Beitrag

Einige wiederentdeckte geologische Kartenwerke zum Nördlinger Ries und ihre Beziehung zu den frühesten Entstehungstheorien in der Pionierzeit der Riesforschung vor 1870

[Rediscovered geological maps of the Nördlinger Ries and their relationship to the earliest formation theories in the pioneering days of Ries research before 1870]

Sachs, Oliver

Kurzfassung

Das Nördlinger Ries gilt als Lehrbuchbeispiel in der Impaktforschung. Das liegt auch daran, dass seit mindestens 270 Jahren der Rieskrater mit seiner Umgebung Gegenstand intensiver geologischer Forschung ist. Und das bis heute! Die meisten geologischen Publikationen beginnen geschichtlich mit der Riesforschung des Jahres 1870. Der vor diesem Zeitraum liegende Abschnitt wurde immer sehr ungenau, fragmentarisch und vage umschrieben. Die vorliegende Studie behandelt den Zeitraum vor 1870, also genau jenen zeitlichen Bereich der Erforschung des Nördlinger Rieses, der bisher wissenschaftshistorisch kaum beleuchtet wurde: die Pionierzeit. Diese Zeit beginnt im Prinzip mit der Renaissance und reicht für die Riesforschung bis zum Jahr 1870, jenem Jahr, als die ersten „frühmodernen“ geologischen Karten und die ersten ausführlichen Entstehungstheorien bekannt wurden. In der Pionierzeit war noch sehr wenig zur eigentlichen Topografie (Höhenpunkte, präzise Lage von Orten, Flüssen, Straßen und Wegen) und noch weniger zur Geologie des Rieses bekannt. So war das Ries bis 1821 auf den geologischen Karten „unsichtbar. “ Ab 1822 tauchte erstmals eine „Riesbucht“ in der Mitte der Schwäbisch-Fränkischen Alb auf und erst ab 1833 erhielt das Nördlinger Ries seine Kreisform. Zwischen 1821 und 1833 musste nach und nach eine Form für das Ries gefunden werden. Alle Karten dieser Zeit wurden meist von Hand koloriert und sind extrem selten oder gar Unikate! Darum sind diese Karten auch völlig in Vergessenheit geraten. Die vorliegende Arbeit behandelt ein Stück Kartografiegeschichte, die mit der damals noch kaum bekannten Geologie sowie noch zu entwickelten Drucktechniken und den dafür notwendigen neuen Farben zu kämpfen hatte. Mit den immer detaillierteren Beobachtungen zu den ungewöhnlichen Gesteinen des Rieses, der unerklärlichen geologischen Lagerung von älteren Gesteinen über jüngeren, von polierten Schliff-Flächen und „Riesbelemniten“ rückte das Nördlinger Ries in den 1860er Jahren zunehmend in den Fokus geowissenschaftlicher Forschung. Als dann die Schachtgrabungen und die frühesten Detailkartierungen rund um den Buchberg bei Bopfingen durchgeführt worden sind, wurden schließlich die ersten ausführlichen Entstehungstheorien formuliert. Die im Jahr 1870 bekannt gewordenen Theorien waren Schlussstein und Startpunkt: Das Ende der Pionierzeit und gleichzeitig der Beginn der frühmodernen Riesforschung.

Abstract

The Nördlinger Ries is considered a textbook example in impact research. The Ries Crater and its surroundings has been the object of intensive geological research for at least 270 years. And still today! Most geological publications begin historically with the Ries research of 1870. The period before this time was always described very imprecisely, fragmentally and vaguely. The study presented here deals with the time period before 1870 – the pioneering days – exactly the era in which research of the Nördlinger Ries took place but was rarely examined in scientific history until now. In principle, this time period begins with the Renaissance and, for Ries research, lasts until 1870, the year in which the first “early modern” geological maps and the first comprehensive formation theories became known. During the pioneering times very little was known about actual topography (elevation points, precise locations of places, rivers, streets and paths) and even less about the geology of the Ries. Thus, until 1821, the Ries was “invisible” on geological maps. From 1822 a “Ries bay” appeared for the first time in the middle of the Swabian-Franconian Alb, and only in 1833 did the Nördlinger Ries get its round shape. Between 1821 and 1833, little by little, a shape for the Ries had to be found. All maps of this period were mainly colored by hand and are extremely rare or even one-of-a-kind! That’s why these maps have completely fallen into oblivion. The study presented here deals with a part of cartographic history, which had to contend not only with geology barely known at that time as well as still developing print techniques and the new inks necessary. With the always more detailed observations of the unusual rocks of the Ries, the inexplicable deposition of older rock over younger, polished striated surfaces and “Ries belemnites”, the Nördlinger Ries moved increasingly into the focus of geoscientific research from the 1860s onward. After shaft excavations and the earliest detailed mapping around the Buchberg near Bopfingen were conducted, the first in-depth formation theories were finally formulated. The theories that became known in 1870 were keystone and starting point: the end of the pioneering days and at the same time the beginning of early modern Ries research.