Biodiversitätsforschung
Die Entschlüsselung der Artenvielfalt in Raum und Zeit
Hrsg.: Stephan Robbert Gradstein; Rainer Willmann; Georg Zizka
[Studying Biodiversity: deciphering the diversity of species in time and space]
2003. 248 Seiten, 147 Abbildungen, 9 Tabellen, 6 Tafeln, 30x21cm, 1020 g
Language: German
(Kleine Senckenberg-Reihe, Band 45)
ISBN 978-3-510-61354-0, brosch., price: 29.90 €
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Contents
InhaltsbeschreibungBespr.: Jahrbuch Naturschutz in Hessen Band 8
Bespr.: GfBS News 12/2004, S. 41
Bespr.: ekz Informationsdienst
Bespr.: Botanik und Naturschutz in Hessen Nr. 17, 2004
Bespr.:Zbl. Geol. Pal. T. II, Jg. 2005, H. 1-2, S. 623-625
Inhalt
Insgesamt umfasst der Band 19 Beiträge, die unter den Themen Geschichte der Biodiversitätsforschung, Evolution und räumliche Verteilung der Biodiversität, Ökologische Funktionen der Biodiversität, Entwicklung und zeitliche Dynamik der Biodiversität und Strategien zur Erhaltung der Biodiversität zusammengefasst sind.
Das Forschungskonzept des Göttinger Zentrums hat fünf Hauptansätze:
* Systematik und Evolutionsforschung, die sich mit der Entschlüsselung der Organismenvielfalt, ihrer Entstehung und geographischen Differenzierung befasst,
* Biogeographie, die räumliche Verteilung und Diversität von Organismen und Lebensgemeinschaften erfasst und erklärt,
* die Ökologie entschlüsselt die ökologischen Funktionen der Artendiversität und die Wechselwirkungen zwischen Elementen der Biosphäre und abiotischen Einflussgrößen des Systems Erde erfasst,
* Paläoökologie und Palynologie, die sich mit dem Wandel der Biodiversität in erdgeschichtlicher Zeit befasst,
* Naturschutz, der die Entwicklungen von Strategien zur Erhaltung der Arten- und Lebensdiversität und der Umsetzung in die Praxis umfasst.
Die 19 Beiträge geben in gut verständlicher Weise einen Ausschnitt aus der Lebensvielfalt und ihrer Erforschung. Beispiele sind die Vielfalt der akustischen Kommunikation bei Heuschrecken, die Biodiversität von Schwämmen in Kaltwasserriffen sowie das Zusammenwirken zwischen Pflanzen und Insekten in der Kulturlandschaft. In mehreren Beiträgen wird der Wandel der Biodiversität in der Kulturlandschaft behandelt.
Der ansprechende Band ist übersichtlich in die Kapitel Geschichte der Biodiversitätsforschung, Evolution und räumliche Verteilung der Biodiversität, Ökologische Funktionen der Biodiversität, Entwicklung der zeitlichen Dynamik der Biodiversität und Strategien zur Erhaltung der Biodiversität gegliedert.
Wer sich beruflich oder ehrenamtlich mit Naturkunde und Naturschutz befasst, erhält mit dem Band einen guten Überblick, was man unter Biodiversität versteht, wie diese erforscht wird und wie die Biodiversität durch Naturschutz erhalten werden kann.
L. Nitsche
Jahrbuch Naturschutz in Hessen Band 8
D. Waloßek
GfBS News 12/2004, S. 41
Rezensent: LK/F: Lüdtke
ekz Informationsdienst
Der 250 Seiten dicke Band ist eine Sammlung von 19 Aufsätzen aus der Feder von Göttinger und Frankfurter Wissenschaftlern. Es handelt sich ganz überwiegend um Übersichtsartikel, die einen Einblick in Forschungsgegenstände und Fragestellungen geben sollen. Deren Heterogenität zeigt, dass sich praktisch jedes Thema aus den Bereichen Synökologie, Systematik oder Evolutionsforschung auf die - bislang meist unerklärbare - Vielfalt ausrichten lässt und deshalb in einen Sammelband über Biodiversität passt. In zwei Vorworten, einer Einleitung und zwei einführenden Aufsätzen wird den Lesern versichert, dass es sich um hochaktuelle Forschung von größter Relevanz und weitreichender Bedeutung handelt, die sich in überregionalen Forschungsnetzen zu einem interdisziplinären und modernen Fachgebiet entwickelt.
