Image de couverture de: Thomas Brockhaus - Die Eiszeitlibellen der Alten Welt Pleistozäne Biogeographie paläarktischer Libellen

Thomas Brockhaus:

Die Eiszeitlibellen der Alten Welt

Pleistozäne Biogeographie paläarktischer Libellen

Hrsg.: Hannes F. Paulus

[Ice-age Odonata of the Old World. The Pleistocene biogeography of Palearctic dragonflies]

2018. 145 Seiten, 106 Abbildungen, 18 Tabellen, 23x31cm, 830 g
Langue: Deutsch

(Zoologica, Heft 163)

ISBN 978-3-510-55050-0, brosch., Prix: 109.00 €

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Mots-clefs

Odonata • Entomologie • Paläogeographie • Klimawandel • Artenschutz • Libelle

Contenu

Inhaltsbeschreibung Haut de page ↑

Im vorliegenden Band behandelt der Autor die pleistozäne Verbreitungsdynamik borealer Libellenarten in der Paläarktis. Hierzu werden paläontologische, autökologische und ausbreitungsdynamische Erkenntnisse sowie Ergebnisse der Pleistozänforschung in einer Synthese zu Modellen pleistozäner Arealbildungsprozesse vereinigt. Soweit mit diesen Methoden möglich, werden Artbildungsprozesse der Libellen dargestellt. Der Autor zeigt, dass der Klimawechsel, verbunden mit der Veränderung ganzer Landschaften, wohl ein Auslöser evolutionärer Prozesse in einigen Libellentaxa gewesen ist.
Bei den aufgeführten Artbeispielen werden zwei Gruppen unterschieden: Arten, die starke Anpassungen an kalte Umweltbedingungen zeigen sowie Arten, die ein breites Temperaturspektrum tolerieren. Innerhalb dieser beiden Gruppen konnte er weitere Unterscheidungen vornehmen:
• Zirkumsubarktische und zirkumtundrale Arten „Permafrostbodenarten“
• Rezent boreomontan verbreitete Arten
• Stenotope Arten mit borealer Verbreitung
• Rezent transpaläarktisch-boreomontan verbreitete Arten
• Ostpaläarktische Kaltzeitwanderer, disjunkte Areale sibirischer Arten
• Spätglaziale Gletscherrandwanderer
• Westpaläarktische Arten
• Arten mit west- bis zentralpaläarktischer Verbreitung
• Arten mit transpaläarktischer Verbreitung und ohne Unterarten
• West- und ostpaläarktische Schwesternarten oder Unterarten
• Fließwasserarten
Verbreitungsgebiete und Arealgeschichten für jede dieser Gruppen werden für typische Arten ausführlich beschrieben und anhand von rezenten und in einigen Fällen hypothetischen kaltzeitlichen Arealkarten charakterisiert. Für verschiedene Regionen der Paläarktis werden Faunen vorgestellt, die noch einen mehr oder minder großen Anteil von kaltzeitlichen Faunenelementen beinhalten.
Die Abhandlung richtet sich nicht nur an Entomologen und Odonatologen. Auch für Wissenschaftler, deren besonderes Interesse der jüngeren Paläogeografie, der Zoogeografie oder klimatisch bedingter evolutiver Prozesse gilt, ist dieser Band relevant. Die hier vorgestellten Ergebnisse sind auch für den Artenschutz von eminenter Bedeutung, befinden wir uns doch gerade in einer Zeit dynamischer Klimaveränderung.

