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Diluviale Formengeschichte Ostholsteins

Wasmund, Erich

Kurzfassung

Ostholstein - seewärts der Linie Kiel-Neumünster-Lübeck - umfaßt die Landschaften Probstei, Wagrien, Land Oldenburg, die Insel Fehmarn und das Fürstentum Lübeck (= etwa Seengebiet der holsteinischen Schweiz). Jede einzelne dieser geschichtlich gewordenen, nur ungefähr umgrenzbaren Landschaften hat auch einen ganz bestimmten geomorphologischen Charakter kuppiger, flacher oder seenreicher Natur, nur den in der Neuzeit aufgeforsteten Sandrgebieten im Südwesten fehlt ein eigener Name. Ostholstein im Ganzen nimmt in den Herzogtümern morphologisch schon nach den äußeren Daten eine Sonderstellung ein: es umfaßt im Hessenstein (138 m) und im Bungsberg (168 m ü. M.) die höchsten Höhen des Landes und birgt in seinen Seen eine größere Zahl von Kryptodepressionen, wie etwa im Großen Plöner See (- 45 m u. Ostsee). Dabei berücksichtigen wir nicht die Depressionen in direkter Ostseenähe, wie den durch Versalzung bei Sturmfluteinbruch bekannten Hemmelsdorfer See, dessen Spiegel ja nicht wie die eigentlichen Binnenseen an sich 20-30 m über Seehöhe liegt. Wenn wir nach unseren bisherigen Bohrergebnissen in den Seengebieten die postglaziale lakustrische Sedimentation auf mindestens 30 m in den größeren Tiefen veranschlagen, so haben wir damit in Ostholstein Gesamthöhenunterschiede von ca. 200 m. Das ist eine Reliefenergie, die sich in Schleswig-Holstein nirgends auch nur entfernt wiederholt, und die an die im deutschen Osten - allerdings dort tektonisch erklärbaren - bekannten diluvialen Höhenunterschiede gemahnt. Wir sehen dabei von den tiefliegenden diluvialen Oberflächen an der Westküste (Bohrung Tönning usw.) ab, da wir uns dort im Gebiet der Küstensenkung befinden, die sicher nicht nach der Ostküste übergriff. Wer im Herzen Ostholsteins, und in seiner schönsten Landschaft, im Seengebiet, anfängt, im Gelände und mit der Karte in der Hand die diluviale Formenwelt zu studieren, wird um so weniger zur Klarheit kommen, wenn er wie der Verfasser mit Vorstellungen und Anschauungen aus quartärgeologisch klassischen Gebieten kommt. Kränze und Staffeln von Endmoränen, terrassierte Rinnen mit Sandrkegeln, hintereinander geschaltete Zweigbecken und Zungenbecken wird man hier vergeblich suchen. Und wenn sie da sind, handelt es sich um konvergente Formen, wie etwa das Schein-Zungenbecken des Selenter Sees, die genetisch nichts mit den bekannten Formen der PENCK'schen ,Glazialen Serie" zu tun haben. Die Unentwirrbarkeit der Höhen und Tiefen, der Kuppen und Senken, hat ihre Ursache darin, daß hier eine jungglaziale Landschaft auf engstem Raum fluvioglazigen derart zerstört, zerschnitten und verschüttet worden ist, daß das nur in einer besonderen Situation begründet sein kann. ...