Woher stammst du? Diese Frage hat jeder
bestimmt schon mehrmals beantworten müssen,
ganz egal, ob er in ein neues Umfeld in seiner
Stadt oder in eine ganz neue Umgebung gelangte.
Woher stamme ich? Diese Frage nach den
eigenen Wurzeln, nach der Herkunft der eigenen
Familie und deren Urahnen, hat sich wohl auch
schon jeder einmal gestellt. Die das zu beantworten
versuchende Ahnenforschung boomt gerade,
auch (oder gerade) wegen des Internets, in dem
viele alte Urkunden und Kirchenbücher digital
verfügbar sind. Mit Glück lässt sich so die
Familiengeschichte der letzten 200 bis 500 Jahre nach
vollziehen.
Was aber, wenn die Vergangenheit viel länger
zurückreicht als 500 Jahre? Was, wenn nicht die
Herkunft der Familie die Fragestellung ist,
sondern die Herkunft der Sippe, des Volkes, gar der
Art? Dann gibt es keine schriftlichen Aufzeichnungen
mehr, dann müssen andere Möglichkeiten
der Erkenntnisgewinnung genutzt werden. Hierüber
forscht die Biogeografie. Sie versucht, die
Verbreitung und Ausbreitung von Organismen
auf dieser unserer Erde zu beschreiben.
Die Biogeografie der rezent im deutschsprachigen
Raum vorkommenden Libellen wird seit
vielen Jahrzehnten untersucht. Meilensteine waren
die Arbeiten von ST. QUENTIN (1960) und DE
LATTIN (1967), die eine Refugialfauna (die Tiere
überdauerten das Pleistozän [„Eiszeitalter“, endete
vor ca. 10000 Jahren] in südlichen, wärmeren
Refugien, folgten den abschmelzenden
Gletschern in einem gewissen Abstand und erschlossen
so neue Lebensräume) und eine Invasionsfauna
(die Tiere drangen nach dem Schmelzen
des Eises insbesondere aus dem Osten kommend
in bis dahin leere Lebensräume ein) postulierten.
Zuletzt konnte diese Ausbreitungsart bei der
Feuerlibelle (Crocothemis erythraea) nachvollzogen
werden, die (anscheinend als Folge der Klimaerwärmung)
innerhalb kurzer Zeit Deutschland
eroberte (OTT 2010) und mittlerweile fester
Bestandteil der Fauna ist. Was ist aber mit den
kälteadaptierten Arten wie der Alpen-Mosaik-
jungfer (Aeshna caerulea) oder der Alpen-Smaragdlibelle
(Somatochlora alpestris), die in
Mitteleuropa die höheren Lagen der Gebirge
besiedeln, oder mit der Nordischen Azurjungfer
(Coenagrion johanssoni), die erst in Skandinavien
und dem nördlichen Baltikum heimisch ist?
Lassen deren rezente Vorkommen auf eine
mediterrane Vergangenheit schließen?
Vielleicht waren es diese Fragen, die den Autor
bewogen, den seit den 1970er Jahren entstandenen
Hypothesen, dass die eiszeitlichen Kältesteppen
eben doch nicht lebensfeindlich waren und
im Gegenteil eine große Anzahl von Pflanzen
und Tieren beherbergten, am Beispiel der Libellen
nachzugehen. Das Ergebnis seiner langjährigen
Forschungen, die mit einem ersten kleineren,
noch recht spekulativen Beitrag in der sächsischen
Landesfauna (BROCKHAUS 2005) begannen
und viele interessante Zwischenschritte in Form
von Fachvorträgen (auch auf verschiedenen
GdOJahrestagungen) und -veröffentlichungen
(auch in verschiedenen Heften der Libellula)
hervorbrachte, liegt nun in Form dieses Buches vor.
Es hat das Ziel, die verschiedenen Areal- und
Ausbreitungstypen der boreal verbreiteten
paläarktischen Libellen darzustellen und neu zu
interpretieren. Für seine Forschungen wertete der
Autor ein umfangreiches, oftmals russischsprachiges
und deshalb in der „westlichen Welt“ eher
unbekanntes Schrifttum aus (allein das 20-seitige
Literaturverzeichnis des Buches listet 586
Quellen auf), führte ausführliche Diskussionen mit
russischen und anderen, zumeist osteuropäischen
Kollegen, und bereiste schließlich selbst entlegene
Regionen der nördlichen Paläarktis, um
Antworten auf seine Fragen zu erlangen.
Die vom Autor in diesem Buch detailliert
begründete Theorie verschiedener Genesen
kälteadaptierter oder kältetoleranter Libellen bedarf
einer etwas umfassenderen Einführung in diese
Thematik. Deshalb ist dem Hauptteil des Buches
ein ebenso umfangreicher einleitender Teil
vorangestellt, der in sieben Kapiteln vorpleistozäne
und pleistozäne fossile Libellenfunde, die
Paläarktis als zoogeografischen Raum und glaziale
Serien sowie kaltzeitliche Landschaften und
Lebensräume vorstellt sowie, darauf aufbauend,
Hypothesen zu kaltzeitlichen Wirbellosenfaunen
präsentiert, arealdynamische und ökologische
Aspekte rezenter borealer Lebensräume erläutert
sowie rezente und kaltzeitliche Areale paläarktischer
Libellen benennt.