Rezension in Libellennachrichten, Heft 44, Juli 2020 Haut de page ↑

Woher stammst du? Diese Frage hat jeder bestimmt schon mehrmals beantworten müssen, ganz egal, ob er in ein neues Umfeld in seiner Stadt oder in eine ganz neue Umgebung gelang­te. Woher stamme ich? Diese Frage nach den­ eigenen Wurzeln, nach der Herkunft der eigenen Familie und deren Urahnen, hat sich wohl auch schon jeder einmal gestellt. Die das zu beantwor­ten versuchende Ahnenforschung boomt gerade, auch (oder gerade) wegen des Internets, in dem viele alte Urkunden und Kirchenbücher digital verfügbar sind. Mit Glück lässt sich so die Fami­liengeschichte der letzten 200 bis 500 Jahre nach­ vollziehen.
Was aber, wenn die Vergangenheit viel länger zurückreicht als 500 Jahre? Was, wenn nicht die Herkunft der Familie die Fragestellung ist, sondern die Herkunft der Sippe, des Volkes, gar der Art? Dann gibt es keine schriftlichen Aufzeich­nungen mehr, dann müssen andere Möglichkeiten der Erkenntnisgewinnung genutzt werden. Hier­über forscht die Biogeografie. Sie versucht, die Verbreitung und Ausbreitung von Organismen auf dieser unserer Erde zu beschreiben.
Die Biogeografie der rezent im deutschsprachi­gen Raum vorkommenden Libellen wird seit vielen Jahrzehnten untersucht. Meilensteine waren die Arbeiten von ST. QUENTIN (1960) und DE LATTIN (1967), die eine Refugialfauna (die Tiere überdauerten das Pleistozän [„Eiszeitalter“, ende­te vor ca. 10000 Jahren] in südlichen, wärmeren Refugien, folgten den abschmelzenden Gletschern in einem gewissen Abstand und erschlos­sen so neue Lebensräume) und eine Invasions­fauna (die Tiere drangen nach dem Schmelzen des Eises insbesondere aus dem Osten kommend in bis dahin leere Lebensräume ein) postulierten. Zuletzt konnte diese Ausbreitungsart bei der Feuerlibelle (Crocothemis erythraea) nachvollzogen werden, die (anscheinend als Folge der Klimaer­wärmung) innerhalb kurzer Zeit Deutschland eroberte (OTT 2010) und mittlerweile fester Bestandteil der Fauna ist. Was ist aber mit den kälteadaptierten Arten wie der Alpen-­Mosaik­- jungfer (Aeshna caerulea) oder der Alpen-­Sma­ragdlibelle (Somatochlora alpestris), die in Mitteleuropa die höheren Lagen der Gebirge besiedeln, oder mit der Nordischen Azurjungfer (Coenagrion johanssoni), die erst in Skandinavi­en und dem nördlichen Baltikum heimisch ist? Lassen deren rezente Vorkommen auf eine mediterrane Vergangenheit schließen?
Vielleicht waren es diese Fragen, die den Autor bewogen, den seit den 1970er Jahren entstande­nen Hypothesen, dass die eiszeitlichen Kältestep­pen eben doch nicht lebensfeindlich waren und im Gegenteil eine große Anzahl von Pflanzen und Tieren beherbergten, am Beispiel der Libel­len nachzugehen. Das Ergebnis seiner langjähri­gen Forschungen, die mit einem ersten kleineren, noch recht spekulativen Beitrag in der sächsi­schen Landesfauna (BROCKHAUS 2005) begannen und viele interessante Zwischenschritte in Form von Fachvorträgen (auch auf verschiedenen GdO­Jahrestagungen) und ­-veröffentlichungen (auch in verschiedenen Heften der Libellula) hervorbrachte, liegt nun in Form dieses Buches vor. Es hat das Ziel, die verschiedenen Areal-­ und Ausbreitungstypen der boreal verbreiteten paläarktischen Libellen darzustellen und neu zu interpretieren. Für seine Forschungen wertete der Autor ein umfangreiches, oftmals russischspra­chiges und deshalb in der „westlichen Welt“ eher unbekanntes Schrifttum aus (allein das 20­-seitige Literaturverzeichnis des Buches listet 586 Quellen auf), führte ausführliche Diskussionen mit russischen und anderen, zumeist osteuropäischen Kollegen, und bereiste schließlich selbst entlege­ne Regionen der nördlichen Paläarktis, um Antworten auf seine Fragen zu erlangen.
Die vom Autor in diesem Buch detailliert begründete Theorie verschiedener Genesen kälteadaptierter oder kältetoleranter Libellen bedarf einer etwas umfassenderen Einführung in diese Thematik. Deshalb ist dem Hauptteil des Buches ein ebenso umfangreicher einleitender Teil vorangestellt, der in sieben Kapiteln vorpleistozäne und pleistozäne fossile Libellenfunde, die Paläarktis als zoogeografischen Raum und glaziale Serien sowie kaltzeitliche Landschaften und Lebensräume vorstellt sowie, darauf aufbauend, Hypothesen zu kaltzeitlichen Wirbellosenfaunen präsentiert, arealdynamische und ökologische Aspekte rezenter borealer Lebensräume erläutert sowie rezente und kaltzeitliche Areale paläarkti­scher Libellen benennt.