Von den Arbeiten - etliche davon über außereuropäische Ökosysteme - seien hier nur die angesprochen, die für die Botanik und den Naturschutz in Hessen von Interesse sind:
Zizka et al. ("Blütenpflanzen: Biodiversitätsforschung - in den Tropen und "vor der Haustür"") berichten von vielen unterschiedlichen Aktivitäten der Frankfurter Arbeitsgruppen; "vor der Haustür" hebt ab auf Untersuchungen im Frankfurter Stadtwald und auf die Kartierung des Frankfurter Haupt- und Güterbahnhofs (vergleiche Bönsel et al., Band 38 der kleinen Senckenberg-Reihe, besprochen in BNH 15). Der Text beschränkt sich eher auf allgemeine Ergebnisse. Konkrete Zahlen über die Frankfurter Flora verbergen sich in einer stark verkleinerten und gestauchten Grafik; der Sehtest beim Optiker ist dagegen ein Kinderspiel. Dieser Artikel ist einer der wenigen, der auf die Bedeutung wissenschaftlicher Sammlungen für Taxonomie, Ökologie und Naturschutz hinweist.
Sehr solide, kritisch und zugleich anschaulich ist der Aufsatz von Dierschke über räumliche und zeitliche Veränderungen in der Krautschicht des Göttinger Kalkbuchenwaldes. Die 20-jährige Untersuchung zeigt, wie Wald-Bingelkraut und Bärlauch in Mischpopulationen als Gegenspieler "pulsieren". Die Ausdauer und Sorgfalt, mit denen hier gearbeitet wurde, sind in der hektisch (re)agierenden Forschungslandschaft eine Ausnahmeerscheinung geworden. Das Ergebnis scheint schlicht. Es ist aber greifbar und hat deutlich mehr Aussagekraft als manche spektakulär wirkenden Phänomene bei anderen Autoren.
Einen sehr guten Zugang zum Thema "Gefäßpflanzen-Diversität in Naturwaldreservaten" gibt der Aufsatz von W. Schmidt. Unter anderem wird darin diskutiert, weshalb naturnah bewirtschaftete Wälder meist artenreicher sind als standörtlich vergleichbare Naturwälder und wie sich Windwurf auf das Struktur- und Artenspektrum auswirkt. Für ein naturschutzfachlich begründetes Management von Waldökosystemen werden interessante Anstöße gegeben.
Tscharntke et al. ("...Pflanze-Insekt-Interaktionen in Kulturlandschaften") erläutern an Beispielen, welchen Einfluss die Fragmentierung von Lebensräumen auf Räuber-Beute-Beziehungen, Parasitierungs- und Bestäubungsraten hat.
Schließlich sei auf zwei Aufsätze hingewiesen, die die Geschichte der menschlichen Wahrnehmung, Nutzung und Darstellung von Natur berühren (Willmann: "Die Erfassung der Artenvielfalt vor Linné" und Hermann: "Historische Humanökologie und Biodiversitätsforschung"). Beide zeigen, dass jedes, auch unser heutiges Wissen über Organismen nicht nur äußerst unvollständig ist, sondern trotz aller Fortschritte ein Kind seiner Zeit und damit nicht frei von Subjektivität.
Die Ausstattung des Bandes, Papier, Satz, Layout und Bebilderung sind sehr ansprechend. Leider wurde aber von einigen Autoren und von der Redaktion zu wenig auf Verständlichkeit der Inhalte geachtet. Weiß die "breitere Öffentlichkeit", an die sich der Band laut Professor Steiningers Vorwort richtet, beispielsweise, was "competitive release" ist? Wäre es nicht besser, einen zwei Worte längeren, aber verständlichen Ausdruck zu benutzen, z. B. Entlastung durch fehlende Konkurrenz? Kann man nicht statt vom "Red jungle fowl" vom Bankiva-Huhn sprechen, das jedes Schulkind als Stammform des Haushuhns kennen lernt? Die "breitere Öffentlichkeit" würde dann eher erreicht.
