Ein halbes Jahrhundert ist vergangen seit Alfred Wegener’s
bahnbrechendes und ideenreiches Buch unter obigem Titel in der
1. Auflage erschien. Nur selten brachte eine neue Theorie so
umwälzende Gedankengänge in die Naturwissenschaften wie die
Kontinentalverschiebungstheorie A. Wegener’s, denn diese hatte den
Geographen, Geologen, Geodäten, Geophysikern, Zoologen und Botanikern
grundsätzlich Neues zu sagen. Die Wegener’sche Theorie trug auf
Anhieb eine solche Fülle bestechender Argumente aus allen diesen
Fachgebieten vor, daß sie sehr bald viele Anhänger fand. Fast
unbegreiflich erscheint uns jetzt, da die Theorie in großen Zügen
bewiesen wird, wie ablehnend manch führender deutscher Geologe der
vergangenen Jahrzehnte diesem genialen Gedankengut gegenüber stand.
A. Wegener leitete aus zahlreichen Beobachtungen, wie
z. B. Gleichförmigkeit der Küsten der Südkontinente, Verbreitung
paläozoischer Lebensgemeinschaften (Mesosaurus u. a.) auf der Erde,
Gondwanavereisung usw., die horizontale Verschiebung der Kontinente
als leichte Sialschollen schwimmend auf dem schwereren plastischen
Untergrund des Simas ab. Nach dem damaligen Stand der
Geowissenschaften mußte für A. Wegener die größte Schwierigkeit in der
Erklärung der Driftursachen bestehen. Messungen der Wärmeströmungen in
der Erdkruste brachten z. B. jetzt das Ergebnis, daß im Bereich des
Atlantischen Rückens der Wärmefluß siebenmal größer als im
Durchschnitt in den Kontinenten ist. Ferner konnte durch die
Erdbebenforschung nachgewiesen werden, daß der Atlantische Rücken ein
seismisch sehr aktives Gebiet ist und daß die zircumpazifischen
Kontinente gegen den pazifischen Ozean auf 25-45° geneigten
Gleitbahnen aufgleiten, weil die Epizentren der Beben auf diesen
Gleitbahnen je tiefer unter den Kontinenten liegen, um so weiter sie
von den Küsten entfernt auftreten. Aus diesen Tatsachen u. a. muß man
auf großräumige Strömungswalzen im Erdmantel schließen
(Konvektionsströme), die als Ursache der Kontinentaldrift angesehen
werden. Auch der Vergleich von paläomagnetischen Messungen (in
erdgeschichtlichen Basaltergüssen) in vielen Regionen der Erde
bestätigte über die Rekonstruktion der jeweiligen Pollagen die
Driftbewegung der Kontinente im Verlauf der Erdgeschichte. Auf den
Wegener’schen Ideen aufbauend trat in jüngster Zeit Pascal Jordan mit
einer Theorie der Erdexpansion an die Öffentlichkeit. Danach soll im
Zuge einer allgemeinen Schwerkraftverringerung im Weltall die Erde
sich ständig vergrößert haben. Nach P. Jordan’s Vorstellungen lagen
die Kontinente ursprünglich so dicht aneinander, daß sie die gesamte
Oberfläche einer erheblich kleineren Erde ausmachten. Der Geologe
sieht die Schwierigkeiten einer solchen Erklärung vor allen Dingen in
der Frage, wo sich auf der kleineren Erde die ozeanischen Wassermassen
befanden, denn die großräumigen flachmarinen Ablagerungen vom Kambrium
durch die ganze Erdgeschichte hindurch in den Becken auf den
Kontinenten beweisen die stets etwa gleichmäßige Höhe des
Meeresspiegels. Auch geht P. Jordan von den Konturen der heutigen
Kontinente als Großschollen schon seines präkambrischen Erdbildes aus,
obwohl viele Gebiete der heutigen Kontinente, wie z. B. die
Geosynklinalen als Vorgänger der heutigen Faltengebirge, hochmarine
Senkungsgebiete im Laufe der Erdgeschichte waren. A. Wegener hat
bereits vor 50 Jahren überzeugend dargelegt, daß die driftenden
Kontinente die kristallinen Schilde waren, an die im Laufe der
Erdgeschichte die Faltengebirge, aus den Geosynklinalen hervorgehend,
angefaltet wurden. Wenn dabei Vorstellungen von einer Art
„bugwellenförmiger“ Auffaltung vor den driftenden Kontinenten
entwickelt wurden und diese Voraussetzungen nicht immer mit dem
zeitlichen Ablauf der tatsächlichen Faltungen übereinstimmten, so
liegt das vor allen Dingen daran, daß A. Wegener zu seiner Zeit mit
seinem begrenzten technischen Mitteln die Konvektionsströme im Innern
der Erde noch nicht erkennen konnte, die die Ursache für Graben- und
Gebirgsbildung sind. Dem Verlag sei vielmals gedankt für die erneute
Auflage dieses, seiner Zeit weit vorausgeeilten Werkes. Er rief damit
den genialen Menschen Alfred Wegener, der im November 1930 im
Inlandeis von Grönland im Dienst an der Wissenschaft starb, in unser
aller Erinnerung zurück.
Gerhard Bischoff Zfg, 10,3, S. 212