Im Hauptteil des Buches werden elf verschiede­ne Verbreitungstypen kälteadaptierter und kältetoleranter Libellenarten diskutiert. Das Spektrum reicht hierbei von zirkumsubarktischen und zirkumtundralen „Permafrostbodenarten“ bis hin zu kältetoleranten Fließwasserarten mit verschiede­nen kaltzeitlichen Refugien. Jeder einzelne Verbreitungstyp wird kurz vorgestellt und anhand einer (einmal zweier) exemplarischer Libellen­art(en) deren rezente und hypothetische kaltzeit­lichen Areale vorgestellt, ihre Artgenese her­geleitet und weitere Arten mit einer möglichen gleichen Verbreitungsgeschichte aufgeführt. Jede Beispielart wird mit Bild, einer Karte ihrer rezen­ten Verbreitung und oftmals mit Bildern ihrer rezenten Lebensräume vorgestellt. Für die Erstel­lung der Karten wertete der Autor die Originalli­teratur neu aus und ließ fragwürdige Angaben oder die in anderen Arbeiten manchmal vorkommenden „Angaben von Gewährsleuten“ außen vor.
Eine umfangreiche Zusammenfassung auf Deutsch, Englisch und Russisch ist dem Buch vorangestellt und erlaubt einen ersten Überblick über den Inhalt des Buches.
Neben dem eigentlichen (und in meinen Augen sehr geglückten) Zweck des Buches, dem Lesenden Hinweise und Beweise für nicht libellenlee­re Kältesteppen im Pleistozän zu präsentieren, ist dieses Buch auch in anderen Hinsichten bemerkenswert. Ganze 23 Einzelseiten (davon zwei Doppelseiten) beinhalten nur Fließtext (in einer angenehm zu lesenden Schriftgröße 12), zu allermeist aber aufgelockert durch Überschriften. Zwei Doppelseiten enthalten überhaupt keinen Fließtext, dafür teilen sie sich mit den vielen anderen Seiten insgesamt 109 Abbildungen und 15 Tabellen (plus eine sehr umfangreiche Tabelle in der Zusammenfassung). Hervorzuheben ist, dass die Artbilder der Libellen zumeist nicht aus sächsischen (Heimatland des Autors) oder deutschen Vorkommen stammen, sondern von Populationen aus den nördlichen Randbereichen des jeweiligen Verbreitungsgebietes, die der Autor extra bereis­te. Zum Teil sind aber die Reproduktionen aus der verwendeten Literatur nur in schlechter Auf­lösung wiedergegeben (z.B. die Abbildung 4.5 auf Seite 29), die Primärquellen sind aber im Internet leicht zu finden. Insgesamt 14 farblich abgesetzte persönliche Anekdoten, meist aus den bereisten Gebieten, runden das Buch ab.
Bemerkenswert ist außerdem, dass der Autor auch sprachlich konsequent Fakten und Hypothe­sen trennt. Nutzt er bei Fakten den Indikativ eines Verbes („ist“, „kommen vor“), verwendet er bei Hypothesen den Konjunktiv („es wäre derart vorstellbar“, „es könnte so verlaufen sein“).
Ich habe beim Lesen Verweise im Text auf die Abbildungen vermisst. So schwankte ich bei jeder Seite auf’s Neue, ob ich erst den Text bis zum Unterkapitelende weiterlesen oder erst die Abbildungen studieren solle. Auch beinhalten die Kapitel im einleitenden Teil leider keine Unterstrukturierungen bei den Überschriften: Es gibt laut Inhaltsverzeichnis nur zwei Ebenen, der Text benennt aber mindestens vier (insbesondere im Kapitel 6). Und noch eines habe ich vermisst: eine Karte mit geografischen Angaben insbesonde­re von Russland. Ich möchte von mir behaupten, dass ich geografisch einigermaßen bewandert bin und in Russland ganz grob die Lage von St. Petersburg, Moskau und dem Ural einordnen kann, vom Baikalsee und Kamtschatka ganz zu schwei­gen. Die Region Primorje aber, die Republiken Komi und Tuva, die Oblast Archangalsk, die Jamal­-Halbinsel und die oft erwähnte Stadt Worku­ta konnte ich jedoch nur mit einem zur Hilfe genommenen Atlas verorten. Dies sind jedoch nur Petitessen im Vergleich zu dem umfangreich recherchierten, enormes Wissen wiedergebenden, wissenschaftlich und trotzdem lesbar geschriebe­nen Inhalt dieses Buches.
Es ist dem Autor zu wünschen, dass sein Buch trotz des recht hohen Preises eine weite Verbrei­tung unter ehrenamtlichen, wissenschaftlichen und professionellen Libellenkundlern und Biogeografen findet und so zu einer breiten Diskus­sion über die Genese kälteadaptierter und kältetoleranter Organismen beitragen wird.