Günter Matzke-Hajek
Botanik und Naturschutz in Hessen Nr. 17, 2004
Dies mag allerdings nicht darüber hinweg täuschen, dass wir noch lange keine auch nur ansatzweise Vorstellung über die globale Biodiversität haben werden und dass es bei Fortschreiten der derzeitigen Ökosystemzerstörung zu überproportionalen Einbrüchen in der Diversität kommen wird. Augenscheinlich wird aber auch ein Wandel von der rein beschreibend-dokumentierenden Grundlagenwissenschaft der Taxonomie/Systematik hin zur Ökologie und der Verschiebung des Bergiffes auf ö konomische und profitorientierte Anwendungen; die Forschung stellt sich somit in den Dienst gesellschaftlicher Ansprüche an Biodiversität und ihrer Verwertung. Die fast chronologische Reihung der Artikel führt in offensichtlich gewollter Weise den historischen Wandel der Biodiversitätsforschung vor: Ausgehend von der allgemeinen Entwicklung der Methodik und der Aufnahme des Arteninventars ("klassische Systematik") über aktuelle Methoden der Grundlagenforschung (Kladistik, Molekulargenetik) wird eine Veränderung des Begriffes Biodiversitätsforschung deutlich, der zuletzt in stark modifizierter Form bei der Anwendung im "Naturschutz" von Kultur landschaften mißbraucht wird oder ausschliesslich den ökonomischen Nutzen für die Menschheit sieht.
Der Band gibt einen hervorragenden Überblick über aktuelle Problemfelder der Biodiversitätforschung an der Universität Göttingen [26 von 32 Autoren!] die von Kaltwasser-Riffen der Tiefsee bis hin zu Bergregenwäldern in den bolivianischen Anden reichen. In allen Beispielen - wie kritisch man den verschiedenen praktischen Anwendungen bzw. der Interpretation der Biodiversitätforschung auch gegenüberstehen mag - wird sehr deutlich, dass die exakte taxonomische Bearbeitung als Grundlage immer unabdingbar ist, da ohne die Taxonomie keinerlei verläßliche Interpretationen möglich sind.
Als logischer Einstieg bietet es sich an, auf die Einleitung folgend, die Frage zu stellen, was Biodiversität bedeutet und TÜRKAY geht der Frage nach: "Was ist Biodiversität?". Geprägt in den 80er Jahren ("Global 2000") aus der Erkenntnis des Verlustes von Arten bzw. von biologischer Vielfalt, ist Biodiversität heute ein allgemein akzeptierter Begriff, dessen ursprünglichen Gedanken man prinzipiell auf ARISTOTELES zurückführen kann, der dem Wunsch der Menschheit nachging, die ihn umgebende Umwelt zu erkennen und zu klassifizieren, was in der grundlegenden "Systema Naturae" LINNEs zweifellos einen der bedeutendsten Fortschritte für die moderne Biodiversitätsforschung fand. Die von DARWIN veröffentlichte Evolutionstheorie wird später als Abstammungslehre zu einem weiteren Grundstein in der Biologie, wobei man die eigentliche Artentstehung als davon entkoppeltes Phänomen (genetische Isolation) ansehen muss. Bei der Diskussion von Biodiversität würdigt man aber allzuoft Aspekte der klassischen Taxonomie als Grundlage zu wenig, die indes die Basis für alle Forschungen liefert und in Kombination mit modernen Aspekten dafür Sorge trägt, dass die Biodiversitätsforschung ein zukunftsweisendes Wissenschaftsfeld bleiben wird.
Der Verf. rekapituliert die historische Entwicklung der Biodiversitätsforschung vor 1750. Nach den ersten Arbeiten, die auf ARISTOTELES zurückgehen, bleiben die Untersuchungen lange Zeit von mystischen Vorstellungen geprägt, was ö kologische bzw. evolutive Aspekte betrifft. Erst ab dem 17. Jahrhundert kommt es nach einer Abspaltung von den medizinischen Forschungsrichtungen zu einer Zunahme grundlegender Kenntnisse. Ein wichtiger Gesichtspunkt dabei sind die Entdeckungsreisen (Amerika) und das allgemein gestiegene Interesse an naturkundlichen Sammlungen (Kuriositäten- bzw. Naturalien-Kabinette), die später Grundstock für die großen Naturkundemuseen werden. Damit einher ging die Dokumentation von Floren und Faunen, und der im Jahre 1734 erschienene Thesaurus von ALBERTUS SEBA gilt als Meilenstein dieser Entwicklung. Die Darstellung ist aber auch hier noch ungeordnet, bzw. wurde nach oberflächlichen Übereinstimmungen vorgenommen und entsprach nicht phylogenetischen Ü berlegungen oder einer natürlichen Klassifikation, die wenig später LINNE vorstellte. Diese Form der Dokumentation enthielt aber interessanterweise seinerzeit noch unerkannte ökologische Interpretationen, wenngleich aber auch zahllose Probleme durch die bevorzugt künstlerische Art der Darstellung impliziert wurden, so dass eine exakte taxonomische Absprache nach heutiger Maßgabe sehr erschwert wird. Hinzu kommt die Einbeziehung von Fabelwesen.
