrenplatz blieb leer" 269
Tilly Edinger und das Kuriose in den Naturwissenschaften 273
"A very lonely person" 279
Literatur 283
Ausklang 295
TILLY EDINGER: SCIENTIFIC LEGACY (Emily Buchholtz) 299
Introduction 300
Preparation for a Scientific Career 301
Descriptive Paleoneurology 304
"Die fossilen Gehirne" 310
Comparative Anatomy versus Paleoneurology 313
Brain Size and Brain "Progress" 321
Brain Size and Extinction 327
Science in the United States 328
Paleoendocrinology 333
Behavioral Specialization reflected in Brain Morphology 337
Service to Vertebrate Paleontology and to its Society 343
Bibliographic Work 346
Histories of Paleontology and of Paleontologists 350
Summary of Edinger's Research Career 351
Acknowledgements 353
Literature Cited 353
TILLY EDINGER's DEAFNESS (Harry Lang) 359
Introduction 360
Coping with Deafness 362
Ingenuity and Survival 362
Research and Teaching in America 364
Isolation and Success 365
Tilly's"Apparat" 368
Final Years 371
Acknowledgements 372
References 372
TEACHING INTERLUDE: TILLY EDINGER AT WELLESLEY COLLEGE (Emily Bucholtz) 373
Introduction 374
Appointment and Teaching Career 376
Wellesley's Placement of Emigre Scholars 380
Honorary doctorate 381
Acknowledgements 383
Literature cited 383
TILLY EDINGER IM KONTEXT IHRER DEUTSCH-JÜDISCHEN FAMILIENGESCHICHTE (Gerald
Kreft) 385
Einleitung 387
"Wiederjudmachung" 394
Der Einfluss des Elternhauses auf Tilly Edingers Ausbildung 406
Informelles zu Tilly Edingers Begründung der Paläoneurologie 433
Erfolgreiche Akkulturation als Falle:
Tilly Edinger im Nationalsozialismus 482
Von der deutschjüdischen zur US-amerikanischen Akkulturation
Tilly Edingers 532
Schlußbetrachtungen 577
Literatur 580
ANHANG 609
Kleiner Lebenslauf von Tilly Edinger 61O
Schriften über Tilly Edinger 611
Schriftenverzeichnis von Tilly Edinger 612
Radiobeiträge von Tilly Edinger 1927-I929 623
Gutachten über Tilly Edinger 623
Index 627
A. Personen-Index 627
B. Index der wissenschaftlichen Namen 638

top ↑

This moving biography portrays the life of Tilly Edinger, a remarkable woman and scientist.She was born into a bourgeois jewish family in Frankfurt, Germany, where she pioneered paleoneurology -- the study of the brains of exinct vertebrates until the National Socialist rise to power made it impossible for her to stay in Germany.
The book display the different stages of her life from different perspectives in German and English language contributions.