Martin Lemke

Inhaltsverzeichnis Haut de page ↑

Dank
Zusammenfassung Summary Резюме
1 Einleitung
2 Auswahl vorpleistozäner (tertiärzeitlicher) Libellenfaunen und
fossile Libellenfunde aus dem Pleistozän
2.1 Vorpleistozäne Libellenfaunen
2.2 Fossile Libellenfunde aus dem Pleistozän
3 Die Paläarktis als zoogeografischer Raum
4 Glaziale Serien, kaltzeitliche Landschaften, kaltzeitliche Lebensräume
Glaziale Serien
Kaltzeitliche Landschaften
Kaltzeitliche Lebensräume
5 Hypothesen zu kaltzeitlichen Wirbellosenfaunen
Nunatakfauna
Dinodalfauna
Invasionsfauna
Refugialfauna
Gletscherrandarten, Periglazialfauna
Kälteadaptierte Arten
Kältetolerante Arten
6 Einige arealdynamische und ökologische Aspekte rezenter borealer
Libellenfaunen
Ausbreitungsvermögen
Individuelle Leistungsfähigkeit
Populationsebene
Lineare Populationssysteme
Gestreute Populationssysteme
Gestreute Populationssysteme mit Spenderpopulationen
Ausbreitung von Individuen und Populationen
Arealebene
Kältegeprägte Lebensräume und Angepasstheit
Habitate
Larvenhabitate
Imaginalhabitate
Nahrung
Temperaturbeeinflusste Entwicklungsstadien
Wärmeakkumulation durch die Imagines
Kälteverträglichkeit der Larven und Imagines
Fortpflanzungsaktivitäten und Entwicklungszyklen
Kälteadaptierte und kältetolerante Arten
7 Rezente und kaltzeitliche Areale paläarktischer Libellen
Libellenfaunistik und rezente Areale
Kaltzeitliche Areale
8 Die Faunen
8.1 Die subarktische und boreale kälteadaptierte Libellenfauna
8.1.1 Zirkumsubarktische und zirkumtundrale Arten „Permafrostbodenarten“
Somatochlora sahlbergi
8.1.2 Rezent boreomontan verbreitete Arten
Beispiel Somatochlora alpestris
8.1.3 Stenotope Arten mit borealer Verbreitung
Beispiel Aeshna subarctica
8.1.4 Rezent transpaläarktisch-boreomontan verbreitete Arten
Beispiel Coenagrion armatum
8.1.5 Ostpaläarktische Kaltzeitwanderer, disjunkte Areale sibirischer Arten
Beispiel Coenagrion hylas
8.1.6 Spätglaziale Gletscherrandwanderer
Sympecma paedisca
8.2 Die boreale Fauna kältetoleranter Libellenarten
8.2.1 Westpaläarktische Arten
Beispiel Pyrrhosoma nymphula
8.2.2 Arten mit west- bis zentralpaläarktischer Verbreitung
Beispiel Platycnemis pennipes
8.2.3 Arten mit transpaläarktischer Verbreitung und ohne Unterarten
Beispiel Gemeine Binsenjungfer Lestes sponsa
8.2.4 West- und ostpaläarktische Schwesternarten oder Unterarten
Beispiel 1 Erythromma najas
Beispiel 2 Somatochlora metallica
8.2.5 Fließwasserarten
Beispiel Ophiogomphus cecilia
9 Rezente Kaltzeitfaunen
Die Reste der Doggerlandfauna auf den Orkney-Inseln
Die Nunatak-Fauna von Trøndelag
Die postglaziale Ancylus-Fauna
Kaltzeitliche Relikte im Atlasgebirge Nordafrikas
Die Libellenfauna Kamtschatkas
Die Beringia-Fauna
10 Kaltzeitliche Arealerweiterungen und warmzeitliche Refugien von Kaltzeit-
libellen, die Jenissei-Faunenscheide
11 Literatur
Register