Dennoch galt SEBAs Werk als Grundlage für Taxonomen und somit als Basis für neue Beschreibungen und Ansporn für weitere Forschungsreisen, die nun vermehrt von den großen Museen ausgingen. Die Einführung der LINNE'schen Nomenklatur führte allerdings zur "Abwertung" der vor 1775 erschienenen Arbeiten, die ihrerseits jedoch Grundlage für LINNE waren.
S. Schröder
Zbl. Geol. Pal. T. II, Jg. 2005, H. 1-2, S. 623-625
Prof. Dr. HORST KERN, Präsident Georg-August-Universität Göttingen 4
Prof. Dr. FRITZ F. STEININGER, Direktor Forschungsinstitut und Naturmuseum Senckenberg 5
Einleitung
Die Herausgeber 6
Was ist Biodiversität?
MICHAEL TÜRKAY 9
Geschichte der Biodiversitätsforschung
Die Erfassung der Artenvielfalt vor LINNE. RAINER WILLMANN 13
Evolution und räumliche Verteilung der Biodiversität
Evolution und Vielfalt der Insekten. RAINER WILLMANN 27
Gesang - Hören - Evolution. Die Vielfalt akustischer Kommunikation bei
Feldheuschrecken. NORBERT ELSNER & ANDREAS STUMPNER 41
Evolution und Diversität der Brachiopoden. ULRICH JANSEN 53
Schwämme in Kaltwasser-Korallenriffen. JOACHIM REITNER & FRIEDERIKE HOFFMANN 75
Mikroskopische Algen: ex situ-Erhaltung von Biodiversität und molekulare
Phylogenie. THOMAS FRIEDL, MAIKE LORENZ & DAVID FEWER 89
Biodiversitätsforschung im tropischen Regenwald am Beispiel der Moose. STEPHAN
ROBBERT GRADSTEIN 105
Blütenpflanzen: Biodiversitätsforschung - in den Tropen und "vor der Haustür".
GEORG ZIZKA, RALF HORRES & JULIO v. SCHNEIDER 119
Biodiversitätsforschung am Beispiel der Pflanzenwelt der bolivianischen Anden.
MICHAEL KESSLER 127
Pflanzendiversität im Göttinger Kalkbuchenwald in Raum und Zeit. HARTMUT
DIERSCHKE 137
Ökologische Funktionen der Biodiversität
Biozönosen und Ökosysteme: Welche Bedeutung hat die Diversität der Fauna?
MATTHIAS SCHAEFER 147
Funktionale Diversität mitteleuropäischer Baumarten. CHRISTOPH LEUSCHNER & MARC
HAGEMEIER 163
Biodiversität und Pflanze-lnsekt-Interaktionen in Kulturlandschaften. TEIA
TSCHARNTKE, ALEXANDRA-MARIA KLEIN, ANDREAS KRUESS, INGOLF STEFFAN-DEWENTER &
CARSTEN THIES 171
Vielfalt im Urwald - Einfalt im Wirtschaftwald? Untersuchungen zur
Gefäßpflanzendiversität in Naturwaldreservaten. WOLFGANG SCHMIDT 185
Entwicklung und zeitliche Dynamik der Biodiversität
Riffdiversität in der Erdgeschichte - Fossilbericht und Interpretationen.
WOLFGANG KIESSLING 205
Palynologische Beiträge zum Wandel von Biodiversität und Klima. EBERHARD GRÜGER
217
Historische Humanökologie und Biodiversitätsforschung. BERND HERRMANN 225
Strategien zur Erhaltung der Biodiversität
Artengemeinschaften in Naturlandschaften als Referenz für Forschung und
Naturschutz. MICHAEL MÜHLENBERG, JOLANTA SLOWIK, MATTHIAS WALTERT & HERMANN
HONDONG 237