Im Hauptteil des Buches werden elf verschiedene
Verbreitungstypen kälteadaptierter und
kältetoleranter Libellenarten diskutiert. Das Spektrum
reicht hierbei von zirkumsubarktischen und
zirkumtundralen „Permafrostbodenarten“ bis hin zu
kältetoleranten Fließwasserarten mit verschiedenen
kaltzeitlichen Refugien. Jeder einzelne
Verbreitungstyp wird kurz vorgestellt und anhand
einer (einmal zweier) exemplarischer Libellenart(en)
deren rezente und hypothetische kaltzeitlichen
Areale vorgestellt, ihre Artgenese hergeleitet
und weitere Arten mit einer möglichen
gleichen Verbreitungsgeschichte aufgeführt. Jede
Beispielart wird mit Bild, einer Karte ihrer rezenten
Verbreitung und oftmals mit Bildern ihrer
rezenten Lebensräume vorgestellt. Für die Erstellung
der Karten wertete der Autor die Originalliteratur
neu aus und ließ fragwürdige Angaben
oder die in anderen Arbeiten manchmal
vorkommenden „Angaben von Gewährsleuten“ außen
vor.
Eine umfangreiche Zusammenfassung auf
Deutsch, Englisch und Russisch ist dem Buch
vorangestellt und erlaubt einen ersten Überblick
über den Inhalt des Buches.
Neben dem eigentlichen (und in meinen Augen
sehr geglückten) Zweck des Buches, dem Lesenden
Hinweise und Beweise für nicht libellenleere
Kältesteppen im Pleistozän zu präsentieren, ist
dieses Buch auch in anderen Hinsichten
bemerkenswert. Ganze 23 Einzelseiten (davon zwei
Doppelseiten) beinhalten nur Fließtext (in einer
angenehm zu lesenden Schriftgröße 12), zu
allermeist aber aufgelockert durch Überschriften.
Zwei Doppelseiten enthalten überhaupt keinen
Fließtext, dafür teilen sie sich mit den vielen
anderen Seiten insgesamt 109 Abbildungen und 15
Tabellen (plus eine sehr umfangreiche Tabelle in
der Zusammenfassung). Hervorzuheben ist, dass
die Artbilder der Libellen zumeist nicht aus
sächsischen (Heimatland des Autors) oder deutschen
Vorkommen stammen, sondern von Populationen
aus den nördlichen Randbereichen des jeweiligen
Verbreitungsgebietes, die der Autor extra bereiste.
Zum Teil sind aber die Reproduktionen aus
der verwendeten Literatur nur in schlechter Auflösung
wiedergegeben (z.B. die Abbildung 4.5
auf Seite 29), die Primärquellen sind aber im
Internet leicht zu finden. Insgesamt 14 farblich
abgesetzte persönliche Anekdoten, meist aus den
bereisten Gebieten, runden das Buch ab.
Bemerkenswert ist außerdem, dass der Autor
auch sprachlich konsequent Fakten und Hypothesen
trennt. Nutzt er bei Fakten den Indikativ
eines Verbes („ist“, „kommen vor“), verwendet er
bei Hypothesen den Konjunktiv („es wäre derart
vorstellbar“, „es könnte so verlaufen sein“).
Ich habe beim Lesen Verweise im Text auf die
Abbildungen vermisst. So schwankte ich bei
jeder Seite auf’s Neue, ob ich erst den Text bis zum
Unterkapitelende weiterlesen oder erst die
Abbildungen studieren solle. Auch beinhalten die
Kapitel im einleitenden Teil leider keine
Unterstrukturierungen bei den Überschriften: Es gibt
laut Inhaltsverzeichnis nur zwei Ebenen, der Text
benennt aber mindestens vier (insbesondere im
Kapitel 6). Und noch eines habe ich vermisst:
eine Karte mit geografischen Angaben insbesondere
von Russland. Ich möchte von mir behaupten,
dass ich geografisch einigermaßen bewandert bin
und in Russland ganz grob die Lage von St.
Petersburg, Moskau und dem Ural einordnen kann,
vom Baikalsee und Kamtschatka ganz zu schweigen.
Die Region Primorje aber, die Republiken
Komi und Tuva, die Oblast Archangalsk, die
Jamal-Halbinsel und die oft erwähnte Stadt Workuta
konnte ich jedoch nur mit einem zur Hilfe
genommenen Atlas verorten. Dies sind jedoch
nur Petitessen im Vergleich zu dem umfangreich
recherchierten, enormes Wissen wiedergebenden,
wissenschaftlich und trotzdem lesbar geschriebenen
Inhalt dieses Buches.
Es ist dem Autor zu wünschen, dass sein Buch
trotz des recht hohen Preises eine weite Verbreitung
unter ehrenamtlichen, wissenschaftlichen
und professionellen Libellenkundlern und
Biogeografen findet und so zu einer breiten Diskussion
über die Genese kälteadaptierter und
kältetoleranter Organismen beitragen wird.
Martin Lemke